Neues vom ECTRIMS 2020 – Übergewicht als Risikofaktor

Das diesjährige Meeting des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) fand vom 11. bis 13. September 2020 und am 26. September 2020 – erstmals aufgrund der Corona-Pandemie komplett virtuell – statt. Die ECTRIMS Tagung (in diesem Jahr auch als Joint Meeting mit den amerikanischen Kollegen) ist der wichtigste wissenschaftliche MS-Kongress und der Impulsgeber im Hinblick auf Grundlagenforschung, Diagnostik und Therapie bei Multipler Sklerose. In mehr als 1.000 Vorträgen und Postern wurden die aktuellsten Themen und Strömungen bei MS in den Fokus genommen. Angesichts der Fülle von Daten ist es natürlich schwierig bis unmöglich, einen umfassenden Überblick über die derzeitigen Forschungsaktivitäten zu geben. Ich möchte mich daher auf einige Themen konzentrieren, von denen ich glaube, dass sie richtungsweisend sind und in Zukunft wahrscheinlich intensiv diskutiert werden.

In diesem Beitrag werde ich noch kurz auf das Thema „Risikofaktor Übergewicht“ eingehen. Es werden dann noch Beiträge zu den Themen Krankheitsprogression, Prodromalstadium der MS und Biomarker folgen. Außerdem gab es am letzten Tag der ECTRIMS noch ein Sondersymposium zum Thema MS und COVID19, über dessen Ergebnisse ich bereits berichtet habe.

Die Identifikation von Risikofaktoren für die Entstehung einer Multiplen Sklerose stößt häufig, auch bei medizinischen Laien, auf großes Interesse. So wurde z.B. in den letzten Jahren intensiv über die Rolle von Vitamin D diskutiert, auch in therapeutischer Hinsicht. Mindestens ebenso interessant ist der Faktor Übergewicht, vor allem deswegen, weil es sich um einen beeinflussbaren Risikofaktor handelt, der zudem auch für viele andere Erkrankungen eine Rolle spielt. Seit mehr als 10 Jahren mehren sich die Hinweise aus klinisch-epidemiologischen Studien, dass Übergewicht in der Adoleszenz, vor allem bei Frauen, ein Risikofaktor für die spätere Entwicklung einer MS darstellt und das Übergewicht auch mit einem früheren Erkrankungsbeginn und ungünstigerem Verlauf assoziiert ist (wer das noch genauer nachlesen will: Der Review-Artikel von Gianfrancesco MA, Barcellos LF. Obesity and Multiple Sclerosis Susceptibility: A Review. J Neurol Neuromedicine. 2016;1(7):1-5 ist frei im Internet erhältlich).

Auf dem diesjährigen ECTRIMS wurde dieses wichtige Thema nochmals vertieft. Es wurden Daten präsentiert, die unterstreichen, dass krankhaftes Übergewicht den Verlauf und das Ansprechen auf eine MS- Therapie nachteilig beeinflussen kann. So zeigte sich bei übergewichtigen Patienten ein schlechteres Ansprechen auf eine Basistherapie der Multiplen Sklerose und ein höherer Bedarf an Zweitlinientherapien zur Kontrolle der Erkrankung. Darüber hinaus konnte eine Korrelation eines erhöhten Bodymass-Index mit der Atrophie retinaler Fasern gefunden werden (die Netzhaut ist ein Teil des Gehirns, an dem man den Verlust von Nervenfasern einfach untersuchen kann). Und auch eine Assoziation eines erhöhten Bodymass-Index mit einer Reduktion des Hirnvolumens konnte in Studien bestätigt werden. Einen Erklärungsansatz für die schweren Verläufe bietet die Tatsache, dass insbesondere die metabolische Aktivität von viszeralem Fett („Bierbauch“) zu einer chronischen systemischen Inflammation führt. Diese systemische Entzündung gilt bereits als gesicherter Risikofaktor für viele internistische Erkrankungen, wie Diabetes, Arteriosklerose oder Tumorwachstum und dürfte auch im Kontext von Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle spielen.

Interessanterweise konnte schon vor einigen Jahren gezeigt werden, dass die Behandlung eines metabolischen Syndroms (also dem Symptomenkomplex, zu dem Übergewicht zählt) zu einer Reduktion der Entzündungsaktivität bei MS-Patienten führen kann – es fanden sich bei behandelten übergewichtigen Patienten weniger neue Herde in der zerebralen Kernspintomographie.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung und aber vor allem auch die Vermeidung von krankhaftem Übergewicht zukünftig eine wichtige Rolle in der Betreuung von MS-Patienten spielen muss.

Ein Kommentar

  1. EINE GEWICHTIGE NATION

    Die Deutschen haben Übergewicht,
    Es drohen Diabetes und Gicht.
    In uns’rer unendlichen Freiheit
    Sind wir frei jeder Enthaltsamkeit.

    Wir lieben süße Getränke,
    Abends das Bier in der Schänke.
    Die vielen Burger und Muffins
    Fordern sichtbar ihren Zins.

    Im ungebremsten Autowahn
    Wird kaum ein Schritt zu Fuß getan.
    In der digitalisierten Welt
    Sind die Weichen auf Sitzen gestellt.

    Medienkonsum ohne Pause,
    Stress in Beruf und zu Hause;
    Am Ende steht die große Zahl
    Von Herzinfarkt und Schlaganfall.

    Es ist höchste Zeit zu handeln,
    Uns’ren Lebensstil zu wandeln;
    Etwas Disziplin und Vernunft
    Für eine leichtere Zukunft.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

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