Neues vom ECTRIMS 2020 – MS-Management zu Zeiten von COVID19

Am letzten Tag des virtuellen ECTRIMS-Meetings widmete sich eine komplette Session den aktuellen Entwicklungen bei MS und COVID19. Mit großem Interesse werden derzeit die Updates der rund um den Globus durchgeführten Fallkontrollstudien zum Outcome von MS-Patienten mit COVID19 Erkrankung verfolgt. Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass es sich immer noch um relativ geringe Zahlen handelt, insbesondere wenn Subgruppen mit unterschiedlichen Behandlungen betrachtet werden. Interessant war das Update des französischen COVISEP Registers – hier wurden mittlerweile 405 MS-Patienten mit COVID19 eingeschlossen und ihr klinisches Outcome anhand einer 7-stufigen Schweregradskala beurteilt (ab > Grad 3 Behandlung im Krankenhaus). Die Autoren konnte zeigen, dass das Risiko für einen schweren COVID19 Verlauf auch bei MS-Patienten mit dem Alter und dem Behinderungsgrad (EDSS) zunimmt. Es konnten auch Patientengruppen mit unterschiedlichen MS-Therapien in Bezug auf den klinischen Verlauf der COVID19 Erkrankung bewertet werden. Hier fanden sich in der Gruppe der unbehandelten MS-Patienten die ungünstigsten Verläufe. Mit Hilfe einer multivariaten Regressionsanalyse wurden dann die Kausalitätsbeziehungen untersucht. Diese Analyse ergab ein höheres Risiko für einen schweren COVID19 Verlauf bei höherem Lebensalter, höherem EDSS, kardialen Vorerkrankungen und Fettleibigkeit – also ähnliche Risikofaktoren wie in der Allgemeinbevölkerung. Ein reduziertes Risiko für einen ungünstigen Verlauf fand sich bei Patienten mit einer immunmodulatorischen Therapie mit MS-Basistherapien.

Eine weitere wichtige Datengrundlage beruht auf der sog. Global Data Sharing Initiative – eine weltweite Datensammlung, an der auch viele europäische Länder mitwirken. Diese Fall-Kontroll-Studie umfasst mittlerweile 1540 MS-Patienten. Auch diese Patienten wurden mit den unterschiedlichsten MS-Medikamenten behandelt, wobei überproportional viele Patienten B-Zell-depletierende Therapien (Rituximab, Ocrelizumab) erhalten haben, was u.U. auf eine statistische Verzerrung hindeuten könnte (observational bias). In der Studie wurden die Endpunkte Krankenhauseinweisung, Aufnahme auf eine Intensivstation, Beatmung und Tod untersucht. Wie auch in anderen Studien waren das Erreichen dieser Endpunkte mit höherem Lebensalter, dem Vorliegen einer progressiven multiplen Sklerose und mit EDSS-Werten von > 6 assoziiert. In Bezug auf die MS-Therapien konnten die Autoren feststellen, dass neben unbehandelten Patienten auch Patienten, die mit einer B-Zell-depletierenden Therapie behandelt wurden, ein höheres Risiko für einen schwereren COVID 19 Verlauf hatten. Interessant ist, dass Patienten mit B-Zell-Depletion zwar häufiger ins Krankenhaus und auf eine Intensivstation aufgenommen wurden, allerdings nicht häufiger an COVID19 gestorben sind. Außerdem muss bedacht werden, dass aufgrund der Zulassung von B-Zell depletierenden Therapien bei primär chronisch progredienter MS diese Behandlungsgruppe im Schnitt älter und deutlicher betroffen ist.

Diese Befunde der globalen Initiative decken sich mit den Beobachtungen des italienischen MS-Registers, in das nun mittlerweile fast 800 MS-Patienten mit COVID19 eingeschlossen wurden. Auch hier hatten mehr Patienten mit einer B-Zell-Depletion einen schweren Verlauf als anteilig zu erwarten gewesen wäre. Allerdings muss man sich vor Augen halten, dass diese Beobachtungen immer noch auf sehr kleinen Fallzahlen beruhen.

Dennoch wird das Bild zunehmend klarer und bestätigt letztlich die Aussagen, die MS-Experten bereits zu Beginn der Pandemie gemacht haben. Nicht die MS oder eine spezifische Therapie der MS erhöht das Risiko für einen schweren Verlauf von COVID19, sondern in erster Linie sind höheres Lebensalter und Begleiterkrankungen die wesentlichen Faktoren, die das Risiko erhöhen – wie in der Allgemeinbevölkerung auch. Es gibt demnach keinen Grund, jüngeren und ansonsten gesunden MS-Patienten eine Therapie aufgrund der Pandemie vorzuenthalten, bzw. eine Therapie zu verschieben. Die Auswahl eines Medikamentes sollte sich ausschließlich nach der Aktivität der MS richten. Bei MS-Patienten mit höherem Lebensalter, höherem Behinderungsgrad und internistischen Vorerkrankungen sollte mal allerdings zu Zeiten der Pandemie intensiver reflektieren, ob eine Zell-depletierende Immuntherapie wirklich indiziert ist.

Ein Kommentar

  1. Mit Interesse lese ich die Studie bezüglich implementierender Therapie.
    Ich habe gerade die zweite Einnahme Phase der ersten Episode cladribin hinter mich gebracht. Wann sind die Lymphozyten Zahlen am geringsten spricht wann wäre eine Infektion egal ob Corona irgendwas am wahrscheinlichsten?
    Ich arbeite mit behinderten Kindern in unterschiedlichen Einrichtungen und mache mir bezüglich einer Ansteckung mittlerweile doch große Sorgen….

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