Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

vitamine

Ein paar Gedanken zu Vitaminen

In den Kommentaren wurde ja immer wieder Vitamin D angesprochen – und ich werde definitiv demnächst auch ein paar Gedanken zu Vitamin D aufschreiben – ich möchte allerdings dem einige grundsätzlich Gedanken zu den Vitaminen voranstellen.

„Wenn es den Begriff nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“ – dieser Ausspruch einen Marketingfachmanns zu Vitaminen ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Vitamine – das klingt so positiv, so vital, so potent, und gleichzeitig so harmlos. Cholecalciferol, Retinol, Tocopherol, Ascorbinsäure – das klingt wie die Zutatenliste hinten auf dem Nutellaglas – wie wohltuend dagegen klingt Vitamin D (Cholecalciferol), Vitamin A (Retinol), Vitamin E (Tocopherol) und Vitamin C (Ascorbinsäure) – da taucht doch direkt ein wunderbarer frischer Salatteller vor dem geistigen Auge auf, oder?

Rein biochemisch gesehen sind Vitamine chemische Verbindungen, die der menschliche Körper für bestimmte (lebenswichtige) Funktionen benötigt, sie aber nicht selber in ausreichendem Maße herstellen kann. Sie müssen also demnach von außen (mit der Nahrung) zugeführt werden. Angesichts unserer mittlerweile sehr breiten Nahrungsmittelpalette und der Verfügbarkeit jedweder Nahrungsmittel zu jeder Jahreszeit ist es eigentlich bei normaler Ernährung, die noch nicht mal „gesund“ sein muss, ziemlich ausgeschlossen, dass man heutzutage in Mitteleuropa Gefahr läuft, einen Vitaminmangelzustand zu entwickeln. Das kann allenfalls bei extremen Restriktionsdiäten, bestimmten internistischen Erkrankungen oder schwerer Alkoholkrankheit passieren. Eine gezielte Substitutionsbehandlung ist in diesen Fällen notwendig.

Auf der anderen Seite muss man sich klarmachen, dass jede chemische Verbindung in Abhängigkeit von der Dosis auch Nebenwirkungen machen kann – so ist zum Beispiel für die Vitamin A-Vorstufe beta-Carotin bekannt, dass es hochdosiert bei Rauchern vermutlich das Lungenkrebsrisiko steigert. Wasserlösliche Vitamine hingegen – wie z.B. das Vitamin C – werden in der Regel bei Überversorgung einfach zum größten Teil wieder ausgeschieden. Also, bei nüchterner Betrachtung kann ich mich der grundsätzlichen Begeisterung für eine Vitaminsubstitution zur Therapie oder Prävention von chronischen Erkrankungen nicht so recht anschließen. Angesichts des derzeit verfügbaren Nahrungsangebotes benötigen wir keine zusätzliche Vitaminsubstitution.

Ich will aber eine kleine Einschränkung hinsichtlich meiner Grundhaltung machen – die Vitamin D Story bei MS ist in der Tat ganz interessant und ziemlich spannend. Daher kann ich den Wunsch eines MS Betroffenen zur Substitution von Vitamin D durchaus verstehen und würde das auch unterstützen – ob ich es selbst machen würde, wenn ich MS hätte weiß ich nicht – aber dazu später….

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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4 Kommentare zu “Ein paar Gedanken zu Vitaminen

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer,

    Zum Vitamin D möchte ich Ihnen hiermit meine Gedanken, Literaturrecherchen und Erfolgsmeldungen von anderen MS-Betroffenen mitteilen.

    1. Vitamin D hat eine vielfältige Wirkung:
    • Fördert die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm in die Knochen
    • Es stärkt die Muskeln
    • Stimuliert ihr Wachstum
    • Fördert die Koordination
    • Es stimuliert das Immunsystem:
    • Maßgeblich an der Immunantwort auf Erreger beteiligt
    • mildert Überreaktionen ab (z. B. bei Multipler Sklerose)
    • senkt die Entzündungsbereitschaft.
    • Wahrscheinlich reduziert es das Risiko
    • auf Herz-Kreislauf-Leiden,
    • Rheuma,
    • Diabetes Typ II
    • oder eine Autoimmunerkrankung wie Diabetes Typ I.

    2. Vitamin D: Prävention statt Reparaturmedizin!
    – Senkt die allgemeine und kardiovaskuläre Sterblichkeit
    – Senkt den Blutdruck, verbessert die Herzmuskelfunktion und den Fettstoffwechsel
    – Stärkt das Immunsystem und verringert das Risiko für Atemwegsinfekte (grippaler Infekt)
    – Verringert das Krebsrisiko (z.B. Brustkrebs, Dickdarmkrebs)
    – Senkt das Risiko für Typ-1-Diabetes und verbessert den Stoffwechsel bei Typ-2-Diabetes
    – Hält Entzündungsherde im Körper in Schach
    – Schützt die Nervenzellen (z.B. Multiple Sklerose, Demenz)
    – Kräftigt die Knocken und Muskulatur, senkt das Risiko für Oberschenkelhalsbrüche und verzögert die Pflegebedürftigkeit im Alter

    3. Positive Studien in Bezug auf MS:
    a) Kimball: Sicherheit von Vitamin D3 bei Multipler Sklerose. – PMID 17823429 (2007)
    12 Patienten erhielten über einen Zeitraum von 28Wochen 1200mgCalzium und steigende Mengen von 28´000 bis 280´000IE Vitamin D pro Woche. Durchschnittliche Vitamin D Serum Konzentrationen stiegen von 31 ng/ml auf 154 ng/ml. Die Anzahl von Gadolinium-Läsionen pro Patient (mit einer Kernspingehirnuntersuchung beurteilt) verringerte sich von dem anfänglichen Mittelwert von 1,75 an den Ende der Untersuchung Mittelwert von 0,83. Patientenserum 25 (OH) D-Konzentrationen erreichte zweimal das obere Ende der physiologischen Bereich ohne Hervorrufen Hyperkalzämie oder Hyperkalziurie. Obwohl die Studie lediglich die sichere Applikation hoher Vitamin D-Dosen unter Beweis stellen sollte, wurde eine signifikant sinkende Anzahl an Läsionen im MRT beobachtet.

    b) Derakhshandi: Vorbeugende Wirkung von D3 auf die Umwandlung einer Sehnerventzündung zur MS – PMID: 23250818 (2013)
    20% der MS Fälle fangen mit einer Optikusneuritis an und 50% der Patienten entwickeln innerhalb von 15 Jahren eine MS.
    Das Ziel dieser Studie war die vorbeugende Wirkung von Vitamin D3 auf die Umwandlung einer Sehnerventzündung in eine MS und auf die MRT-Läsionen bei Patienten mit niedrigen Serum 25 (OH) D-Spiegel.
    Dreißig Sehnerventzündungspatienten im Alter von 20 bis 40 Jahre mit Serum 25 (OH) D-Spiegel von weniger als 30ng/ml wurden in einer doppelblinden, randomisierten Parallelgruppen-Studie aufgenommen. Die Behandlungsgruppe erhielten pro Woche 50.000 IE Vitamin D3 über 12 Monate. Ergebnis: Die Risikoreduzierung für die Umwandlung zur MS war mit 68,4% in der Behandlungsgruppe stark signifikant und die Verabreichung von Vitamin D3 an Patienten mit niedrigen Serum Vitamin 25 (OH) D-Spiegel kann den Beginn eines zweiten klinischen Aktivität und die anschließende Umwandlung in MS verzögern.

    c) M. Hutchinson: Als Mitglied des medical advisory board für die CONFIRM Studie (Biogen) und als Redakteur des Multiple Sclerosis journal würde nicht zögern für seine Familienmitgliedenr im Falle einer MS-diagnose eine Dosis von 10´000IE zu verschreiben und nicht die Studienergebnisse abwarten. http://msj.sagepub.com/content/19/2/143.long (2013)

    d) Burton: 2010 wurde eine weitere Dosis-Eskalationsstudie (PhaseⅠ/Ⅱ) mit kontrollierten, randomisierten Design mit 49 MS-Patienten über 52 Wochen abgeschlossen. Die Vitamin D-Dosen wurden auf bis zu 40.000 IE pro Tag gesteigert, im Schnitt erhielten die Patienten 10.000 IE Vitamin D und 1,2 g Kalzium pro Tag. Die Sicherheit des Vitamin D konnte unter Beweis gestellt werden. Trotz Serumspitzenwerten von über 160 ng/ml traten keinerlei Hyperkalziämien oder andere unerwünschte Nebenwirkungen auf. Bezüglich der klinischen Symptome aber konnten die Autoren vielversprechende Effekte erzielen. Die jährliche Rezidivrate wurde in der Versuchsgruppe um 41% gesenkt, der EDSS um 23% verbessert. In der Kontrollgruppe trat eine Verschlechterung von 30% auf. – PMID: 20427749

    4. Dr. vonHelden hat in seinem Buch die Aufsättigung des Vitamin D Spiegel sehr gut beschrieben:
    100´000 IE erhöhen den Vitamin D Spiegel um 10ng für eine 70kg Person, dies muss linear mit dem eigenen Gewicht umgerechnet werden.

    5. Erfolgsberichte aus dem DMSG-Forum:

    Babe 30.01.2015, 21:58: Ich habe mein Vitamin B aufgesättigt und mir geht es jetzt wesentlich besser. Kaum noch Erschöpfungszustände und eine wesentlich höhere Leistungsfähigkeit. Ich habe jetzt schon 27 Jahre MS und hab trotzdem einen Erfolg verspürt. Also ich bin begeistert! Ich hatte einen Vitaminspiegel von 15ng/ml und bin jetzt auf 50ng/ml. Meine MS schlägt auf Vitamin D hervorragend an.

    MS-Spacko 03.02.2015, 10:53: Vitamin D-Spiegel Ende Januar gemessen. Neuro hat das von sich aus gemacht, war total entsetzt. 15ng/ml. Aufsättigung mit 200´000iE Dekristol. Seitdem jeden zweiten Tag 20´000iE. (Kampfgewicht: knapp 60kg) Nach einer Woche deutlich bessere Stimmung, Muskelschmerzen in den Oberschenkeln weg. Wacher. Belastbarer. Und nicht mehr so dusselig im Kopf. Mir geht es mit Vitamin D hochdosiert viel besser.

    Andreas95 30.12.2014, 20:04: Ich nehme seit einem Jahr Vitamin D 8000 Einheiten pro Tag. Mir geht es seitdem (bzw. nach einigen Wochen Verzögerung) blendend. Mein EDSS ist um 1.5 Punkte gefallen.

    Tom73 05.02.2015, 06:06: Aktuell nehme ich 60.000 IE Vit. D pro Woche (3 Dekristol) und 480mg DMF/Tag. Mein Vit. D Spiegel lag vor kurzen noch bei 54 ng/ml. Eigentlich ist mein Zielbereich (laut Neuro) eher bei 70-90 ng/ml, aber >50 ng/ml sind ja auch nicht schlecht. Ich bin zufrieden und mir geht es gut. Die MS ist absolut ruhig. Bei uns nimmt mittlerweile die ganze Familie Vit. D und von uns war diesen Winter noch keiner krank.
    MeinSein 30.12.2014, 21:17: Ich nehme seit Anfang Nov. eine Dekristol 20.000 pro Tag.Es geht mir gut damit, wenngleich ich noch keine Verbesserung in Zahlenwerten angeben kann. Auf jeden Fall ist meine absolut miese Laune besser geworden. Und ich merke gerade, dass mein Schreiben mit 10 Fingern auf der Tastatur sich bessert. Konnte nur noch mit dem linken Zeigefinger schreiben. Ich mache erst mal mit den 20000 weiter. Davor hatte ich etwa 5000 tgl genommen, keine Verbesserungen gehabt. Als ich ein halbes Jahr nix nahm, ging es nach und nach immer schlechter.
    Ob es am fehlenden D lag? Weiß nicht.

    6. Wo liegt der richtige Vitamin D Spiegel:
    Für die oben aufgeführten Berichte und auch die Studien liegt der Vitamin D Speigel über 50ng/ml oder noch weiter darüber.
    • Dr. med. Lisa Ann Gerdes (Institut für Klinische Neuroimmunologie, Klinikum der LMU München): wir versuchen in einen Bereich >50 ng/ml zu kommen. (Antwort per Mail vom 24.11.2014)
    • Dr. Raimund von Helden: Gesund in sieben Tagen – Seite 61: Für den besten Schutz vor Krebserkrankungen ist ein Vitamin D Spiegel über 55ng/ml anzustreben.
    • Prof. Dr. Jörg Spitz: Krebszellen mögen keine Sonne – Seite 25: Zur angemessenen Versorgung der Körperzellen ist ein Vitamin-D-Spiegel im Blut von 30 bis 100ng/ml angezeigt

    Vor 19 Jahren hat mir mein Neurologe ein hochdosiertes B-Vitamin bei meinen ersten MS-Symptomen verschrieben. Ich hoffe, dass Sie nun hochdosiertes Vitamin D verschreiben. Und vielleicht können Sie sich ja dafür einsetzten, dass man nicht nur in Holland die Pillen mit 50´000IE Vitamin D bekommt. Wenn man davon jeden Sonntag eine 50´000IE Pille nimmt, hat man einen Spiegel so um die 70ng/ml und hat Kosten von nur 20€ im Jahr! Und man hat einen Haufen an positiven Wirkungen! Als Nachteil hat dann die Pharmaindustrie einen Umsatzeinbruch.

    Vielen Dank!

  2. Habe soeben ihren Blog entdeckt. Ich freue mich auf ihren baldigen Artikel über Vitamin D.
    Seit Jahren schlage ich mich durch mit kleinen Schüben. Als ich ein einziges Mal einen sehr starken Schub hatte, wurde nach vielen Untersuchungen die Diagnose MS bestätigt. Nach diesem Schub habe ich dann selber (beim Hausarzt) festgestellt, dass ich einen sehr grossen Vitamin D Mangel hatte. Seither nehme ich Vitamin D und habe nur noch minime Schübe. Ich hoffe, dass immer mehr Neurologen von Zeit zu Zeit bei MS-Patienten das Vitamin D kontrollieren!!

  3. Die Betrachtungsweise klingt auf den ersten Blick auch völlig logisch und nachvollziehbar.
    Allerdings berücksichtigt sie nicht, dass in den vielen, im Supermarkt zu jeder Zeit verfügbaren Lebensmitteln kaum noch Nährstoffe drin sind!
    Unterversorgt in einer Überflussgesellschaft – das geht wohl durchaus!
    Auch Pflanzen leiden unter den Umstände der „Massenpflanzenhaltung“, sie leiden unter dem gleichen Streß wie Tiere und können sich unter diesen Umständen nicht optimal entwickeln. Sie haben nur keine Augen denen man es ablesen kann.
    Und dann wären da auch noch die langen Transportwege auf denen viele der wenigen Inhaltsstoffe noch verloren gehen… von den ganzen chemischen Behandlungen die konventionelles Obst und Gemüse über sich ergehen lassen müssen und es sicher nicht gesünder machen mal ganz abgesehen.
    Mit Substituierung von Vitaminen in Tablettenform kommen wir hier jedoch auch nicht zufriedenstellend zum Ziel. Besonders, da der menschliche Körper die künstlich hergestellten Vitamine oft nicht so gut aufnehmen bzw. verwerten kann wie die natürlichen. Der einzige Weg zu „gesund“ kann also langfristig nur der zu mehr Respekt gegenüber dem Leben, der Natur sein.

  4. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Nutellaglas und einem „wunderbar frischen Salatteller“, dann entscheide ich mich selbstverständlich für das Nutellaglas.

    Nur dass wir uns da nicht falsch verstehen.

    :)

    Sonst ein guter Beitrag, danke!

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