Mann-Frau

Geschlechtsspezifische Aspekte – warum betrifft MS häufig Frauen?

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Warum tritt die MS deutlich häufiger bei Frauen als bei Männern auf? – diese Frage wird mir immer mal wieder gestellt. Eine eindeutige Antwort hierauf gibt es nicht, aber die Frage hat in den letzten Jahren einige interessante Forschungsaktivitäten nach sich gezogen, die zum weiteren Verständnis der Erkrankung beigetragen haben.

Das Phänomen einer höheren Prävalenz bei Frauen kann bei vielen Autoimmunerkrankungen beobachtet werden – nicht nur an der MS, sondern auch an der rheumatoiden Arthritis oder dem systemischem Lupus erythematodes erkranken bevorzugt Frauen.

Die Multiple Sklerose betrifft Frauen um den Faktor 3 – 4 mal häufiger als Männer und es scheint so, als ob das Verhältnis eher weiter zunehmen würde. Vermutlich sind hierfür hormonelle Faktoren verantwortlich. Auf der anderen Seite hat man aber auch in den letzten Jahren unterschiedliche Genexpressionen von Rezeptormolekülen in weiblichen Gehirnen entdeckt. So wurde z.B. kürzlich berichtet, dass der Rezeptor S1PR2, der beim Einschleusen von Immunzellen in das Gehirn eine Rolle spielt, in weiblichen (MS)Gehirnen stärker exprimiert wird.

Derzeit geht man aber davon aus, dass vor allem Sexualhormone bei den komplexen Wechselwirkungen zwischen Umweltfaktoren (Sonnenlicht, Vitamin D), genetischen und epigenetischen Einflüssen(MHC-Risiko-Allelen) und kulturellen Faktoren (Urbanisierung, weibliche Bildung) eine Rolle spielen und das MS- Risiko und Krankheitsprogression beeinflussen.

So zeigen Frauen mit MS im Vergleich zu Männern einen früheren Krankheitsbeginn und haben mehr entzündliche Läsionen im MRT. Auf der anderen Seite haben Männer eine schlechtere Verlaufsprognose als Frauen, zeigen eine schnellere Progression und leiden öfter unter einer Beteiligung des Kleinhirns. Es gibt auch geschlechtsbezogene Unterschiede in der Kognition – das männliche Geschlecht gilt als Prädiktor für eine schlechtere kognitive Leistung. Passend zu dieser Beobachtung zeigen Männer auch eine deutlichere Atrophie der grauen Substanz und weisen mehr hypointense T1-Läsionen auf.

Die Gründe für diese  geschlechterspezifischen Unterschiede sind nicht klar, aber es ist naheliegend, dass sie in den hormonellen Unterschieden begründet sind. Ein starkes Argument für den Einfluss der Geschlechtshormone ist, dass sich die Unterschiede im Krankheitsverlauf zwischen Frauen und Männern nach der Menopause wieder angleichen. Nachdem Östrogen, das weibliche Geschlechtshormon, im Tierversuch nachweislich neuroprotektive Effekte gezeigt hat, wäre es denkbar, dass Frauen grundsätzlich bessere Reparaturmechanismen besitzen.

Interessanterweise zeigen auch Umweltfaktoren, denen eine Bedeutung für die Entstehung der MS zugesprochen wird, unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen. Vitamin D scheint bei Frauen mit MS eine größere immunmodulatorische Wirkung zu haben als bei Männern. So hatten im Tierexperiment nur weibliche Mäuse, die mit einer Vitamin D angereicherten Diät gefüttert wurden, einen milderen Krankheitsverlauf.

Da die Funktion der Hormone neben der klassischen Kommunikation zwischen Organen auch Immunmodulation und Neuroprotektion umfasst, liegt im Verständnis ihrer Wirkung eine weitere Möglichkeit für die Kontrolle von Autoimmunerkrankungen. Dies kann zum einen in einem therapeutischen Einsatz von Hormonen münden, wozu teilweise auch schon einige Studien gelaufen sind, oder auch in der therapeutischen Nutzung von schwangerschaftsbedingten Toleranz-induzierenden Faktoren. Zum anderen kann ein besseres Verständnis aber auch im Hinblick auf eine personalisierte, geschlechterspezifische Therapie von Bedeutung sein.

Weiterlesen
Empfehlungen
Beipackzettel_Nebenwirkungen

Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Ich glaube, kein Thema wird in der Medizin so intensiv und kontrovers diskutiert wie das Thema Arzneimittelnebenwirkungen. Diese Diskussion ist absolut nachvollziehbar, denn es war ein langer Weg vom Beginn der industriellen Fertigung von Arzneimitteln hin zu transparenten Zulassungsprozessen mit einem starken Focus auf die Arzneimittelsicherheit. Dieser Weg war von Skandalen geprägt, die das Leben und die Gesundheit von Patienten gefährdet haben – wie der Diethylenglycol-Skandal 1937 in den USA, der Hunderte von Menschen das Leben gekostet hat oder nicht zuletzt die Contergan Katastrophe in den 60ziger Jahren in der Bundesrepublik. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Diagnose MS

Neues von der AAN 2017

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

In der Regel versuche ich im Rahmen des DocBlog über internationale Kongresse zu berichten, die insbesondere für MS- Patienten von Bedeutung sind. Dazu gehört ohne Zweifel das Meeting der American Academy of Neurology (AAN), das dieses Jahr Ende April in Boston stattfand. Ich selbst hatte dieses Jahr keine Möglichkeit, den Kongress zu besuchen und habe daher auch etwas Zeit gebraucht, die Ergebnisse des Meetings zu sichten. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Partnerschaft_Hände

Sexuelle Probleme bei Multipler Sklerose

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Sexuelle Dysfunktion (SD) ist ein häufiges Problem bei Menschen mit MS. In älteren Studien aus den 90ziger Jahren wird eine Häufigkeit (Prävalenz) zwischen 40 und 90% angegeben, wobei die Studien aufgrund unterschiedlicher Definitionen der SD schwierig zu vergleichen sind. Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist SD ein Syndrom, das Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen, Erektions-/Lubrifikationsstörungen, Orgasmus-Schwierigkeiten, vorzeitige Ejakulation und Schmerzen bei Geschlechtsverkehr umfasst. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Medikamente

Daclizumab

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Seit Sommer letzten Jahres ist mit Zinbryta® (Wirkstoff Daclizumab) ein neues Medikament zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose auf dem Markt. Im Vergleich zu den Markteinführungen neuer Medikamente in den vergangenen Jahren war die Einführung dieses Medikaments eher wenig spektakulär, obwohl es sich um ein innovatives Präparat mit einem neuen Wirkmechanismus handelt. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Fotolia_Bluttest 1

Tecfidera – Lymphozytenwerte in der klinischen Praxis

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

In meinem vorigen Beitrag habe ich über die grundsätzliche Bedeutung des kleinen Blutbildes und des Differentialblutbildes („großes Blutbild“) geschrieben – ich verweise daher zum besseren Verständnis des Beitrags auch auf diesen Artikel. Ich hatte ja angekündigt, dass ich in der Folge über die praktische Bedeutung des Blutbildes bei einzelnen MS-Medikamenten schreiben möchte und starte jetzt mit Dimethylfumarat (Tecfidera) – denn hier spielt die Kontrolle des Blutbildes vor allem im ersten Therapiejahr eine große Rolle. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
immunsystem_bakterien

Kleiner Exkurs: die weißen Blutkörperchen

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Wir sprechen in der MS-Ambulanz häufig über die weißen Blutkörperchen, über Leukozyten, Lymphozyten, Granulozyten und wie sie alle heißen. Ich stelle dabei aber immer wieder fest, dass das Hintergrundwissen zu diesen wichtigen Zellen häufig lückenhaft ist, und es deswegen zu erheblicher Verwirrung kommen kann. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
MST_141025_8941_Wein_gedeckter-Tisch_festlich_Tafel

„Ein Gläschen in Ehren…“ – Alkohol bei MS

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Für viele MS-Betroffene ist Ernährung ein wichtiges Thema. Ich habe vor kurzem auf einer Patientenveranstaltung über die Bedeutung von Diäten gesprochen. In der anschließenden Fragerunde wurde ich (zurecht) darauf hingewiesen, dass ich kein Wort über die positiven oder negativen Wirkungen von Alkohol verloren hätte. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen