immunsystem_bakterien

Neuroborreliose

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

In Deutschland existiert eine diffuse Angst vor (Neuro)Borreliose, also einer Erkrankung, die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi, das im Verdauungstrakt von Zecken lebt, übertragen wird. Die Borreliose gilt als „unheimliche“ Erkrankung, die für eine Vielzahl von Störungen verantwortlich sein soll. Nicht wenige Patienten glauben daher, bei ihnen sei eine Borreliose übersehen worden – eine Angst, die auch bei vielen MS Patienten verbreitet ist.

Die Fakten sehen anders aus. In Deutschand gibt es tatsächlich Gebiete, in denen bis zu einem Viertel aller Zecken Borrelien in ihrem Verdauungstrakt beheimaten. Für eine Übertragung auf den Menschen muss das Bakterium nach Zeckenstich vom Darmtrakt der Zecke in die Haut des Menschen wandern, was i.d.R. bis zu 12 Stunden dauern kann. Deshalb ist es wichtig, sich nach Exposition gründlich abzusuchen und Zecken rasch und schonend aus der Haut zu entfernen (am besten mit einer Zeckenzange). Dies ist der effektivste Schutz vor einer Infektion.

Sollte es doch zu einer Übertragung gekommen sein, so verläuft die Infektion häufig klinisch inapparent, d.h. das Immunssystem kommt mit dem Erreger klar und eleminiert ihn folgenlos. Aus Untersuchungen an gesunden Blutspendern weiß man, dass sich ca. 10% der Normalbevölkerung mit Borrelien auseinandergesetzt haben – in den seltensten Fällen ist es dabei zu offensichtlichen Infektionserkrankungen gekommen. Wenn es aber doch dazu kommt, so meist (> 90%) in Form einer sog. Wanderröte (Erythema chronicum migrans, ECM), einer sich zentrifugal um den Zeckenstich ausbreitenden Hautrötung. Diese wird mit einem Antbiotikum in Tablettenform behandelt und heilt folgenlos aus, denn Borellien sind sehr sensibel auf eine Antibiotikagabe.

In seltenen Fällen (ca. 5%) kann das Nervensystem bei einer Borellieninfektion in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine solche Neuroborelliose hat eine relativ typische klinische Präsentation – meist handelt es sich um die Lähmung eines Gesichtsnervs oder den Befall der spinalen Nervenwurzeln, eine schmerzhafte Symptomatik, die an einen Bandscheibenvorfall erinnert. Neurologen kennen dieses Krankheitsbild unter dem Namen Bannwarth-Sydrom, das sich ziemlich eindeutig z.B. von Schubsymptomen einer MS abgrenzen lässt. Auch das Bannwarth-Syndrom lässt sich gut mit Antibiotika behandeln, denn die Borrelien sind – wie schon gesagt – sehr sensibel auf die Antibiotikagabe.

In ganz seltenen Fällen (< 0.3%) – vor allem wenn ein Bannwarth-Syndrom im Vorfeld übersehen oder falsch interpretiert wurde (Bandscheibenvorfall), kann es zu einer chronischen Neuroborreliose kommen, die dann – ähnlich wie die MS – mit zentralen Symptomen (Spastik, Blasenstörungen, Ataxie) einher gehen kann. Das war’s dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten, denn die Neuroborreliose hat einen sehr typischen Nervenwasserbefund, mit der sie von der MS abgegrenzt werden kann.

Zur Beruhigung: aufgrund dieser Überlappung der beiden Krankheitsbilder untersuchen wir das Nervenwasser von MS-Erkrankten bei der Diagnose immer gründlich auf Borrelien. Meist findet man da keinen Anhaltspunkt für eine aktive Infektion (aber eben recht häufig positive Antikörpertiter, die aber dann nur anzeigen, dass sich das Immunsystem irgendwann in der Vergangenheit mit dem Erreger auseinandergesetzt hat). Ich persönlich finde, es gibt eindeutige Unterschiede zwischen der Präsentation einer MS und der einer Neuroborreliose – die weitverbreitete Angst vor einer Fehldiagnose ist aus meiner Sicht relativ unbegründet.

 

 

Weiterlesen
Empfehlungen
professor-maeurer_patientengespraech

„Kleine graue Wolke….“

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Ich hatte vor kurzem das Vergnügen, bei der Preisverleihung der Ursula Späth Stiftung der AMSEL dabei sein zu dürfen – eine wirklich schöne und emotionale Veranstaltung. Der diesjährige Medienpreis ging an die Filmemacherin Sabine Marina für ihren Film „Kleine graue Wolke“, in dem die engagierte junge Frau ihre eigene MS-Diagnose verarbeitet. Der Titel rührt daher, dass ihr Arzt die Diagnose MS mit den Worten „Da gibt es eine kleine graue Wolke an deinem blauen Himmel“ umschreibt.

Mich hat diese Art der Diagnosemitteilung im Nachhinein beschäftigt. Kann man das so sagen? Sprachlich vielleicht eine schöne Formulierung, aber eigentlich nicht besonders zutreffend.

Die Mitteilung und Aufklärung über die Diagnose MS ist für die meisten Betroffenen ein einschneidendes Erlebnis. Und auch, wenn die meisten Patienten, wie sie sagen, in dem Augenblick „wie umnebelt“ waren, so prägt sich die Situation und auch die Wortwahl des Arztes bei vielen für immer ein. Man kann in diesem Augenblick als Arzt viel falsch machen, aber sicher auch viel richtig. Daher erfordert eine Aufklärung über die Diagnose Konzentration, vor allem auf die richtige Wortwahl.

MS kann man heutzutage, im Gegensatz zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen, therapieren – insbesondere in der Anfangsphase kann man die Erkrankung sogar sehr gut behandeln. Trotzdem ist MS mehr als eine „kleine graue Wolke“, denn es besteht immer das Risiko, dass die Erkrankung auf die eine oder andere Weise das Leben der betroffenen Person nachhaltig verändert. Und immer ist mit der Diagnosestellung eine hohe Unsicherheit und Zukunftsangst verbunden – schon das alleine reicht aus, um das Leben erst einmal komplett auf den Kopf zu stellen.

Wir Ärzte haben die Verpflichtung, diese Ängste abzufangen, Perspektiven aufzuzeigen und einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft zu richten. Daher ist es richtig und wichtig, das Bild der MS – wie es häufig in den Medien gezeichnet wird und in den Köpfen vieler Menschen existiert – zu relativieren. Daher kann ich die Umschreibung der „kleinen grauen Wolke“ zwar nachvollziehen, aber trotzdem wird sie meiner Meinung nach der Gesamtsituation nicht gerecht – und eine „Verniedlichung“ der Erkrankung ist auch medizinisch nicht zielführend.

Wir klären heute sehr früh über die Diagnose auf – wenn es gut läuft häufig schon nach dem ersten Krankheitsschub. Das heißt, in der Regel müssen wir jungen und ansonsten gesunden Menschen die Diagnose einer chronischen Erkrankung mitteilen. Meist sind sie auch gar nicht mehr akut krank – die Schubsymptomatik ist ja häufig bereits wieder auf dem Weg der Besserung oder sogar ganz verschwunden. Wir klären demnach auch nicht über eine Krankheit im eigentlichen Sinn auf, sondern über ein „Zukunftsrisiko“ – wobei wir das individuelle Risiko in diesem Moment meist nur grob abschätzen können.

Hierin liegt die Schwierigkeit der Aufklärung – wie mache ich jemandem plausibel und verständlich klar, dass er nicht akut krank ist und auch nicht krank werden soll – die neurologische Beurteilung aber ergeben hat, dass seine Lebensumstände vom nicht unerheblichen Krankheitsrisiko der MS bedroht sind? Um seine Gesundheit zu erhalten, ist eine konsequente Therapie erforderlich, denn das Risiko ist ernst zu nehmen. Die Mitteilung dieser Einschätzung und die damit verbundenen Empfehlung einer Dauertherapie wiederum stören aber das Gefühl der Gesundheit und fördern die Wahrnehmung „ich bin krank“ – und damit nicht selten ein Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Eine gute Kommunikation bewegt sich wahrscheinlich zwischen „kleiner grauer Wolke“ und „schwerem Gewitter“, sie muss Wege und Perspektiven aufzeigen, die nicht verharmlosen, aber auch nicht bedrohlich wirken. Im besten Fall stärkt eine gute Aufklärung die Eigenverantwortung des Patienten und führt zu Informationsgewinn und Interesse sich zu informieren – und damit zu einer informierten Entscheidung. Denn Lebensqualität und Krankheitsverarbeitung sind in hohem Maße von Selbstbestimmtheit abhängig – und hierfür müssen wir mit einer realistischen Aufklärung den Weg ebnen.

Weiterlesen
Empfehlungen
professor-maeurer-bei-postersession_1

Neues von ECTRIMS 2016 – Postersitzungen

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Neben den klassischen Vortragsveranstaltungen und Symposien sind Postersitzungen ein wesentlicher Bestandteil von wissenschaftlichen Kongressen. Für jemanden, der nicht in der Wissenschaft zuhause ist, mag der Begriff Postersitzung etwas seltsam klingen – aber er beschreibt genau das, was dort passiert. Aufgrund der Fülle der neuen Daten und der Masse an Teilnehmern können natürlich nicht alle Daten als Vortrag präsentiert werden. Daher ist es üblich, dass man bei Besuch eines Kongresses seine wissenschaftlichen Ergebnisse als Poster gestaltet, dieses während des Kongresses aushängt und während der Postersitzung präsentiert. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
ectrims-2016-maeurer_docblog

Neues von ECTRIMS 2016 – Therapieoptionen bei progredienter MS

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Es tut sich etwas. Nachdem es viele Jahre keine echten Therapieoptionen bei chronisch progredienter Multipler Sklerose gab und viele Therapiestudien negativ verlaufen sind, haben nun tatsächlich zwei Substanzen in großen Zulassungsstudien signifikante Effekte auf die Behinderungsprogression gezeigt. Zwar sind die Effekte nur moderat,  aber schon allein die Tatsache, dass eine Wirksamkeit in dieser Krankheitsphase auf die Verzögerung der Krankheitsprogression nachgewiesen werden konnte, ist eine sehr gute Nachricht. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
ectrims-2016-maeurer_docblog

Neues von ECTRIMS 2016 – Vitamin D

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Darauf haben viele gewartet – die Ergebnisse der SOLAR Studie, eine Phase II Studie, die die Wirkung von hochdosiertem Vitamin D als Add-on Gabe zu einer immunmodulatorischen Therapie mit Interferon-beta 1a s.c. untersucht hat. In die Studie wurden 229 schubförmige MS-Patienten eingeschlossen, die bereits stabil auf Interferon-beta 1a 3 x 44 µg/Woche eingestellt waren und deren Vitamin D3 Spiegel < 150 µmol/l betrug. Diese Patienten wurden 1 : 1 entweder in die Gruppe Interferon + Vitamin D oder Interferon + Placebo randomisiert. Die beiden Gruppen waren hinsichtlich der meisten Basisparameter homogen, allerdings waren die Patienten der Interferon + Placebo Gruppe im Gegensatz zu der Interferon + Vitamin D3 Gruppe im Mittel etwas länger erkrankt (14.8 Monate vs. 10.4 Monate). (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
ectrims-2016-maeurer_docblog

Neues von ECTRIMS 2016 – Personalisierte MS-Therapie

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Letzte Woche fand in London der 32. Kongress des European Committee of Research and  Treament in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) statt. Die ECTRIMS beschäftigt sich ausschließlich mit der Multiplen Sklerose und verwandten Erkrankungen und ist damit das mit Abstand wichtigste europäische Meeting zu diesem Krankheitsbild – und damit das Meeting, auf dem jährlich die wichtigsten Neuigkeiten und Strömungen in der Versorgung von MS-Patienten und der Forschung und Medikamentenentwicklung ausgetauscht werden. Die Teilnehmerzahl steigt ständig – dieses Jahr waren mehr als 10.000 Teilnehmer aus vielen Ländern der Welt vor Ort, die drei Tage lang diskutierten, Netzwerke knüpften und Ideen entwickelten. Ich freue mich, dass ich dabei sein konnte – und möchte sie mit den nächsten Blogs ein wenig an meinen Kongressbesuch teilhaben lassen. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen

Intrathekale Cortisontherapie

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Cortison wird bei der Multiplen Sklerose zur Behandlung des akuten MS-Schubes eingesetzt. Üblicherweise wird ein hochdosiertes Cortison-Präparat intravenös über einen Zeitraum von 3 bis 5 Tagen verabreicht. Darüber hinaus wird die hochdosierte intravenöse Cortison-Gabe auch häufig bei Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung schubunabhängig in regelmäßigen (häufig 3 monatlichen) Abständen eingesetzt, um spastische Lähmungen zu verbessern und die antriebssteigernde Wirkung von hochdosierten Steroiden auszunutzen. Neben diesen beiden klassischen Therapien wird in ausgewählten Fällen Cortison auch intrathekal verabreicht. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen

Habe ich MS…?!

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Ich vermute, dass auch einige Menschen meinen Blog lesen, die keine MS haben, aber Angst haben, an MS zu erkranken. In einer solchen Situation werden Seiten wie DocBlog benutzt, um sich über MS zu informieren. Daher möchte ich für diese Gruppe etwas schreiben, denn nicht wenige Menschen suchen eine neurologische Sprechstunde aus Angst und Verunsicherung auf. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Liquorentnahme

Die Lumbalpunktion – wann und für was ist sie notwendig?

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Eine unbeliebte, aber notwendige Prozedur bei der Diagnosestellung der Multiplen Sklerose ist die Nervenwasserentnahme, die Lumbalpunktion. Die Diagnose einer MS wird heutzutage mit Hilfe der sog. McDonald Kriterien gestellt. Diese Kriterien basieren vorwiegend auf den Befunden der kranialen und spinalen Kernspintomographie, mit denen die klinische Verdachtsdiagnose abgesichert wird. Bei einer bestimmten Befundkonstellation kann die Diagnose eine sicheren MS dann auch in vielen Fälle gestellt werden. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen
Gehhilfe

Die EDSS Skala

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Für den Neurologen, der sich mit MS beschäftigt, ist die EDSS Skala so selbstverständlich, wie für den Maurer die Kelle. Das birgt aber die Gefahr, dass man als Neurologe annimmt, auch für den Patient sei die EDSS Skala selbstverständlich. Nach Gesprächen, die ich kürzlich geführt habe, ist mir klar geworden, dass dies mitnichten so ist. Daher haben ich mich entschlossen, ein paar Zeilen über diese Bewertungsskala zu schreiben. (mehr …)

Weiterlesen
Empfehlungen