Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Neues von ECTRIMS

In der 2. Oktoberwoche fand die jährliche ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) Tagung statt. Über 9.000 klinisch und wissenschaftlich tätige MS-Experten aus allen Regionen der Welt trafen sich für vier Tage, um sich über aktuelle Erkenntnisse zur Diagnostik und Therapie der MS auszutauschen. Angesichts der Vielfalt der Themen und der Fülle der präsentierten Forschungsergebnisse ist es unmöglich, einen kompletten Überblick über diesen wichtigsten europäischen MS-Kongress zu geben, und das Hervorheben einzelner Aspekte ist immer subjektiv geprägt. Dennoch sind sich in diesen Tagen fast alle MS Experten einig, dass die erstmals öffentlich präsentierten Daten zur Wirkung von Ocrelizumab bei schubförmiger als auch bei progredienter MS ein echtes „Highlight“ darstellen – diese Ergebnisse könnten die MS-Therapie in den nächsten Jahren nachhaltig verändern.

Ocrelizumab (mehr dazu in „MS erforschen“) ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen das Oberflächenprotein CD20 gerichtet ist, das auf der Oberfläche von B-Lymphozyten exprimiert wird. B-Lymphozyten sind neben den T-Lymphozyten ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems – sie spielen sowohl bei der Produktion von Abwehrstoffen (Antikörpern) als auch bei der Aktivierung von T-Lymphozyten eine wichtige Rolle. Daher nehmen sie auch im Immungeschehen der MS einen wichtigen Platz ein.

Der neue Wirkstoff Ocrelizumab erkennt B-Lymphozyten und bewirkt ihre Zerstörung – wir sprechen von einer Depletion der B-Lymphozyten. Wir wenden das Konzept der B-Zell Depletion bei ausgewählten MS-Patienten und Patienten mit Neuromyelitis optica (eine der MS ähnliche Autoimmunerkrankung, die besonders den Sehnerven und das Rückenmark betrifft) bereits schon seit einigen Jahren an und verwenden dafür den Wirkstoff Rituximab (Mabthera®). Rituximab ist ein älterer monoklonaler Antikörper und hat bereits in der Therapie der rheumatoiden Arthritis gute Dienste geleistet – und die Erfahrungen bei der MS waren bis jetzt auch sehr vielversprechend. Ocrelizumab ist sozusagen die pharmakologische Weiterentwicklung von Rituximab und als solche jetzt auch erstmals strukturiert bei der MS getestet.

Das Studienprogramm (OPERA I + II) hat über 2 Jahre die Wirkung von Ocrelizumab mit der von Rebif 3 x 44 im Hinblick auf Schubrate, Behinderungsprogression und MRT-Aktivität verglichen. Im Ergebnis war die Gabe von Ocrelizumab für alle Endpunkte hochsignifikant überlegen – im Hinblick auf die Wirkung somit ohne Zweifel ein hervorragendes Studienergebnis, dass allerdings aufgrund der Vorstudien nicht ganz unerwartet war. Interessant war allerdings, dass Ocrelizumab – trotz seines invasiven Wirkmechanismus – ein sehr gutes Sicherheitsprofil zeigte. In der Studie fanden sich nur sehr wenige schwerwiegende Nebenwirkungen, im Vergleich sogar weniger als in der Interferongruppe. Angesichts dieser sehr interessanten Kombination aus hoher Wirksamkeit und gutem Sicherheitsprofil dürfte die Substanz nach ihrer Zulassung (voraussichtlich 2016) eine wichtige Rolle in der Therapie der aktiven MS spielen.

Abgerundet wurde das Thema Ocrelizumab noch durch die Präsentation einer Studie, die die Wirkung von Ocrelizumab bei primär chronisch progredienter MS getestet hat (ORATORIO). Im Bezug auf den primären Endpunkt der Studie „12 – Wochen bestätigte Behinderungsprogression“ zeigte sich ein signifikanter Vorteil für den Behandlungsarm. Damit ist ORATORIO die erste Studie bei progredienter MS, die im Hinblick auf einen akzeptierten primären Endpunkt ein positives Ergebnis für eine immunmodulierende Substanz erbracht hat. Auch dieses Ergebnis spricht für das erhebliche Potential dieser neuen Substanz.

Es wird spannend sein, den Zulassungsprozess abzuwarten und zu sehen, welches „Label“ die Substanz durch die Behörden erhält und welche Rolle ihr im Rahmen der deutschen Therapieleitlinien zugesprochen wird. Insgesamt zeigte sich auf dem Kongress die Tendenz, der Aktivität der Erkrankung einen größeren Stellenwert für die Therapieentscheidung einzuräumen. Insbesondere wenn sich in der frühen Erkrankungsphase weiterhin Aktivität zeigt, sollte diese mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterdrückt werden. Denn solange noch keine eindeutigen Konzepte für eine Neuroprotektion existieren, scheint eine konsequente Entzündungshemmung das beste Konzept, um langfristig Schaden von den Betroffenen abzuwenden. Weiterhin ist daher von großer Bedeutung, wie Erkrankungsaktivität definiert wird und welche diagnostischen Tests zur Bestimmung der Aktivität herangezogen werden sollten. Hier spielt natürlich die Entwicklung bei der Bildgebung eine große Rolle, aber auch der Einbeziehung von kognitiven Leistungstests und Patienten-basierten Auskünften (Fatigue, Quality of life) kommt eine immer größere Bedeutung zu.

Eines ist sicher – und das hat auch diese ECTRIMS Tagung wieder gezeigt – die dynamische Entwicklung im Bereich der MS-Forschung ist weiterhin greifbar und wird auch in den nächsten Jahren zu weiteren interessanten Entwicklungen führen. Ich freue mich am morgigen Dienstag im AMSEL-Chat auf eine interessante Diskussion mit Ihnen, nicht nur über neue Entwicklungen sondern auch im Hinblick auf ganz praktische Aspekte, die Ihnen vielleicht bei den Beiträgen dieses Blogs aufgefallen sind.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

4 Kommentare zu “Neues von ECTRIMS

  1. Verheissungsvoll klingt die Ueberschrift ‚Neues von Ectrims‘, um so enttäuschender ist es, nicht wenigstens wenige der von Ihnen erwähnten Vielfalt und Fülle der Themen und v.a. Forschungsergebnisse zu erfahren.

    Der Blogtitel hätte Ocrelizumab heissen müssen.

    Mit dem oben umworbenen Medikament handelt es sich wieder um ein brutal wirkendes Immunsuppressivum, dessen Wirkungsweise weder in seiner Komplexizität noch langzeittherapeutisch schlussendlich geklärt ist. Jedenfalls hört es sich für mich, nach all dem, was ich insgesamt dazu zu lesen fand, nicht danach an.

    Wie steht es mit dem Einfluss auf den TNF alpha?
    Laut R.Gold siehe Zitat: „Im klinischen Alltag stellen wir fest, dass Medikamente, die TNF-Alpha antagonisieren, nur bei der Multiplen Sklerose, aber nicht bei anderen Autoimmunerkrankungen zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes führen“

    Ist diese Aussage nicht ernstzunehmen, v.a. wenn man um das tatsächliche Wirkspektrum von IS innerhalb des Immunsystems nicht über ausreichenden Aufschluss verfügt?
    Arbeitet der TNF alpha autark und ist durch nichts zu beeinflussen?

    Die vielen neuen Medikamente schreien nach Geld und Prestige, und sie tun es um so mehr, wenn zielgenau für den Patienten zensierend berichtet bzw. uns die Zugänge zu den internen Ergebnissen der Ectrims verweigert werden.
    Das tut richtig weh.
    Leonie

  2. Schönen guten Tag
    Bitte berichten Sie auch von der Minocyclin-Studie aus Kanada, welche am ECTRIMS vorgestellt wurde.
    Wirkung bei SPMS?

  3. Guten Tag, Herr Professor Mäurer,
    ich schließe mich der Frage von Herrn Schmidt-Neuhaus an.
    Leider hatte ich Schwierigkeiten mit der Suche in den Online-ECTRIMS-Abstracts, habe deshalb nur ganz wenige gelesen.
    Mich interessieren alle Informationen, die eine Annäherung an die MS-Ursachen-Frage ermöglichen. Die Zwillingsstudien, etwa auch die recht aktuelle aus Schweden (EZ-Konkordanz unter 20%), lassen nur den einen Schluß zu, daß die entscheidene Ursache der MS (die ja nur etwa bis zur Pubertät wirksam wird – bis dahin gemeinsames Aufwachsen der Zwillinge) in einem „unfallartigen“ Ereignis außerhalb des engeren Wohnumfelds (auch Schule) bestehen muß. Es kommt eigentlich nur eine eher seltene Infektion in Frage, die den einen EZ betrifft, den anderen meist nicht. (MS-Ansteckung von Mensch zu Mensch seit langem ausgeschlossen. In den USA dürfen mobile MS-Kranke Blut spenden – spricht das nicht schon stark gegen eine „Virus-Ursache“?)

    Beim Blick auf die Themenlisten (etwa auch des MS-Journals) fiel mir auf, daß zwar von Viren die Rede ist, aber nirgendwo von Bakterien: Wie ist das möglich angesichts der Tatsache, daß die Neurosyphilis MS-ähnliche Bilder bieten kann ( einst bot), und erst recht die Neuroborreliose, die von der MS nicht (sicher) zu unterscheiden ist – die Serologie ist notorisch unzuverlässig (u.a. wohl vom RKI bestätigt, Neuro-Leitlinie revisionsbedürftig).

    Seit der Veröffentlichung von Brorson & Brorson aus Norwegen 2001 zum Nachweis von ?Zystenformen aus 10 von 10 MS-Liquorproben hätte doch längst eine Überprüfung durch andere Gruppen stattfinden können und müssen – mir ist aber nicht derartiges bekannt. Warum wird das ignoriert? (Ebenso wie etwa die Anzucht von Spirochäten aus MS-Liquor an der Stanford-Universität bereits vor mehr als 50 Jahren, Newman et al. 1958…)

    ?2004 hieß es auf den DMSG-Seiten, die „Tetrazyklin- / Minocyclin-Wirkung“ beruhe SICHER NICHT auf einer antibiotischen Wirkung: können Sie mir die Begründung dafür angeben, mit Beleg(en), Quelle(n)? Ich biete Wetten an, daß diese Behauptung in der ausschließlichen Form nicht stimmt.
    Etwa um diese Zeit (2004) schlossen SERONO und Paratek Pharmaceuticals Inc. einen Vertrag über die Entwicklung eines Tetrazyklin-Derivats OHNE antibiotische Wirkung, das als MS-Therapie in Frage käme. Ich habe nie wieder etwas davon gehört, bei – bisher relativ oberflächlicher Suche – auch nichts finden können. Deshalb vermute ich, daß (nach inzwischen immerhin 11 Jahren) der Versuch scheiterte: es war NICHT möglich, ein Derivat zu entwickeln, das besser als Mino- oder eher Doxycyclin bei MS wirkt. Haben Sie dazu evtl. weitere Informationen?
    Falls meine Vermutung zutrifft, würde das ja bedeuten, daß sehr wohl mit einer antimikrobiellen Wirkungs-Komponente zu rechnen ist – und die erfolgreiche Minocyclin-Studie aus Kanada kann auch in diesem Sinne gedeutet werden.

    Wo sind Mino- / Doxycyclin einzuordnen (erfolgreiche kleinere Studien auch bei schubförmiger MS, bei der Kombiations-Studie aus dem Iran 2012 sogar SP-MS-Fälle einbezogen – mit Rückgang der Behinderung durch nur 100 mg/d Doxy als Zusatz zu Interferon ß-1a: Warum keine Wiederholung solcher Studien, eher mit 2x 100 mg/d)?
    Sind Mino- und Doxycyclin nicht die ideale Basis-Therapie? Sollten sie nicht zu anderer laufender BT hinzugefügt werden – warum wird in der Richtung nicht längst mit HOCHdruck geforscht?
    (Ich selbst nehme seit 20 Jahren Doxycyclin, seit mehr als 15 Jahren nach einem Intervall-Schema nur alle paar Wochen, ca. 100x 100mg pro Jahr – bin weitestgehend symptomfrei…)

    Ich finde es mehr als merkwürdig, daß die DMSG zu den beiden genannten Derivaten seit vielen Jahren keine Infos mehr bringt, kann mir das nicht anders erklären, als daß hier bewußt „geblockt“ wird… Haben Sie einer Erklärung?
    Vielen Dank,
    chen-man

  4. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer,

    schön das Sie hier die Neuigkeiten des Kongresses uns hier präsentieren. Nur haben Sie wohl die wichtigtiste Botschaft überhört: Reduziert Minocyclin Multiple-Sklerose-Risiko bei CIS ? Die Ergebisse sind hier auf der Amsel-Seite ( News > Medizin/Therapie > Wirkstoff-Studien) nachzulesen. Und wenn man diese Erfolgsmeldungen des Minocyclin mit den eventuellen Therapieerfolgen der gängigen Basistherapien vergleicht, kommt zu dem Schluss, dass das Minocyclin wohl besser und auch wesentlich nebenwirkungsfreier ist. Das „Aknemittel“ Minocyclin wird seit Jahrzehnten ‚zig-millionenfach bei Jugendlichen über Monate eingesetzt wurde.

    Auch hätte ich erwartet, dass Sie mal etwas zu den Erfolgen der Kombination von Doxycyclin (ähnliches Antibiotika wie Minocyclin) mit Interferon-ß-1a- (Studie aus dem Iran – http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3829238/ ) bringen.

    Aber warum bringen Sie dies nicht? Weil Minocylin und Doxycyclin nicht patentierbar sind und nur 50€ im Jahr kosten. Wo kann man Ihre Interesseskonflikte nachlesen?

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