Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Schulmedizin und Wunderheiler2

Multiple Sklerose und COVID 19 – Daten aus Italien

Der Nachteil der bisherigen Empfehlungen zu MS und COVID 19 ist, dass diese Empfehlungen zwar von Experten nach bestem Wissen und Gewissen ausgesprochen wurden, aber letztlich eine Datengrundlage für diese Empfehlungen fehlte. Auch ich hatte dieses Problem immer in meinen bisherigen Beiträgen zu COVID 19 und MS betont und versprochen, das Thema wieder aufzugreifen, sobald es Neuigkeiten gibt. Dies ist nun aktuell der Fall, auch wenn man sicher noch nicht von einer soliden Datengrundlage sprechen kann. Trotzdem lohnt sich der Blick auf die bisher gesammelten Daten der italienischen Kollegen zu MS und COVID 19, die Ende April in der Fachzeitschrift Lancet Neurology online publiziert wurden (Sormani MP; Italian Study Group on COVID-19 infection in multiple sclerosis. An Italian programme for COVID-19 infection in multiple sclerosis. Lancet Neurol. 2020 Apr 30 pii: S1474-4422(20)30147-2).

Insgesamt konnte die italienische Studiengruppe Daten von 232 MS-Patienten zusammentragen. Einen positiven PCR Test auf SARS CoV2 hatten 57 Patienten, bei 175 Patienten bestand der hochgradige klinische Verdacht auf eine SARS CoV2 Infektion (diese hohe Zahl an unbestätigten Verdachtsfällen hängt mit der geringeren Testkapazität in Italien zusammen). Das mittlere Alter der Stichprobe betrug 44 Jahre, die überwiegende Mehrzahl der Patienten (88%) waren als schubförmige MS klassifiziert, der mittlere EDSS Wert betrug 2,6. Von den 232 Patienten waren 21 unbehandelt, alle anderen erhielten eine immuntherapeutische Behandlung der MS. Alle derzeit verwendeten MS-Therapeutika waren in der Stichprobe vertreten, auch hochwirksame und/oder zell-depletierende Medikamente wie Fingolimod (13,4%), Natalizumab (10,8 %) oder Ocrelizumab (11,2 %).

Bei 223 der 232 Patienten (96 % der Fälle) war der Verlauf von COVID-19 mild, bei nur 4 Patienten (2 % der Fälle) verlief die Erkrankung schwer (d.h. mit Atemnot, Sättigungsabfall, Lungenentzündung). Sechs MS-Patienten (3 % der Fälle) hatte leider einen kritischen Verlauf (Atemversagen, septischer Schock und Multiorganversagen), fünf davon starben.

Es ist nur von besonderem Interesse sich genau diese Patienten mit schwerem bzw. kritischen Verlauf genauer anzusehen: Die fünf Todesfälle hatten ein mittleres Lebensalter von 67 Jahren, hatten ihre MS Diagnose im Mittel vor mehr als 20 Jahren bekommen und litten daher auch bereits unter einer chronisch progredienten Verlaufsform (mittlere EDSS 6,7). Interessanterweise hatten drei Patienten überhaupt keine MS Therapie mehr und vier Patienten hatten kardiovaskuläre Risikofaktoren (Diabetes, schweres Übergewicht oder Arteriosklerose) – also die bereits allgemein bekannten Risikofaktoren für einen schweren COVID-19 Verlauf. Hingegen hatten die anderen fünf MS Patienten mit einem schweren, aber nicht tödlichen Verlauf, ein mittleres Lebensalter von 47 Jahre und hatten ausnahmslos eine schubförmige MS mit einem mittleren EDSS von 4,6. Alle Patienten waren behandelt (2x Ocrelizumab, 1x Natalizumab, 1x Copaxone, 1x Fingolimod), aber 4 der 5 Überlebenden hatten keine zusätzlichen Erkrankungen, waren also bis auf die MS gesund.
Diese ersten Daten unterstützen demnach die Annahme, das wahrscheinlich nicht die MS oder die immuntherapeutische Behandlung der MS eine Bedeutung für den Verlauf einer SARS CoV2 Infektion besitzt, sondern dass – wie in anderen Bevölkerungsgruppen auch – insbesondere fortgeschrittenes Lebensalter und kardiovaskulärer Risikofaktoren wesentliche Faktoren für einen schweren COVID-19 Verlauf sind.
Auch wenn es sich um vorläufige Daten handelt, so ist es doch beruhigen, dass im schwer betroffenen Italien 96% aller COVID-19 Fälle bei MS Patienten mild verlaufen sind und dass es keine Hinweise darauf gibt, dass sich MS Therapien nachteilig auf den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung auswirken.
Demnach unterstützt die Arbeit der italienischen Kollegen auch die aktuelle Auffassung, dass es nicht sinnvoll ist eine MS Therapie wegen der Pandemie auszusetzen oder hinauszuzögern – das steht jetzt auch so in den aktualisierten Empfehlungen der DMSG. Auch vor dem Hintergrund der italienischen Daten besteht die wichtigste Aufgabe darin, die MS effizient zu behandeln und die Entstehung von neurologischen Defiziten zu verhindern.
Nach wie vor bleibt es zwar wichtig jeden Fall einzeln zu betrachten und MS Patienten individuell zu beraten. Liegen jedoch keine schwerwiegenden internistischen Erkrankungen oder kardiovaskuläre Risikofaktoren vor, so verdichtet sich die Annahme, dass für MS Patienten unabhängig ob behandelt oder unbehandelt die gleiche Risikobewertung gilt wie für die Allgemeinbevölkerung.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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