Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Maus

Hilft Alkohol bei MS?? – Kommentar zu einer interessanten Studie der Uni Erlangen

In der Corona-Krise hat sich der Fokus auf die Wissenschaft gerichtet – noch nie war das gesellschaftliche Interesse an medizinischer Grundlagenwissenschaft so groß wie zu Zeiten der Corona-Pandemie. Flächendeckend wird in Deutschland über Labortests und Studiendesigns diskutiert – viele Wissenschaftler erklären derzeit öffentlich, wie moderne Grundlagenforschung funktioniert, erläutern Hintergründe und machen Wissenschaft damit für die Allgemeinheit verständlicher. Verstehen von Zusammenhängen wiederum reduziert Angst und macht weniger anfällig für Falschnachrichten und Verschwörungstheorien.

Es sollte daher durch die Corona-Pandemie in der Öffentlichkeit ein Verständnis dafür entstanden sein, dass Wissenschaft nicht statisch ist, sondern ein sehr komplexes System, dass sich immer wieder selbst in Frage stellt und stellen muss. Der Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker hat dies in einem kürzlich erschienenen Artikel sehr treffend formuliert – Wissenschaft ist, richtig verstanden, in Prozesse gegossener Zweifel.

Ich denke, wir alle haben in den letzten Monaten viel dazugelernt – und mit diesem Wissen wird in Zukunft vielleicht auch der Blick auf grundlagenwissenschaftliche Studien zur Multiplen Sklerose transparenter. Und eine Studie, die bestimmt intensiv in der Öffentlichkeit und in sozialen Netzwerken diskutiert werden wird, ist eine Studie aus dem Deutschen Zentrum für Immuntherapie (DZI) am Universitätsklinikum Erlangen, die kürzlich sehr hochrangig in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature publiziert wurde (Azizov et al. Nature Communications 2020; https://www.nature.com/articles/s41467-020-15855-z)

Die Autoren habe hier die Wirkung von moderatem Alkoholkonsum primär in einem Mausmodell der rheumatoiden Arthritis, aber (nebenbei) auch in einem Tiermodell der Multiplen Sklerose untersucht. Primär zielte die Arbeit wie gesagt auf einen Erkenntnisgewinn beim Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis) ab; die Experimente in der sog. MOG EAE, einem Tiermodell der Multiplen Sklerose, wurden als Bestätigungsexperiment durchgeführt – dennoch wird man wahrscheinlich in einschlägigen MS-Foren über diese Arbeit diskutieren.

Kurz zusammengefasst haben die Autoren mit immunologisch sehr sorgfältig gewählten Methoden zeigen können, dass Alkohol und sein Metabolit Acetat die Funktionsfähigkeit einer bestimmten Untergruppe der T-Lymphozyten – die sog. T-follikulären Helferzellen (TFH-Zellen) – verändert. Diese Zellen sind wesentlich an der Ausbildung von Keimzentren in den Lymphknoten beteiligt, in denen TFH-Zellen mit B-Lymphozyten interagieren und diese zur Antikörperproduktion anregen. Alkoholexposition reduziert die Expression bestimmter Oberflächenmoleküle und Botenstoffe, die für die Funktionsfähigkeit von TFH Zellen von Bedeutung sind und stört damit die räumliche Organisation von TFH-Zellen. Dadurch wird die Bildung von TFH:B-Zell Konjugaten beeinträchtigt. Dies wiederum hat eine verminderte Autoantikörperbildung zur Folge und führt zu einer Abmilderung der Erkrankung im Tiermodell der rheumatioden Arthritis.

Wie gesagt, die Arbeit ist sehr sorgfältig durchgeführt und entschlüsselt, welche immunologischen und molekularen Mechanismen für den moderaten immunregulatorischen und anti-inflammatorischen Effekt von Alkohol im Tiermodell verantwortlich sind. Die Experimente könnten eine Erklärung dafür bieten, warum in epidemiologischen Studien zum Gelenkrheuma ein moderater protektive Effekt von Alkohol beobachtet wurde.

Auch wenn die Studie erheblich zum Verständnis immunologischer Vorgänge in den Keimzentren beiträgt, so ist sie nicht geeignet, um daraus therapeutische Maßnahmen abzuleiten – auch wenn das wahrscheinlich bei vereinfachter Betrachtung durch die Medien passieren wird. Die Schlussfolgerung, dass moderater Alkoholkonsum gegen Rheuma und MS wirkt, greift viel zu weit – das müsste mittlerweile durch die Corona-Erfahrungen eigentlich klar sein.

Zum einen handelt es sich um Tierexperimente. Diese sind immer nur eine Näherung an die Realität der echten Erkrankung, zudem ist das Immunsystem von Menschen und Mäusen nicht 1:1 vergleichbar, so dass durch das Tierexperiment zwar Konzepte für humane Therapiestudie gewonnen werden können, aber keine direkten therapeutischen Schlussfolgerungen gezogen werden sollten. Außerdem untersucht die Studie isoliert die Wirkung von Alkohol (in einer bestimmten vordefinierten Menge) auf bestimmte immunologische Vorgänge, potentielle Nebenwirkungen sind von untergeordneter Bedeutung. Vielleicht sind die immunologischen Wirkungen von Alkohol in der humanen Situation ähnlich vorteilhaft, auf der anderen Seite könnte Alkohol aber auf andere Organsysteme (z.B. auf das Gehirn) nachteilige Wirkungen haben, sodass eine therapeutische Empfehlung nur dann sinnvoll ist, wenn die Gesamtsituation in einer klinischen Studie bewertet wird.

Also, lange Rede kurzer Sinn – aus dieser grundlagenwissenschaftlichen Arbeit sollte nicht abgeleitet werden, dass moderater Alkoholkonsum zur Behandlung einer MS geeignet ist – zumal das Tiermodell der MS in dieser Publikation auch nur einen Nebenschauplatz darstellt und Rheuma und MS unterschiedliche immunologische Schwerpunkte habe.

Fallen Sie nicht auf vereinfachende Schlagzeilen herein, aber das haben wir ja durch Corona gelernt ….

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

Kommentar schreiben

*