Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Baby_Kinderwunsch_Hände

MS Medikamente und Schwangerschaft

Kinderwunsch und MS ist ein wichtiges Thema. Prinzipiell sind sich heute alle Experten einig, dass MS-Erkrankte bei dieser Thematik intensiv unterstützt werden sollten. Es sollte alles getan werden, um den Kinderwunsch sicher und reibungslos trotz MS zu realisieren. Mittlerweile dürfte auch bekannt sein, dass MS-Patientinnen genauso schwanger werden können wie Nicht-Betroffene. Sie bringen auch genauso häufig gesunde Kinder zur Welt, können in der Regel normal entbinden und können selbstverständlich auch – wenn benötigt – eine Periduralanästhesie (PDA) erhalten. Grundsätzlich würde ich zwar immer empfehlen, den Kinderwunsch aus einer stabilen Phase der Erkrankung heraus zu realisieren, aber das ist eigentlich auch die einzige Einschränkung, die mir im Zusammenhang mit Kinderwunsch und MS einfällt.

Trotzdem gibt es immer wieder Unsicherheit beim Thema Schwangerschaft und MS, die häufig mit der (geplanten) MS-Medikation zusammenhängt. Meist dreht es sich um die Frage, welche Medikamente gefahrlos benutzt werden können und wie man strategisch am besten vorgeht. Deswegen möchte ich noch einmal kurz die wichtigsten Fakten zusammenfassen.

Grundsätzlich steht bei allen Präparaten (außer bei Copaxone) im Beipackzettel, dass man unter der betreffenden Medikation nicht schwanger werden soll. Meistens steht allerdings auch dabei, dass man bei einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung eine Schwangerschaft auch trotz Medikation in Erwägung ziehen kann.

Da man auch für die Mutter den maximalen Schutz anstrebt, hat es sich etabliert, einige der Präparate bis zum Eintritt der Schwangerschaft beizubehalten und erst dann abzusetzen. Da in der Schwangerschaft Schübe deutlich reduziert sind, hat man mit diesem Vorgehen meist einen guten Kompromiss zwischen Gesundheit der Mutter und Schutz des Ungeborenen vor Medikamenten. Dieses Vorgehen ist für alle Interferonpräparate (Betaferon, Rebif, Avonex, Plegridy) und für Dimethylfumarat (Tecfidera) sinnvoll, wird aber auch für Glatitrameracetat (Copaxone) so durchgeführt, obwohl diese Substanz – wie oben schon gesagt – mittlerweile als unproblematisch eingestuft wurde.

Bei Teriflunomid (Aubagio) und Fingolimod (Gilenya) sollte das oben beschriebene Vorgehen nicht angewendet werden. Zwar sind die Daten, die zu Schwangerschaften unter diesen Präparaten existieren, erstaunlich unauffällig, aber beide Präparate haben aufgrund ihres Wirkmechanismus zumindest ein theoretisches Gefahrenpotential. Daher sollten beide Substanzen vor der Konzeption abgesetzt werden. Bei Teriflunomid (Aubagio) besteht die Möglichkeit, die Substanz bei Eintreten einer Schwangerschaft mit Cholestyramin auszuwaschen, was auch umgehend getan werden sollte. Fingolimod (Gilenya) sollte sofort gestoppt werden, wenn eine ungeplante Schwangerschaft eintritt.

Natalizumab (Tysabri) ist eine Substanz zur Behandlung sehr aktiver MS-Verläufe – setzt man die Substanz ab, kommt die Krankheitsaktivität zurück. Da in der Regel sehr aktive MS-Patientinnen mit Natalizumab behandelt werden, ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, im Sinne der Gesundheit der werdenden Mutter, Tysabri auch während der Schwangerschaft weiter zu geben. Häufig reicht nämlich der Schutz der Schwangerschaft bei Natalizumab-Patienten nicht aus: Wenn das Medikament schon bei Eintritt der Schwangerschaft abgesetzt wird, kommt es nicht selten zu Schüben während der Schwangerschaft, was für alle Beteiligten sehr belastend ist. Die bisher vorliegenden Sicherheitsdaten rechtfertigen dieses Vorgehen, wobei es immer eine Einzelfallentscheidung sein muss (s. hierzu auch den Beitrag Schwangerschaft bei hochaktiver MS).

Wenn man Alemtuzumab bekommen hat, kann man eine Schwangerschaft relativ gut planen. Man sollte zwar nicht im ersten Monat nach dem Infusionszyklus schwanger werden, ab dem 4. Monat nach Infusion ist es jedoch möglich – die Substanz ist da nicht mehr im Körper nachweisbar. Außerdem hat man nach Alemtuzumab im günstigsten Fall auch Ruhe vor der Erkrankung und muss vorerst keine weiteren Medikamente mehr nehmen – also ein günstiger Zeitraum, um einen Kinderwunsch zu realisieren.

Die Einnahme von Cladribin erfordert eine sichere Verhütung während der Tabletteneinnahme – darüber hinaus sollte ein halbes Jahr nach der letzten Einnahme kein Kind gezeugt werden, was für Männer wie für Frauen gilt. Dementsprechend muss man den Kinderwunsch ca. 1.5 Jahre nach hinten verschieben, wenn man sich für Cladribin als MS-Medikament entscheidet. Danach verspricht das Medikament allerdings eine therapiefreie Remission für die folgenden Jahre. Auch das ist dann eine günstige Situation für einen bestehenden Kinderwunsch.

Für Ocrelizumab (Ocrevus) ist die Situation derzeit etwas verwirrend. Das Medikament ist gut wirksam und hat gute Sicherheitsdaten – es ist also ein sehr attraktives Konzept zur Behandlung schubförmiger MS-Patienten. In der Europäischen Fachinformation steht, dass man nach Ocrelizumab-Gabe 1 Jahr lang nicht schwanger werden soll. Da Ocrelizumab alle 6 Monate gegeben werden muss, hieße das, dass man überhaupt nicht schwanger werden sollte, wenn man mit diesem Medikament therapiert wird – und das ist natürlich nicht pragmatisch. Im Gegensatz dazu steht in der amerikanischen Fachinformation, dass man nur 6 Monate nicht schwanger werden soll. Das ist machbar, denn eine Schwangerschaft kurz vor den nächsten Zyklus ist dann möglich. Ein solches Vorgehen ist dann konform mit den Regularien und man kann trotzdem mit diesem innovativen Medikament behandeln. Es steht zu hoffen, dass man die Europäische Fachinformation irgendwann dahingehend überarbeitet.

Das waren kurz zusammengefasst die wichtigsten Empfehlungen zu MS-Medikamenten und Schwangerschaft. Bei Unklarheiten zu diesem wichtigen Thema sprechen Sie mit ihrem Neurologen, damit sie diese wichtigen Fragen klar beantwortet bekommen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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Ein Kommentar zu “MS Medikamente und Schwangerschaft

  1. Gut zu wissen, was ist mit den Herren?

    Vater werden mit MS sollte eventuell immer gut überlegt werden, zumindest wenn man plant dem Nachwuchs selber das Radfahren, Schwimmen usw. bei zu bringen und später zusammen im Puff zu versacken. Aber dazu wäre es gut zu wissen, welche Therapie welche Auswirkungen auf das Sperma hat.

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