Medikament vergessen?!

Die meisten MS-Medikamente müssen regelmäßig angewendet werden – da kann es immer mal wieder vorkommen, dass ein Medikament vergessen wird. Ist das eigentlich ein Problem? Und wie verhält man sich „richtig“ wenn man mal eine Dosis vergessen hat?

Grundsätzlich ist es natürlich kein Drama, wenn eine Dosis vergessen wird – das kann vorkommen, insbesondere wenn sich der Tagesablauf ändert, wie z.B. im Urlaub oder auf Reisen. Trotzdem gilt, es ist ratsam, sich an die zugelassene Dosierung eines Medikamentes zu halten. Medikamente werden innerhalb ihrer Zulassungsstudien in einer bestimmten Dosierung getestet – in diesen Studien wird auch peinlich genau kontrolliert, dass alle Dosen eingenommen werden. Dementsprechend kann die Wirkung eines Medikamentes außerhalb der klinischen Studien auch nur dann garantiert werden, wenn die Einnahme in der vorgesehenen Dosis erfolgt.

Man weiß aus wissenschaftlichen Untersuchungen über Interferon-beta Präparate, dass bei einer Unterschreitung von 70% der vorgesehenen Dosis, keine signifikante Wirkung mehr zu erwarten ist. Dementsprechend sind weder selbst gewählte Medikamentenpausen, noch „individuelle“ Dosierungen von MS-Medikamenten eine sinnvolle Idee.

Trotzdem ist das aber gar nicht so selten – immer wieder erzählen mir Patienten, dass sie z.B. im Urlaub ihre Medikamente nicht einnehmen, oder dass sie bei Verträglichkeitsproblemen eine andere als die vorgesehene Dosis verwenden, meist eine niedrigere.

Ich habe zwar für das Argument der Verträglichkeit durchaus Verständnis, nur würde ich es begrüßen, wenn offen angesprochen wird, dass man mit der Dosis eine Medikamentes Probleme hat – meist findet sich nämlich angesichts der Vielfalt der heutzutage verfügbaren Medikamente eine Lösung. Keine Lösung ist es, sich selbst eine Dosierung auszudenken – denn dies geht in der Regel zu Lasten der Wirksamkeit.

Daher auch ein klarer Appell – seien Sie transparent, was die Einnahme Ihrer Medikamente betrifft. Kein Arzt nimmt es Ihnen persönlich übel, wenn sie nicht in der Lage sind, ein Medikament so wie verschrieben einzunehmen. Ein Problem entsteht nur dann, wenn Sie nicht sagen, dass Sie mit der Einnahme Probleme haben und viel weniger oder vielleicht auch gar keine Dosen angewendet haben. Das kann nämlich dazu führen, dass Ihr Arzt falsche Schlüsse zieht und dann ggf. stärkere Medikamente empfiehlt als Sie benötigen.

Natürlich wissen Ärzte um dieses Problem und achten sehr genau auf Zeichen fehlender Adhärenz – sei es, dass sie abgleichen, ob die Zahl der Verordnungen mit dem angenommen Bedarf übereinstimmt, oder dass Laborwerte genau angesehen werden, denn viele Medikamente hinterlassen im Blutbild einen gewissen „Fingerabdruck“. Aber glauben Sie mir, diese Art von Detektivspiel macht überhaupt keinen Spaß – es ist wesentlich sinnvoller, wenn eine offene Diskussion über die Einnahmehäufigkeit oder die Dosierung eines Medikamentes geführt wird.

Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass die tatsächlich Einnahme von MS-Medikamenten (deren Einnahme in der Verantwortung der Patienten liegt) nur ca. 40% der eigentlich vorgesehenen Menge entspricht. Und das ist in der Tat ein großes Problem, denn Medikamente können nur wirken, wenn sie eingenommen werden. Zudem muss auch berücksichtig werden, dass so hohe Kosten für das Gesundheitssystem entstehen, ohne dass dem ein entsprechender Nutzen gegenübersteht.

Also, hin und wieder mal eine Spritze oder eine Tablette vergessen ist kein Problem – das kommt vor und hat keine größeren Auswirkungen. Systematische Veränderungen der vorgegebenen Dosierung, ohne ärztliche Rücksprache, sollten aber in jedem Fall vermieden werden. Wenn Probleme mit der vorgegeben Dosierung oder der Einnahmefrequenz auftreten, dann ist es wichtig, das Gespräch mit seinem Neurologen zu suchen und Alternativen zu überlegen. Hier ist Offenheit auf beiden Seiten gefragt.

Im nächsten Beitrag werde ich beschreiben, wie man konkret vorgeht, wenn man (unbeabsichtigt) ein Medikament vergessen hat.

3 Kommentare

  1. Gegen das Vergessen hilft mir meine (MS)-Medikamenten-App 🙂 und außerdem als zusätzliche Stütze ein Button am Kühlschrank.
    Die App hat für mich noch den Vorteil, dass ich mein tägliches Befinden dokumentieren kann – gut in Vorbereitung des nächsten Ambulanztermines.
    Eigenmächtiges Absetzen oder „Umdosieren“ sehe ich als unverantwortlich, denn meines Erachtens geht in der Therapie nichts über Offenheit und Vertrauen. Kann doch dieses „Vergessen“ bei einigen Medikamenten auch potentiell lebensgefährlich sein.

  2. Könnte das nicht auch an den schlechten Studien liegen?

    So haben die PML Fälle beim Tysabri oftmals ein geringeres Gewicht und auch beim Tecfidera kann die Einheitsdosis zu Problemen führen.

    Lediglich Mavenclad und Mitox werden nach Gewicht gegeben, das schlechteste Medikament ist da wohl Ocrevus. Erheblich stärker als Rituximab und dazu noch feste Intervalle.

    Da sieht man schon wie wenig individuell die MS Therapie ist – traurig.

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