Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Trinkglas-Hand

Blasenfunktionsstörungen: Die spastische Blase – ein häufiges Problem der frühen MS

Blasenfunktionsstörungen zählen zu den häufigsten und vielleicht auch zu den am häufigsten unterschätzten Symptomen der MS. Man kann davon ausgehen, dass bis zu 80% der MS-Betroffenen im Verlauf der Erkrankung Probleme mit der Blase entwickeln und dies geht häufig mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität einher.Die häufigste Form der Blasenstörung – vor allem zu Beginn der Erkrankung – ist die sogenannte spastische Blase (Detrusorhyperreflexie). Sie ist durch eine eingeschränkte Speicherfunktion der Blase charakterisiert und manifestiert sich mit häufigem Wasserlassen und einem „imperativen“ Harndrang – also einem Drang, die Blase unmittelbar entleeren zu müssen. Diese Situation kann auch hin und wieder in einer Drang-Inkontinenz, also einem unwillkürlichem Urinabgang, münden. Patienten mit  einer Detrusorhyperreflexie schauen daher in einer unbekannten Umgebung meist zunächst danach, wo sich die nächste Toilette befindet  – und das ist definitiv eine deutliche Einschränkung des persönlichen Freiheitsgrades.

Eine klassische Ursache für die spastische Blase sind Entzündungsherde im Rückenmark, die die absteigenden Bahnen der willkürlichen Blasenkontrolle in Mitleidenschaft ziehen. Dadurch kommt es vereinfacht gesagt zu einer Enthemmung des Blasenreflexes – d.h. der Blasenmuskel kontrahiert sich ab einer bestimmten Füllmenge (Füllungsdruck) selbständig und löst damit den imperativen Harndrang aus.

Eine solche Blasenstörung, die wie schon gesagt viele Patienten in den Anfangsstadien der Erkrankung betrifft, ist einer medikamentösen Behandlung häufig noch recht gut zugänglich. In der Regel gibt man Medikamente, die die Kontraktionskraft des Blasenmuskels hemmen und damit die Überaktivität der Blase reduzieren. Diese Medikamente gehören zur Wirkstoffklasse der Anticholinergika – d.h. sie unterdrücken die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin (Ach) im parasympathischen Nervensystem, das u.a. für die (reflektorische) Kontraktion des Blasenmuskels verantwortlich ist. Da diese Medikamente nicht selektiv auf  das parasympathische Nervensystem der Blase wirken, verursachen sie Nebenwirkungen durch Beeinflussung des parasympathischen Nervensystems an anderen Organen. Hierbei ist die Mundtrockenheit aus meiner Sicht die relevanteste Nebenwirkung. Etablierte Medikamente sind beispielsweise Dridase® (Oxybutinin), Detrusitol® (Tolterodin) oder Spasmex® (Trospiumchlorid). In welcher Dosierung und mit welcher Häufigkeit pro Tag diese Medikamente angewendet werden, sollten Sie mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen.

Da sich durch die Anwendung von Anticholinergika die Restharnmenge erhöhen kann, sollte die Medikation eigentlich erst nach einer urologischen Beurteilung der Blasenfunktion mit Bestimmung der Restharnmenge angewendet werden. Pragmatisch kann aber in den frühen Phasen der Erkrankung bei einer isolierten Detrusorhyperreflexie auch direkt ein Therapieversuch unternommen werden.

Neben diesen medikamentösen Therapien empfehle ich v.a. in den frühen Phasen gerne auch ein Training der Beckenbodenmuskulatur (wird von Physiotherapeuten angeboten) – dieses Training kann nachweislich zu einer deutlichen Reduktion des  imperativen Harndrangs führen.

Als normal gilt übrigens eine Miktionsfrequenz von 4- 6 mal in 24 Stunden mit Urinmengen zwischen 200 und 400 ml – Abweichungen hiervon sind in jedem Fall ein Grund, seinen Neurologen anzusprechen und therapeutische Maßnahmen zu überlegen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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6 Kommentare zu “Blasenfunktionsstörungen: Die spastische Blase – ein häufiges Problem der frühen MS

  1. Habe auch durch MS bedingte Blasenstörung sogenannte Motorische Dranginkontinenz die nicht auf Medikamente Anspricht.Meine Ärztin meint es hilft nur Botox der direkt in die Blase gespritzt wird.Es ist sehr lässtig und belastet enorm.Hoffe das das mir durch Botox geholfen werden kann

  2. Hatte mal Spasmexx probiert, aber nach kurzer Zeit der Einnahme die beschriebene Mundtrockenheit bekommen. Wurde darauf mut Betmiga behandelt zu meiner Zufriedenheit! Leider wird das Medikament nun nicht mehr in Deutschland vertrieben aufgrund der Kosten für die Kassen. Darf man evtl. noch hoffen das die sich nochmal an den runden Tisch setzen oder ist eines der anderen genannten Medikamente ohne diese Nebenwirkung?

  3. Toller Artikel, darüber habe ich ein „humorvolles“ Buch geschrieben. „Mein Liebling, ich muss dir etwas sagen!“ Die unsichtbare Blase und ihre nur mit Humor zu ertragenden Allüren
    Es ist so wichtig für uns MS-Betroffene auch einmal ein Tabuthema zu durchbrechen.
    Viele Grüße
    Caroline Régnard-Mayer

      1. Ich würde mich echt freuen, wenn Sie sich melden, ob Sie auch gelacht haben! 😉
        Herzlichst
        Caroline Régnard-Mayer

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