Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Blasenfunktionsstörungen in fortgeschrittenen Stadien der MS

Während die spastische Blase medikamentösen Therapien noch recht gut  zugänglich ist,  sind komplexere Blasenfunktionsstörungen, die vor allem spätere Phasen der MS kennzeichnen, nicht mehr so einfach zu behandeln.In fortgeschrittenen Phasen trifft man häufig eine sog. Detrusor-Sphinkter Dyssynergie an. Das bedeutet: Aufgrund der Schädigung durch MS-Läsionen arbeiten Blasenentleerungsmuskel (Detrusor) und Blasenschließmuskel (Spinkter) nicht mehr koordiniert zusammen. Vereinfacht kann man sich das so vorstellen, dass der Blasenentleerungsmuskel sich kontrahiert, ohne dass sich der Schließmuskel adäquat öffnet. Das führt dann zu ständigem Harndrang, einer verzögerten Blasenentleerung, Inkontinenz und dem Gefühl, die Blase nicht vollständig entleeren zu können. In der Tat verbleiben auch häufig höhere Restharnmengen in der Blase (normal ist eine Restharnmenge von 0 ml – max. 30 ml), die dann einen idealen Nährboden für Blasenkeime bilden und das Entstehen von Harnwegsinfekten bedingen.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass MS-Patienten mit einer Blasenfunktionsstörung häufig vermeiden, ausreichend zu trinken und damit die Blase zu spülen, um dem ständigen Harndrang entgegenzuwirken. Dieses Verhalten begünstigt jedoch wiederum die Entstehung von Harnwegsinfektionen. Manche Patienten befinden sich dann regelrecht in einem Teufelskreis, da Harnwegsinfekte ihrerseits die Blasenfunktion verschlechtern können.

Eine medikamentöse Intervention ist schwierig und sollte auf jeden Fall in enger Absprache mit Urologen erfolgen – letztlich ist auch eine urodynamische Untersuchung erforderlich, um festlegen zu können, wie die Detrusor-Sphinkter Dyssynergie im individuellen Fall aussieht und wie hoch die Restharnmengen sind.

Das Prinzip der medikamentösen Therapie ist es, die Kontraktion des Blasenentleerungsmuskels zu dämpfen (mit Anticholinergika, s. Beitrag: Die spastische Blase) und gleichzeitig den Blasenauslasswiderstand durch eine Hemmung des Blasenschließmuskels zu senken. Hierfür kann man sog. alpha-Rezeptorenblocker verwenden – das sind Medikamente, die an alpha-Adrenorezeptoren des sympathischen Nervensystems binden und zu einer Entspannung der glatten Muskulatur (dazu gehört der Blasenmuskel) führen. Ein bekannter Vertreter dieser Gruppe ist Tamsulosin (Alna®, Omnic® etc.).

Eine weitere medikamentöse Strategie, die in letzter Zeit zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, ist die endoskopische Injektion von Botox in den Blasenmuskel – hier werden häufig sehr gute Erfolge erzielt. Die Indikation muss aber individuell geklärt werden. Von der Implantation eines Blasenschrittmachers rate ich häufig ab, da die MS ein dynamisches Krankheitsbild ist und man daher nie sagen kann, ob eine operative Maßnahme wirklich Bestand hat.

Das Problem der medikamentösen Therapien ist jedoch, dass es zu einer weiteren Erhöhung der Restharnmengen und einem Ansteigen des Infektionsrisikos kommen kann. Im allgemeinen gilt die Faustregel, dass eine medikamentöse Therapie ab einer Restharnmenge von > 100 ml nicht mehr zielführend ist.

In diesem Fall sollte – insbesondere wenn der Patient eine gute Handfunktion hat – die intermittierende Selbstkatheterisierung besprochen werden. Hier gibt es mittlerweile sehr ausgereifte Einmalkathetersysteme, die sehr einfach anzuwenden sind. Die Prozedur sollte  sauber, aber nicht steril durchgeführt werden und ist nahezu komplikationsfrei. Die Blase kann bei Bedarf vollständig entleert werden, was eine effiziente Vorbeugung von Harnwegsinfekten bedeutet. Vor dem Hintergrund, dass rezidivierende Harnwegsinfekte nicht nur die Gefahr bergen, eine Nierenschädigung hervorzurufen, sondern neben der Blasenfunktionsstörung auch andere MS-Symptome verschlechtern und durch die generelle Immunaktivierung sogar in der Lage sind Schübe zu triggern, hat die Vermeidung von Harnwegsinfekten durch die Beherrschung der Blasenfunktion absolute Priorität. Und hier ist die intermittierende Selbstkatheterisierung eigentlich nicht mehr wegzudenken.

Die Anlage eines Dauerkatheters sollte die letzte Wahl sein. Der einliegende Katheter ist immer bakteriell besiedelt, da die Bakterien am Plastik haften, was das Risiko (schlecht beherrschbarer) Harnwegsinfektionen steigert. Darüber hinaus kann auch die Einstichstelle des Katheters immer wieder Ausgangspukt von Infektionen sein, was wiederum zu einer Verschlechterung von MS-Symptomen führen kann.

Schließlich soll an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass bei geringeren Restharnmengen die Ansäuerung des Urins ein Mittel ist, um eine bakterielle Besiedlung zu reduzieren. Am effektivsten hierfür ist Acimethin (Methionin®} in einer Dosierung von 3 x 500 – 1000 mg pro Tag. Weniger effektiv, aber vielleicht sympathischer ist die Einnahme von Preiselbeeren- oder Cranberry-Saft.

Auch wenn das jetzt alles kompliziert und vielleicht für manchen auch etwas frustrierend klingt, so möchte ich nachhaltig dafür werben, die Blasenfunktion im Auge zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, sie zu optimieren – was in vielen Fällen durch die Einführung der intermittierenden Selbstkatheterisierung gelingt. Die Kontrolle von Blasenfunktionsstörungen ist extrem wichtig und bei Erfolg resultiert häufig eine deutliche Steigerung der Lebensqualität.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

5 Kommentare zu “Blasenfunktionsstörungen in fortgeschrittenen Stadien der MS

  1. Ich wollte mal fragen ob man auch etwas gegen eine Art Reizblase tun kann?
    Ich würde sagen eine Entleerungs-Störung habe ich nicht und hatte auch noch nie eine Harnwegsinfektion. Ich habe schon 16 Jahre lang primärprogrediente MS. Mein Problem ist eher dass ich es manchmal nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette schaffe. Ich muss mich erst in den Rollstuhl umsetzen aus dem Bett und durch 2 Zimmer fahren um auf die Toilette zu kommen. Wenn ich nachts aufwache und sehr dringend muss schaffe ich es manchmal nicht. Ein ähnliches Problem habe ich wenn ich mal weggehe. Wenn ich muss dann immer relativ dringend. Durch die MS kann ich es nicht so lange einhalten. Ich kann einfach den Schließmuskel nicht so lange anspannen. Kann man dagegen vielleicht etwas medikamentös tun?

  2. Lieber Herr Prof Mäurer! Ich habe zum Glück nicht oder noch nicht das Problem mit der Blasefunktion, aber ich lese zum ersten Mal von einer Impfung gegen Blasenentzündung? Ich bin Krankenschwester in Österreich, aber davon hab ich nochnnichts gehört. Könnten Sie mir bitte dazu IInformationen geben? M.f.G.

  3. Hallo Herr Mäurer, vielen Dank für den Beitrag. Ich habe eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Allerdings wurde diese bereits kurz nach der Diagnose (MS 2013) gestellt. Ihr Artikel dreht sich um Funktionsstörungen der Blase im fortgeschrittenem Stadium der MS. Meine MS an sich gehört zu der aktiveren Sorte, allerdings bin ich unter Tysabri sehr stabil. Deswegen sehe ich mich (zum Glück) noch nicht als Patient im fortgeschrittenem Stadium.

  4. Ich habe seit 6 Jahren MS diagnostiziert und schon relativ lange Blasenfunktionsstörungen. Ich katheterisiere schon seit mindestens 3 Jahren und habe mich gegen Blasenentzündungen Anfang 2015 impfen lassen. Mir geht es diesbzgl. sehr gut und hatte keine Blasenentzündung mehr und gehe wieder ins Theater, Kino etc. Sogar Restaurantbesuche ohne Toilettengang sind möglich. Dies war immer sehr problematisch.Einen SPDK hatte ich auch kurzzeitig, kam aber nicht damit zurecht und hat mich sehr verunsichert.
    LG C. Heitmann

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