Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Butterbrot

Gesättigte und ungesättigte Fettsäuren

Neben dem hohen Salzgehalt ist der erhöhte Fettanteil (insbesondere gesättigte Fettsäuren, ω-6 mehrfach ungesättigte Fettsäuren und trans-Fettsäuren) ein Kennzeichen des westlichen Ernährungsstils, der „western diet“. Fettsäuren können in ungesättigte und gesättigte Fette unterteilt werden. Man geht derzeit davon aus, dass der Fettsäuresättigungsstatus und die Länge einer Fettsäure (man spricht von kurz-, mittel- und langkettigen Fettsäuren) entscheidend dafür sind, ob Fettsäuren eine Entzündung fördern oder unterdrücken.
Eine übermäßige Aufnahme von mittel- und langkettigen gesättigten Fettsäuren soll eine Rolle bei der Entstehung der MS spielen. Diese Thesen sind in der wissenschaftlichen Welt aber nicht unumstritten. Im Tierexperiment konnte allerdings gezeigt werden, dass Tiere, die eine Diät mit hohen Anteilen an gesättigten mittel- und langkettigen Fettsäuren erhielten, einen schweren Erkrankungsverlauf zeigten. Gesättigte Fettsäuren wie Palmitat und Laurat (sind zum Beispiel in hohen Mengen in gebräuchlichen Nuss Nougat Cremes zu finden) sind zudem in der Lage, proinflammatorische Signalwege in angeborenen Immunzellen zu aktivieren.

Im Gegensatz zu den mittel- und langkettigen gesättigten scheinen mehrfach ungesättigten Fettsäuren das MS-Risiko zu senken. Eine kürzlich publizierte Studie konnte zeigen, dass die Aufnahme der mehrfach ungesättigten Fettsäure α-Linolensäure (ω-3-Fettsäure vorwiegend pflanzlichen Ursprungs – Hanföl, Leinöl etc.) protektiv wirkt.

Während den ω-3-ungesättigten Fettsäuren somit entzündungshemmende Eigenschaften nachgesagt werden, wird den ω-6-ungesättigten Fettsäuren (z.B. Linolsäure, Arachnoidonsäure) der gegenteilige Effekt zugeschrieben. Trotz dieser allgemeinen Auffassung konnte aber im Tiermodell durch die Verfütterung von ω-6-gesättigten Fettsäuren eher ein protektiver Effekt auf den Krankheitsverlauf nachgewiesen werden. Ganz schön unübersichtlich die Ausgangslage, oder? Letztlich kann sich jeder, der etwas „verkaufen“ will, die passende Studie raussuchen….

Daher finde ich es sehr wichtig, das Augenmerk auf eine sogenannte Cochrane Analyse zu richten.  Die Cochrane Collaboration ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten. Ziel ist, systematische Übersichtsarbeiten zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen. Als Basis gelten alle zur Verfügung stehenden Daten zu einer Fragestellung. Die Cochrane Collaboration arbeitet nach methodischen Regeln, um systematische Fehler auszuschließen. Außerdem ist die oberste Prämisse der Verzicht auf finanzielle Förderung durch die pharmazeutische oder medizinische Industrie, um Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Nach einer solchen Analyse der verfügbaren randomisierten Studien diätetischer Intervention mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren konnte überhaupt kein Effekt auf die MS nachgewiesen werden. Trotzdem verkaufen sich Kapseln mit ungesättigten Fettsäuren, EPA, DHA und wie sie alle heißen nach wie vor sehr gut….
Meiner Meinung nach stellt sich eher die Frage, ob nicht das Gleichgewicht von gesättigten und ungesättigten Fettsäuren – also unsere Ernährungszusammensetzung mit tierischen und pflanzlichen Fetten – von Bedeutung ist und weniger die Zufuhr einer einzelnen Substanz/Fettsäure. Eine solche Balance ist wahrscheinlich in erster Linie durch eine ausgewogene Ernährung zu erzielen, und nicht durch Nahrungsergänzungsmittel. Darüber hinaus ist vielleicht auch nicht von der Hand zu weisen, dass der übermäßige Fettkonsum per se als Voraussetzung für Adipositas und mangelnde Bewegung der wesentliche Risikofaktor im Zusammenhang mit der MS ist.

Dies war Teil 1/4. Die weiteren Beiträge rund um Ernährung und Multiple Sklerose (MS) gibt es hier:

Empfehlungen

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Meine Beiträge

3 Kommentare zu “Gesättigte und ungesättigte Fettsäuren

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. med. Mäurer,

    leider enthält der Artikel nicht wirklich etwas Neues.

    Insbesondere fehlen klare Einnahme-/Dosierungsempfehlung pflanzlicher ω-3-Fettsäuren. Da pflanzliche ω-3-Fettsäuren wohl nur zu etwa 25 % vom menschlichen Organismus resorbiert werden, wäre es wichtig gewesen die totale Aufnahmemenge beispielsweise von Leinöl anzugeben. Da der Anteil an mehrfach ungesättigten FS (ω-3- und ω-6-Fettsäuren) ca. 65g/100ml beträgt, ist die Kenntnis über den genauen Anteil an ω-3-Fettsäuren in diesem Gemenge unabdingbare Voraussetzung für eine korrekte Angabe. Hier wird der Autor noch um entsprechende Angaben gebeten. Die übliche Verzehrsempfehlung von ω-3-Fettsäuren tierischer Herkunft beträgt zwischen 1 – 3 g/d (deren vermeintliche oder tatsächliche protektive Wirkung auf andere Organsystem z.b. Augen und Herz wurde ebenfalls nicht erwähnt).

    Die kontroverse Diskussion in Hinblick auf die protektive Wirkung von ω-3- und ω-6-Fettsäuren wird wie oben angegeben schon viele Jahre geführt. Kennt man den genauen Ablauf des Arachnidonsäurezyklus inkl. der beteiligten Prostaglandine, so verwundert es nicht, dass sich Studien mit vollkommen konträren Aussagen wiederfinden.

    Eigene Erfahrungen mit Kreuzkümmelöl würden eher die ω-6-Fettsäuren Theorie bestätigen, aber ich bin keine randomisierte Doppelblindstudie. Von strengen Linolsäuregegnern würden die eigene Erfahrungen ohnehin nicht akzeptiert werden, da sie deren Weltbild ins wanken bringen würden.

    Betrachtet man die sog. Mittelmeerdiät so müssten die ω-9-Fettsäuren (hoch ungesättigte FS) ebenfalls eine protektive Wirkung auf die Erkrankung mit MS besitzen, da diese jedoch bisher nicht nachgewiesen wurde, scheint mehr die UV-Einstrahlung als die diätetischen Einflüsse eine Rolle zu spielen.

    [Ergänzende nicht direkt mit der FS-Thematik in Verbindung stehende Ausführungen:
    Solang kein ganzheitlicher Ansatz in der Erforschung der MS und der Anerkennung unterschiedlicher eigenständigen Krankheitsformen (inkl. unterschiedliche Auslösefaktoren) besteht (beispeilsweise analog der verschiedenen transmissiblen spongioformen Encephalopathien/TSE), wird man immer nur in der Phase der symptomatischen Therapie stecken bleiben und keinen Schlüssel zur Heilung einzelner MS Formen finden.

    Der Ansatz mit Propionat erscheint von hier aus gesehen, neben der Substitution hoher Dosen von Vit D3 der im Moment, zumindest für einzelne Formen der MS, der am Erfolgversprechendste. M.E.n ist ein Paradigmenwechsel in der MS Forschung mehr als überfällig.]

    Hochachtungsvoll ein Betroffener

Kommentar schreiben