Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Da ist der Wurm drin – neue Studie zum Einsatz von Hakenwürmern bei schubförmiger MS

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich froh bin, im 21. Jahrhundert zu leben und dies auch noch in einem Land mit ausgezeichneten hygienischen Standards. Bei uns spielen Parasiten als Krankheitserreger nur noch eine untergeordnete Rolle, auch wenn Sie bis vor weniger als hundert Jahren noch unsere Vorfahren in Europa gequält haben und in vielen Ländern auf der Welt mit weniger guten hygienischen Standards unsere Mitmenschen plagen.Deswegen reagiere ich auch erst einmal mit Skepsis, wenn ich höre, dass durch die gezielte klinische Applikation von Parasiten die großen medizinischen Fragen unserer Zeit gelöst werden sollen – so auch beim Lesen einer gerade in JAMA Neurology erschienenen Arbeit zur Behandlung der Multiplen Sklerose mit Hakenwürmern (Tanasescu et al. Hookworm Treatment for Relapsing Multiple Sclerosis: A Randomized Double-Blinded Placebo-Controlled. JAMA Neurol 2020 Jun 15;e201118). Weil ich weiß, dass sich viele MS-Patienten „naturheilkundlich“ begeistern lassen und es auch bestimmt nicht lange dauert, bis in den Medien Schlagzeilen zu dieser Studie auftauchen, die einen „neuen Durchbruch in der MS-Therapie“ verkünden, fühle ich mich bemüßigt, diese Studie zu kommentieren.

Was wurde gemacht? An einem MS-Zentrum in England wurden insgesamt 71 MS-Patienten mit vorwiegend schubförmiger MS und zum Zeitpunkt der Studie ohne spezifische MS-Therapie in eine Studie eingeschlossen, bei der die eine Hälfte (35 Patienten) 25 Larven des Hakenwurms Necator americanus transcutan (über die Haut am Arm) und die andere Hälfte (36 Patienten) transcutanes Placebo erhalten hat. Nach 9 Monaten wurde dann geschaut, bei welcher der Gruppen mehr neue Läsionen in der MRT des Kopfes zu sehen waren – die kumulative Anzahl neuer/sich vergrößernder T2-Läsionen/T1-Läsionen war der sogenannte primäre Endpunkt der Studie (auf den kommt es an). Als sekundärer Endpunkt wurde die Anzahl sog. regulatorischer T-Zellen in beiden Gruppen untersucht.

Vor Darstellung der Ergebnisse ein paar kurze Worte zu Necator americanus, einem Parasiten, der normalerweise in den Tropen vorkommt. Die Eier des Wurms sind im mit Fäkalien kontaminierten Boden zu finden. Das dritte Larvenstadium, das auch in der Studie verwendet wurde, ist in der Lage, die Haut zu durchdringen, die Lymph- und Blutgefäße zu durchwandern und in die Lunge zu gelangen. In der Lunge durchdringen die Larven die Lungenbläschen und steigen in der Luftröhre hinauf, um mit dem Speichel beim Schlucken in den Dünndarm zu gelangen. Im Dünndarm wachsen die Larven zu adulten Würmern und ernähren sich vom Blut des Wirtes, indem sie sich an den Dünndarmzotten festbeißen. Die Eier des Wurms werden dann wieder mit dem Stuhl ausgeschieden. Ein Befall mit Necator americanus kann zu abdominalen Schmerzen, Diarrhoe und Gewichtsverlust führen. Eine hohe Parasitenlast (die allerdings in der Studie vermieden wurde) führt zu Anämie und Eisenmangel – für Kinder in Entwicklungsländern kann diese Parasitose daher durchaus bedrohlich sein und zu Entwicklungsverzögerung führen. Auf der anderen Seite kann man die Infektion mit Mebendazol (einem Wurmmittel) leicht wieder loswerden – das haben im Übrigen auch alle Probanden am Ende der Studie bekommen.

Vor diesem Hintergrund mag jetzt die Frage aufkommen, warum man überhaupt einen solchen Studienansatz wählt? Nun, man weiß, und hat das auch in der Vergangenheit experimentell bestätigen können, dass eine Infektion mit Parasiten zu einer Veränderung der Immunreaktion hin zu einer mehr anti-inflammatorischen Immunantwort führt. Diese Reaktionsweise des Immunsystems ist vor allem bei Autoimmunerkrankungen wie der MS „unterrepräsentiert“. U.a. hat diese Beobachtung zur Ausbildung der sog. Hygienehypothese beigetragen – also der Annahme, dass wir in unserer westlichen Welt „zu hygienisch“ sind und durch die zunehmende Vermeidung von Infektionen in der Kindheit unser Immunsystem „zu scharf“ schalten und dadurch anfälliger für Autoimmunerkrankungen geworden sind. Das ist eine durchaus interessante Sichtweise und rechtfertigt auch den Ansatz der Autoren.

Aber jetzt zum Punkt – was ist herausgekommen? Um es kurz zu machen – sehr wenig. Der primäre Endpunkt der Studie wurde verfehlt, die Anzahl der neuen/sich vergrößernden MRT-Läsionen war annähernd gleich in beiden Studienarmen. Die Autoren betonen zwar, dass in einer nachträglichen Analyse weniger der „Hakenwurm“-Patienten überhaupt Aktivität im MRT gezeigt haben, aber angesichts der kleinen Kohorte (28 vollständige MRT-Datensätze) sollte man mit einer positiven Interpretation sehr vorsichtig sein. Positiv anzumerken ist, dass der sekundäre Endpunkt erreicht wurde – die dem Parasiten ausgesetzten Patienten hatten einen etwas höheren Anteil regulatorischer T-Zellen. Man muss aber auch mit diesem Ergebnis sehr vorsichtig umgehen, denn es ist vollkommen unklar, ob und wie sich dieser Laborwert in eine klinische Wirkung übersetzt.

Daher würde ich bezweifeln, dass der Ansatz irgendeinen praktischen Wert für die derzeitige Behandlung der MS hat – auch wenn ich anerkenne, dass die Studie – gerade vor dem Hintergrund der Hygienehypothese – interessant ist. Denn auch wenn man die Studie wohlwollend betrachtet, so lässt sich allenfalls ein moderater Effekt der Intervention mit den Parasiten ableiten.

Wir testen heute in der MS-Therapieforschung hochspezifische und hochwirksame Biologika meist gegen Vergleichssubstanzen die ebenfalls zu einer hochsignifikanten Reduktion der Entzündungsaktivität im MRT führen. Vor diesem Hintergrund wirken die milden Effekte, die eine Therapie mit Hakenwürmen verspricht, eher deplatziert. Auch der Vorschlag eines Add-on Konzeptes macht für mich wenig Sinn, denn einen humanpathogenen Krankheitserreger wie Necator americanus würde ich auch nicht gerne in Kombination mit einer hochwirksamen Immuntherapie einsetzen. Daher schließe ich mich im Hinblick auf die Bewertung der Studie der Aussage von Daniel Ontaneda und Jeffery Cohen an, zwei renommierten US-amerikanischen MS-Experten, die das Editorial in JAMA Neurology zu dem o.g Artikel verfasst haben: „Keep the worms in the mud“ (lasst die Würmer im Dreck).

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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Ein Kommentar zu “Da ist der Wurm drin – neue Studie zum Einsatz von Hakenwürmern bei schubförmiger MS

  1. Was halten Sie vom Coimbraprotokoll, soweit ich weiß wird dazu eine Studie in der Charité 2021 gemacht. Ich befürchte nur das diese auch als unzureichend, nach Beendigung, dargestellt wird weil da einfach zu wenig daran verdient wird. Ich habe bei Amsel auch einmal ein Bericht gelesen, dort wurden dem Patienten weiße Blutkörperchen entnommen mit irgendwelchen peptiden „bestückt“ mehrfach gewaschen in Reinlabor und dann wieder injeziert. Das Ergebnis war vielversprechend und Nebenwirkungsarm, nur gab es dann keine Forschungsgelder mehr und ich konnte auch keine Berichte zu dieser Therapie mehr finden. Aber es werden Medikamente hochgelobt die für den Patienten schreckliche Nebenwirkungen haben und mit etwas Glück für eine Weile helfen bis die Krankheit zur nächsten Dekade Fortschreiten, das macht mir schreckliche Angst. Wobei ich anmerken möchte das ich mit meinem Neurologen Glück habe.

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