Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Infusion

Pharmakovigilanzdaten zu Ocrelizumab

Angesichts einer ganzen Anzahl von Nachfragen, gehe ich davon aus, dass eine kürzlich in der Zeitschrift Multiple Sclerosis and Related Disorders (MSARD) publizierte Arbeit zu etwas Verwirrung geführt hat. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Auftreten von COVID-19 bei MS-Patienten, die mit Ocrelizumab behandelt worden sind (Hughes R, Pedotti R, Koendgen H. COVID-19 in persons with multiple sclerosis treated with ocrelizumab – A pharmacovigilance case series. Mult Scler Relat Disord. 2020 May 16;42:102192).

Der Grundtenor der kritischen Fragen meiner Patienten ist, wie Experten und Selbsthilfegruppen behaupten können, dass es derzeit keinen Grund zur Sorge gibt, wenn Patienten während der Corona-Pandemie mit Ocrelizumab (Ocrevus) behandelt werden, obwohl in der besagten Arbeit Daten von über 100 mit Ocrelizumab behandelten Patienten präsentiert werden, die an COVID-19 erkrankt sind – 26 Patienten sogar so schwer, dass ein Krankenhausaufenthalt erforderlich war. Dies sei doch (vor allem im Vergleich mit anderen Berichten) nicht nur per se eine sehr hohe Zahl infizierter Patienten, sondern vor allem eine hohe Zahl ernsthaft erkrankter MS-Patienten. Müsse man sich angesichts dieser Zahlen nicht doch Gedanken machen, wenn man derzeit mit Ocrelizumab behandelt wird?

Daher im Folgenden eine kurze Erklärung, warum dieser Artikel die Fachwelt nicht besonders „erschüttert“ und auch nicht das Potential hat, unsere derzeitigen Empfehlungen zu verändern.

Die Autoren der Arbeit sind Mitarbeiter der Fa. Roche (pharmazeutischer Herstellers von Ocrelizumab), die die Pharmakovigilanzdaten von Ocrelizumab im Hinblick auf COVID-19 analysiert haben. Unter Pharmakovigilanz versteht man die kontinuierliche und systematische Überwachung der Sicherheit eines Fertigarzneimittels nach Marktzulassung. Da zum Zeitpunkt der Zulassung die Kenntnis über unerwünschte Wirkungen noch nicht vollständig ist (weil das Arzneimittel an einer vergleichsweise geringen Patientenzahl in den Zulassungsstudien klinisch erprobt wurde) ist die Pharmakovigilanz entscheidend für die Aufdeckung seltener oder sehr seltener unerwünschter Wirkungen sowie Wechselwirkungen und somit für die Gesamtbewertung eines neuen Arzneimittels. In der EU sind pharmazeutische Unternehmen verpflichtet, Meldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen an die jeweils zuständige nationale Arzneimitteloberbehörde zu berichten.

Weltweit waren zum Zeitpunkt der Pharmakovigilanz-Analyse ca. 3,5 Millionen Menschen bestätigt an COVID-19 erkrankt, ca. 160.000 Menschen mit MS werden weltweit mit Ocrevus behandelt. Vor diesem Hintergrund ist die Anzahl von 100 Patienten, deren COVID-19-Erkrankung im Rahmen der Pharmakovigilanz gemeldet wurde, zu betrachten – mit der zusätzlichen Einschränkung, dass nur bei 74 Fällen ein positiver Test vorlag, bei den übrigen Meldungen handelte es sich um Verdachtsfälle.

Bei 77 Meldungen wurde ein Schweregrad der COVID-19-Symptome angegeben. Demnach litten 49 Personen unter asymptomatischen/leichten/mittelschweren Symptomen (64%), bei 23 Personen handelte es sich um eine schwere Erkrankung (30%, Diagnose einer Pneumonie) und fünf Personen waren kritisch erkrankt (6%). Von insgesamt 64 Fällen ist der weitere Verlauf bekannt – erfreulicherweise sind alle Patienten wieder genesen bzw. auf dem Wege der Besserung. Bei der Auswertung der Daten konnte zudem die Zeit von der letzten Ocrelizumab-Gabe/die Gesamtexposition bis zum Beginn der COVID-19-Erkrankung in 40/46 Fällen (40/46%) berechnet werden. Die Zeit von der letzten Infusion betrug im Mittel 12,5 Wochen, die Gesamtexposition bis zum Zeitpunkt der Erkrankung im Mittel 84,2 Wochen.

Nun unterliegen Pharmakovigilanzdaten – und das räumen die Autoren auch ein – einer ganzen Anzahl von Einschränkungen. Die Berichterstattung ist freiwillig, die gemeldeten Informationen sind häufig unvollständig, die Erfassung von Follow-up-Daten ist schwierig und verzögert sich häufig – Einschränkungen, die wahrscheinlich während der Pandemie eher verstärkt zum Tragen kamen. Zudem kann eine unvollständige Berichterstattung über COVID-19-Fälle auf Unterschiede in der nationalen Testkapazität und -strategie zurückzuführen sein. Das bedeutet, dass wahrscheinlich vorwiegend manifeste, bzw. schwerer COVID-19-Erkrankungen mit Ocrelizumab berichtet wurden. Es ist davon auszugehen, dass leichtere Infektionen von MS-Patienten überhaupt nicht gemeldet wurden. Dafür spricht auch, dass von über 160.000 behandelten Patienten überhaupt nur 100 Fälle mit COVID-19 berichtet wurden. Schaut man nur auf diese 100 Fälle, hat hat man angesichts der Zahlen den Eindruck, Patienten mit Ocrelizumab müssten in einem hohen Prozentsatz eine klinisch manifeste oder schwerere Erkrankung erwarten.

Das ist sicher nicht der Fall – auch die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die präsentierten Daten weitgehend mit größeren COVID-19-Fallserien übereinstimmen, die ja ebenfalls hin zu klinisch symptomatischen Patienten verschoben sind. Auch in Deutschland gehen wir ja davon aus, dass die Zahl der Infizierten ca. 10 mal höher ist als die gemeldeten Fälle, da viele COVID-Infektionen einfach sehr mild verlaufen. Dementsprechend ziehen die Autoren auch die Schlussfolgerung, dass es derzeit keinen Hinweis auf einen schwereren Verlauf von COVID-19 bei mit Ocrelizumab behandelten Menschen mit MS gibt.

Diese Sichtweise entspricht somit genau dem, was MS-Experten und Selbsthilfeorganisationen in ihren Empfehlungen kommunizieren: Es gibt keinen Hinweis, dass MS-Patienten, gleich mit welcher Immuntherapie behandelt, ein höheres Risiko für schwerere COVID- 19-Verläufe besitzen als die Allgemeinbevölkerung – daher sollte auch weiterhin, trotz Corona, der Fokus auf einer ausreichenden Therapie der Multiplen Sklerose liegen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

Kommentar schreiben

*