Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Animation

Kortisongabe – wie macht man es eigentlich richtig?

Um es vorweg zu nehmen, soviel kann man eigentlich bei einer Kortisontherapie gar nicht falsch machen. Manchmal entsteht bei MS Patienten ein wenig Verwirrung, wenn sie mit unterschiedlichen Vorgehensweisen konfrontiert werden – dann wird gefragt, „Warum hat mir der eine Arzt fünf Infusionen gegeben, der andere nur drei? Warum musste ich bei dem einen Arzt nach der Infusion noch Tabletten nehmen, bei dem anderen nicht?“Der allgemein akzeptierte Standard zur Behandlung des akuten MS Schubes ist die intravenöse Gabe von 1000 mg Methylprednisolon (Handelsnahme z.B. Urbason®) an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Manchmal wird die Gabe auf fünf aufeinanderfolgende Tage erweitert. Ich mache das, wenn ich – insbesondere bei schweren Symptomen (deutliche Sehstörung, Lähmung) – nach drei Tagen noch keine Tendenz zur Besserung sehe. Länger als fünf aufeinanderfolgende Tage therapiere ich normalerweise nicht – nach fünf Tagen warte ich lieber die nächsten ein bis zwei Wochen ab. Wenn sich bei einer schweren Symptomatik dann immer noch keine Tendenz zur Besserung zeigt, kann man entweder die Kortisontherapie in doppelter Dosis (2000mg/Tag an fünf aufeinanderfolgenden Tagen) wiederholen oder eine Plasmaaustauschbehandlung durchführen.

Häufig beobachte ich eine zu große Erwartung an die Wirkung der Therapie. Natürlich ist es wünschenswert, dass sich die Symptome schon unter der Kortisongabe komplett zurückbilden, aber häufig braucht es doch etwas mehr Geduld, manchmal Monate.

Was das orale Ausschleichen der Kortisontherapie nach der Infusion betrifft, so hat dies eher historische Gründe. Ich mache das nur noch sehr selten. Denn der wirksame Anteil einer Kortisonbehandlung des akuten Schubs ist die hochdosierte, intravenöse Gabe mit mindesten 500 mg Methylprednisolon pro Infusion. Also, orales Ausschleichen ist heutzutage kein „Muss“ mehr, aber es ist auch kein Fehler. Im Sinne des Konzeptes „soviel wie nötig“ verzichte ich in der Regel gerne darauf.

In Chatforen wird häufig über das „richtige“ Präparat diskutiert. Meines Wissens gibt es Patienten-Gruppen, die die Gabe von Dexamethason (Handelsname: Fortecortin®) propagieren. Hierbei handelt es sich um ein synthetisches, fluoriertes Kortisonpräparat mit einer Äquivalenzdosis von 1:10 – d.h. 1 mg Dexamethason entspricht ca. 10 mg Prednisolon. Zur Schubbehandlung mit Dexamethason sollte man demnach mindestens 40 mg pro Tag einsetzen. In der Neurologie mögen wir fluorierte Kortisonpräparate nicht so sehr, weil diese häufiger zu Muskelbeschwerden führen (Steroidmyopathie) – u.a. deswegen bevorzugen Neurologen in Deutschland Methylprednisolon zur Schubbehandlung der MS.

Aber gleich, welches Präparat man einsetzt, wichtig ist, dass es ausreichend hoch dosiert ist. Denn für die Schubbehandlung benötigen wir die sog. direkten Membraneffekte der Kortisonpräparate, und sie kommen erst oberhalb von mindestens 250 mg, besser 500 mg Prednisolon(äquivalent) zum Tragen. Das ist auch der Grund, warum eine Dauertherapie mit niedrigdosiertem Kortison bei der MS keinen Sinn macht. Hier hat man dann wirklich nur noch die (schwerwiegenden) Nebenwirkungen einer langfristigen Kortisontherapie und keine sinnvolle Wirkung auf die MS.

Manchmal wird gefragt, ob man nicht auch statt einer hochdosierten Infusion hochdosierte Tabletten einnehmen kann. Ich persönlich vertraue mehr der hochdosierten Infusion, auch wenn es Studiendaten zur Wirksamkeit von hochdosierten Tabletten gibt. Es gibt aber spezielle Situationen – z.B. Urlaub in einem Land mit schlechter medizinischer Versorgung –  da ist es sicherlich eine sinnvolle Sache, im Falle eines Schubes hochdosierte Tabletten dabei zu haben, statt sich vor Ort eine Infusion geben zu lassen.

Zusammengefasst: es gibt zwar Unterschiede in der Herangehensweise, insbesondere situationsbezogen, aber der Standard zur Behandlung des aktiven MS-Schubs ist die Gabe von 1000 mg Methylprednisolon pro Tag über 3 – 5 Tage. Falsch ist eine nur niedrigdosierte Dauertherapie mit Kortison.

Mehr über die Wirkweise von Kortison erfahren Sie in einer laienverständlichen Animation auf www.amsel.de/ms-behandeln

 

Empfehlungen

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Meine Beiträge

29 Kommentare zu “Kortisongabe – wie macht man es eigentlich richtig?

  1. Hallo Prof. Dr. Mäurer,

    ich lese sehr gerne in Ihrem Blog. Ich finde es wirklich Interessant die ganze Sache auch mal aus einer anderen, sachlicheren Perspektive zu sehen. Vor allem am Anfang sind wir Patienten ja sehr Emotional und sehen vor lauter Bäume den Wald nicht.
    Ich hoffe Sie werden hier noch einiges veröffentlichen.

    1. Hallo Thinuviel,
      auch die kritischen Reaktionen hier empfinde ich als sachlich, wenn auch aus der anderen Perspektive Betroffener geschrieben.
      Und DAS wird ihnen doch niemand vorwerfen, oder?
      Über Deinen sehr emotional zustimmenden Beitrag wird sich Herr Prof. Mäurer sicher freuen! Schwieriger und zeitaufwendiger dürfte es für ihn werden, inhaltlich einzusteigen auf diejenigen von uns, die durchaus noch den Wald sehen vor lauter Bäumen…
      Erstes MS-Gebot: Mach Dich (uns) nicht kleiner als Du bist 😉

      1. Hallo Jerry!

        Habe ich denn die kritischen Stimmen als unsachlich oder unangebracht abgestempelt?
        Es ist wie ich es schrieb: Ich freue mich darüber mal die andere Seite zu hören. Und in meiner MS-Anfangszeit dachte ich, ich können diesen Wald niemals ausdünnen. Aber er lichtete sich doch erheblich.

        Also bitte nicht immer alles in den falschen Hals bekommen. Wenn auch Schluckbeschwerden die erschweren.

        LG :)

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer,

    ihren Ausführungen zufolge wird bei schweren Schüben nach den Leitlinien
    3 bis 5 mal je 1000 mg. Methylprednisolon gegeben.
    Leider sind Sie nicht auf die teils verheerenden Nebenwirkungen
    eingegangen.
    Ich habe im Jahre 2014 mehrere Methylprednisolon Infusionen (16 an der Zahl) bekommen und muss leider sagen, dass mich diese Behandlungen sehr beeinträchtigen!

    Atemnot, starke Depressionen, diverse Gelenk- und Knochenbeschwerden, Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen und, und, und…………………………..

    Was kann ich tun?
    Medikamente für die Zurückbildung der Nebenwirkungen schlucken?
    Inzwischen bin ich ein „wandelndes Medikamentenlager“ , die MS – Symptome
    verschwanden jedoch nur kurzzeitig!

    Ich sehe die bedenkenlosen Kortisongaben mit Methylprednisolon sehr skeptisch
    und zum Teil gefährlich!
    Es wäre für
    diesen BLOG sehr hilfreich, wenn Sie auch von Schwierigkeiten
    aus ihrer täglichen Praxis berichten könnten!

    Mit freundlichen Grüßen
    Margarethe

  3. Sie haben klar ausgeführt, dass keine Überlegenheit eines bestimmten Therapieregimes über ein anderes in der symptomatischen Schubtherapie mittels eines Kortisonpräparates nachgewiesen ist, sofern man kurzzeitig hoch genug dosiert. Sie selbst bevorzugen die Infusion mit 1000 mg Methylprednisolon über drei aufeinander folgende Tage.

    Generell sind Kortisonpräparate aus der Medizin zwar nicht mehr wegzudenken, aber grundsätzlich mit Vorsicht einzusetzen, schwere und lebensbedrohliche Nebenwirkungen sind möglich. Auch Methylprednisolon in der hohen Dosierung ist alles andere als bedenkenlos, hier ein Link zur Fachinformation von Urbason solubile forte® 1000 mg: http://www.diagnosia.com/de/medikament/urbason-solubile-forte-1000-mg
    Ob tatsächlich durch die Gabe von Dexamethason da noch ein wesentliches Risiko draufgesetzt werden würde, oder ob umgekehrt die Verträglichkeit besser wäre, ist m.W. nicht in klinischen Studien vergleichend untersucht worden. Gleiches gilt für die 2000 mg-Einzeldosis als Steigerung nach Versagen des ersten Kortisonstoßes. Überhaupt ist die Datenlage zu Nutzen und Risiken der Schubtherapie erstaunlich dünn, wenn man bedenkt, wie häufig sie durchgeführt wird. Recht ausführlich wird sie übrigens in der Schubtherapiebroschüre des UKE Hamburg dargestellt: http://www.gesundheit.uni-hamburg.de/upload/Schubtherapie_der_MultiplenSklerose.pdf

    Natürlich ist es so, dass man als Arzt mit dem Rücken zur Wand steht, wenn ein MS-Patient eine schwere Schubsymptomatik aufweist, die man so schnell wie möglich bessern will. Dann sind auch höhere Therapierisiken gerechtfertigt, und kein Betroffener lehnt sinnvolle Vorschläge ab, die der Arzt mit seiner persönlichen Erfahrung begründen kann.
    In anderen Fällen greifen aber wieder die Prinzipien, die ich in einem anderen Kommentar hier schon mal erwähnt habe: Vermeidung Therapie-bedingter Schäden und Respektieren der Patientenautonomie. Wenn mehrere Therapieregime vermutlich gleichwertig sind, hat der Patient die Wahl, und muss über alles aufgeklärt werden. Zur Vermeidung therapiebedingter Schäden gehört auch eine enge Indikationsstellung.

    Um endlich mal mehr über die reale Nebenwirkungsrate sagen zu können, würde ich anregen, die schon durchgeführten Therapien rückwirkend systematisch auszuwerten. Das wäre immer noch besser, als gar keine Zahlen zu haben, und ließe sich mit relativ geringem Aufwand praktisch in jedem MS-Zentrum bewerkstelligen.

  4. Was ist denn das für ein Doc-Bashing??? Muss es ein hochspezialisierter Blog sein oder reicht auch ein Blog, der in leicht verständlicher Form Auskunft gibt. Irgendwie gefällt mir nicht, dass sich hier PatientInnen sehr wichtig nehmen, ohne die Intention des Blogs nachvollzogen zu haben. Stellen Sie sich vor, Sie haben kürzlich eine Diagnose erhalten und Sie benötigen Informationen. Ich würde mich tausend mal mehr über einen Blog wie diesen freuen als über die unzähligen Foren, die nur mehr Verwirrung Irritation bringen. Ich schlage vor, die Kirche im Dorf zu lassen.

    1. Bist Du Nina also keine Patientin? Oder jedenfalls keine, die sich wichtig nimmt? 😉
      Und würdest Dich freuen, wenn Du … wärest?
      Ich glaube, die hier gepostet haben, die ‚stellen sich nicht vor‘, sie hätten eine Diagnose erhalten, sondern: die haben sie längst.
      Ich schlage also vor, die Kirche im Dorf (Einigkeit!!) und die Betroffenen so schreiben zu lassen, wie sie eben möchten.
      Oder für wen ist der Blog gedacht?
      Gruß, jerry

    2. Hallo Nina,
      wie oft bist du in den „Genuss“ einer hochdosierten Cortisonstosstherapie gekommen?
      Ich finde es gut und wichtig, dass MS-Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen mit dieser allgemein leider immer noch üblichen Schubbehandlung schildern.

      Was ich z.B. nicht verstehe ist, dass eine kleine zierliche 50 kg Frau die gleiche hohe Dosis verabreicht bekommt wie ein 190cm Mannsbild mit 100 kg.
      Vielleicht kann Herr Mäurer es mir erklären

      Ich war vor 20 Jahren so ein zierliche 50 kg Frau und die Nebenwirkungen von 1000mg Prednisolon an 5 Tagen hintereinander waren für mich sowohl in physischer, als auch in psychischer Hinsicht äusserst heftig.

      Hast du z.B. schonmal 5 Nächte hintereinander so gut wie gar nicht geschlafen?
      Weisst du, wie sich Schlafentzug auswirkt?
      Von den Problemen mit Magen/Darm trotz Magenschutz will ich hier gar nicht reden…

      Den letzten heftigen Schub hatte ich vor inzwischen 12 Jahren, ich kann mich aber noch wie heute an die Nebenwirkungen des hochdosierten Cortisons erinnern.
      Denn zu den mir bereits bekannten NWs kamen nun noch Herzrasen und in der Folge Panikattacken hinzu.

      Daraufhin habe ich beschlossen, mir nie wieder solch hohe Dosen verabreichen lassen.

      In den letzten drei Jahren habe ich zweimal Dexamethason in niedriger Dosierung , 24mg an 5 Tagen hintereinander eingenommen. Die Wirkung war mit der von hochdosiertem Prednisolon vergleichbar. Die Nebenwirkungen hingegen waren fast ein Spaziergang für mich….

      Um ein wirklich realistisches Bild von den Wirkungen/Nebenwirkungen zu bekommen müssten wie Jutta Scheiderbauer bereits schrieb, viel mehr Patientendaten erhoben , gesammelt und ausgewertet werden.

      Wer sich wie Herr Mäurer der Öffentlichkeit in Form eines Blogs stellt , muss mit Kommentaren von MS-Betroffenen rechnen. Ihre Erfahrungen haben für mich inzwischen mehr Aussagekraft als die meisten Studien.
      Ich glaube kaum, dass ich ein besonders sensibler Einzelfall bin. In den letzten Jahren habe ich von vielen MSler persönlich gehört und auch gelesen, welch heftige NWs sie zu erleiden hatten.
      Es gibt allerdings auch MSler, die kaum NWs haben oder hatten, die scheinen mir jedoch in der Minderheit zu sein.

      Das schildern von persönlichen Erfahrungen und die freie Meinungsäusserung haben für mich nicht das geringste mit „bashing* zu tun.

      LG Amygdala (seit 20 Jahren MS)

    3. @Nina

      „Irgendwie gefällt mir nicht“
      Dein Pech, gibt ja keinen Lesezwang.

      „dass sich hier PatientInnen sehr wichtig nehmen“
      Blöde Unterstellung.

      „ohne die Intention des Blogs nachvollzogen zu haben.“
      Saublöde Unterstellung.

  5. „Meines Wissens gibt es Patienten-Gruppen, die die Gabe von Dexamethason (Handelsname: Fortecortin®) propagieren“.
    Stimmt. Da liegen Sie richtig. Wie heißt es doch so schön:
    AEG: Aus Erfahrung gut.
    Nie wieder werde ich mir die 1000er Dosis Methylprednisolon antun (ich hatte schon öfter das „Vergnügen“): Unwirksam und nebenwirkungsreich in meinem Fall.
    Dexamethason 5 x 32mg war viel besser verträglich und auch noch wirksamer. Wie gut, daß mein Neurologe nicht alles blind nachplappert, was in den Leitlinien steht. Auch er hat beste Erfahrungen mit Dexamethason auch schon früher gemacht.
    Man fragt sich sowieso, wie man allen Ernstes auf so ein blödsinniges Dosierungsschema kommen konnte. Wir Patienten müssen es dann ausbaden!
    Wo bleiben denn die Studien, die auch mal mehrere (niedrigere!) Dosen mit der 1000er Dosis vergleichen – und vor allem der direkte Vergleich Dexamthason vs. Methylprednisolon fehlt!
    Ergebnis wäre ziemlich sicher, daß die 1000mg gar nicht nötig wären und daß Dexamethason genauso gut wirkt.

    1. Hallo Andreas,
      zur Vergleichbarkeit des Nutzens Dexamethason versus Methylprednisolon gibt es eine ganz kleine doppelblinde Studie von 1994, in der Dexamethason gleich wirksam wie Hochdosis-Methylprednisolon war: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7915989
      Die Studie entspricht nicht heutigen Anforderungen, v.a. sind es geradezu lächerlich kleine Patientenzahlen. Das liefert aber zumindest einen Hinweis darauf, dass man eine solche große Studie mal machen sollte.

  6. Im Docblog wieder mal nix Neues! Schade!
    Ich würde mal erwarten, dass ganz bald die nächste bekannte MS-Floskel auf dem Programm steht.
    …..sehr enttäuschend das Ganze…

  7. Sehr geehrter Herr Dr. Mäurer,

    ich vermisse in Ihren Erläuterungen die grundlegende Information, dass die Rückbildung von Schubsymptomen mit Cortison zwar schneller gelingen kann, aber NICHT besser. Viele Patienten glauben nämlich, sie müssten die sehr unangenehmen Cortison-Infusionen irgendwie ertragen, weil sonst etwas zurückbleibt.

    Hätte man mir bei meiner Sehnerventzündung vor 15 Jahren gesagt, dass die Rückbildung ohne Cortison einfach nur länger dauert, hätte ich auf den extrem stressigen Krankenhausaufenthalt ganz sicher verzichtet.

  8. Hallo Herr Mäurer,
    jetzt sehe ich Ihren Artikel auch etwas chritisch, da Sie immer 1000 mg Cortison propagieren. Ich habe schon einige Schübe hinter mir, die (bis auf einen) immer mit 500 mg Cortison (an 3 oder 5 Tagen hintereinander) behandelt worden waren. Und es ist fast alles immer zurück gegangen. Also ich würde sagen, dass nicht immer 1000 mg notwendig sind.
    Viele Grüße
    Monika

Kommentar schreiben