Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Was ist eigentlich ein Schub?

Wenn man ein Lehrbuch für Neurologie aufschlägt und unter MS nachschaut, steht da in der Regel: „MS ist eine schubförmige Erkrankung des zentralen Nervensystems.“ – Trotzdem fragen nicht wenige Patienten in meiner Ambulanz: „Was ist eigentlich ein Schub?“Zieht man wieder das Lehrbuch zu Rate, dann ist ein Schub ein neu aufgetretenes neurologisches Defizit oder eine deutliche Verschlimmerung eines schon bekannten neurologischen Defizites, dauerhaft anhaltend für mindestens 24 – 48h. Bespiel: Ein Patient bemerkt morgens nach dem Aufstehen eine Taubheit des rechten Armes, die im Laufe des Tages zunimmt und zu einer Feinmotorikstörung führt, die auch am nächsten Tag noch unverändert anhält. Wenn dieser Patient nicht gleichzeitig unter einer Infektionserkrankung mit Fieber (z.B. klassischer grippaler Infekt) leidet, dann handelt es sich um einen MS Schub – eine Therapie mit Cortison kann angeboten werden, um die Dauer der Symptome zu verkürzen.
Anderes Beispiel: Ein MS Patient, der schon einmal unter einer Sehnervenentzündung des rechten Auges gelitten hat und auf diesem Auge bereits Visuseinschränkungen hat, bemerkt, dass er plötzlich auf diesem Auge deutlich schlechter sieht. Am nächsten Morgen ist diese Sehverschlechterung immer noch vorhanden. Auch dies ist ein klassischer Schub – hier würde man auch rasch eine Cortisoninfusion anbieten, um die Symptomatik rückgängig zu machen.

Von einem Schub abzugrenzen sind intermittierende Symptome – in der Neurologie sprechen wir auch von sogenannten paroxysmalen Symptomen. Darunter verstehen wir kurzfristige neurologische Störungen – wie z.B. Missempfindungen an Armen und Beinen, Sehstörungen oder auch Sensibilitätsstörungen – die kürzer als 24 – (48h) andauern, nämlich nur ein paar Stunden und häufig auf Temperaturschwankungen (sowohl von außen als auch von innen) beruhen. Insbesondere neu erkrankte Patienten tun sich manchmal schwer, solche paroxysmalen Symptome richtig einzuordnen. Daher ist es immer ein guter Tipp, beim Auftreten von Symptomen erst einmal abzuwarten und die Situation mindestens einen Tag zu beobachten (es sei denn es handelt sich um ein sehr schwerwiegendes Defizit – da sollte man umgehend ärztliche Hilfe suchen).

Desweiteren sollte man ausschließen, dass die beobachtete schubförmige Verschlechterung im Zusammenhang mit einer Infektionserkrankung auftritt. Es ist bekannt, dass durch die generelle Aktivierung des Immunsystems und die Erhöhung der Körpertemperatur im Rahmen eines Infektes Symptome einer MS schlechter werden können, bzw. im ungünstigsten Fall sogar ein Schub ausgelöst wird. In diesem Fall ist dann die Behandlung der Infektion vorrangig – eine unkritische Cortisongabe kann dann sogar kontraproduktiv sein. Wir sprechen in so einem Fall auch nicht von einem „echten MS Schub“, sondern von einer Infektexazerbation.

Eine weitere Regel ist noch wichtig: Von einem neuen Schub sollte man erst im Abstand von mindestens 30 Tagen nach einem stattgehabten Schub reden. Vorher muss man davon ausgehen, dass ggf. die alte Symptomatik noch einmal aufgeflammt ist.

Diese Regeln sind insofern wichtig, als dass sich die meisten therapeutischen Empfehlungen an der Anzahl der vorangegangenen Schübe orientieren. Wenn man sich demnach nicht an diese Regeln hält, besteht die Gefahr einer falschen Einschätzung der Situation und ggf. einer inadäquaten Therapie.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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6 Kommentare zu “Was ist eigentlich ein Schub?

  1. Wieder ein „Anfängerthema“.
    Das Schubdefinitionsthema, bzw. Muskelschwund kläßt sich mit 2 Klicks im Internet finden. Beides wird auch auf DMSG.de und sogar in fast jeder MS-Broschüre aus der Industrie erklärt.
    Wir würden uns alle sehr freuen, wenn Sie vielleicht mal Themen aus den vielen interessanten Kommentaren, die Sie erhalten haben, aufgreifen könnten.
    Themen, die uns MSler wirklich interessieren und die beim Arzt regelmäßig zu kurz kommen.

    1. „Themen, die uns MSler wirklich interessieren und die beim Arzt regelmäßig zu kurz kommen.“

      Man könnte doch seinen Arzt einfach mal danach fragen.
      Klar ist es einfacher abzuwarten bis irgendwo diese bewegenden Themen zufällig beantwortet werden. Aber wenn es so interessant ist könnte man seinen Arzt fragen anstatt andere zu kritisieren weil sie das Wunschthema nicht als erstes im Internet bloggen.

    2. Ich bin eine Neuerkrankte und froh über „Anfängerthemen“, weil ich in den meisten Foren und Beiträgen mit den ganzen Fachbegriffen und Abkürzungen überfordert bin.
      Für mein Empfinden gibt es mehr Informatives für Fortgeschrittene als für Anfänger.

  2. Lieber Herr Professor Mäurer,
    erst einmal möchte ich mich für Ihr Engagement bedanken. Einen Internet-Blog zu führen, obwohl man viel beschäftigter Chefarzt ist, finde ich beachtenswert. Ob Sie mit der vielen Kritik, die jetzt schon innerhalb eines Monats auf Sie „eingeprasselt“ ist, gut zurecht kommen? Ich wünsche es Ihnen. Ich weiß noch nicht wie oft ich mich zu Wort melden werde, aber das wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Ich hoffe auch, dass sich viele Betroffene zu Wort melden (und positive wie negative Aspekte aufzeigen). Wie immer im Netz weiß man nicht, wie groß die still mitlesende Zuhörerschaft ist, aber man darf diesen Anteil nicht unterschätzen.
    Viele Grüße aus Heidelberg!

    1. ich schließe mich den Ausführungen ausdrücklich an. Wie so oft, fand ich auf MS-Foren nur negative Forenbeiträge. Ich finde es sehr gut, dass sich Prof. Mäurer hier versucht aufzuklären. Ich habe nun schon ein paar Jahre MS und glücklicherweise auch noch eine hervorragende Neurologin die mich unterstützt. Machen Sie bitte weiter Prof. Mäurer. An die Leser, die sich hier nicht gut aufgehoben fühlen, kann man nur den Tipp geben, sich anders zu informieren. Ich finde den Blog hilfreich. Auch für Angehörige !!!!

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