Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Medikamente, Pillen und Spritzen

Neues vom ECTRIMS – Ofatumumab

Letzte Woche fand in Stockholm die Jahrestagung des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) statt. ECTRIMS ist die weltweit größte und bedeutendste Fachtagung zur Multiplen Sklerose – daher lohnt sich natürlich ein Blick auf die diesjährigen Inhalte.

Angesichts der mehr als 1.500 eingereichten Arbeiten ist meine Auswahl verständlicherweise begrenzt und subjektiv – schauen Sie daher auch ruhig einmal selbst auf die Kongresshomepage und machen Sie sich eine Bild über die derzeitigen Aktivitäten der MS-Forschung (https://www.ectrims-congress.eu/2019.html).

Aus meiner Sicht war die Präsentation der Studiendaten der ASCLEPIOS I und II-Studie ein sehr wichtiger Punkt. In den Studien wurde die Wirksamkeit und Sicherheit des monoklonalen Antikörpers Ofatumumab im Vergleich zu Teriflunomid (Aubagio) getestet. Ofatumumab ist ein Antikörper, der ähnlich wie Ocrelizumab (Ocrevus) gegen das Oberflächenantigen CD20 gerichtet ist und zur Depletion von B-Zellen im peripheren Blut führt. Im Unterschied zu Ocrelizumab wird dieser Antikörper aber in monatlichen Abständen subkutan verabreicht und eignet sich daher auch für die Anwendung im häuslichen Umfeld – ist also letztlich logistisch einfacher zu handhaben.

Die aktuell präsentierten Ergebnisse zur Wirksamkeit sind durchaus beeindruckend – im Vergleich zu Teriflunomid (Aubagio – also ein bereits zugelassenes und etabliertes MS-Medikament) reduziert Ofatumumab die jährliche Schubrate um mehr als 50% und auch die Behinderungsprogression (bestätigt nach 3 bzw. 6 Monaten) wird signifikant reduziert. Spannend ist auch die bereits nach 3 Monaten feststellbare signifikante Absenkung des Biomarkers NfL (Neurofilament light), der als vielversprechender Marker für die Neurodegeneration bei MS gilt.

Aus meiner Sicht am beeindruckendsten sind – wie schon bei Studien zu anderen B-Zell-depletierenden Therapien – die MRT-Daten. Gegenüber Teriflunomid, das bereits in seinen Zulassungsstudien eine deutliche  Reduktion der Entzündungsaktivität im MRT gezeigt hat, werden z.B. Gadolinium-aufnehmende MRT-Läsionen um mehr als 90% reduziert – dies entspricht einer nahezu kompletten Unterbindung Kontrastmittlel-aufnehmender Herde im Studienzeitraum.

Was die Sicherheitsdaten betrifft, so zeichnen sich sowohl die ASCLEPIOS I als auch die ASCLEPIOS II-Studie durch eine niedrige Abbruchrate aus – die Medikamente wurden insgesamt gut vertragen. In der Ofatumumab-Gruppe fanden sich verständlicherweise mehr injektionsbedingte Nebenwirkungen, während die Teriflunomid-Patienten mehr unter Durchfall und Haarverdünnung, also den typischen Teriflunomid-Nebenwirkungen litten. Schwerwiegende Nebenwirkungen waren in beiden Behandlungsgruppen gleich verteilt. Insbesondere für Tumorerkrankungen ergab sich kein relevantes Sicherheitssignal.

Mit Ofatumumab wird damit bald eine weitere effiziente Therapie der schubförmigen MS zur Verfügung stehen, die erneut die sehr gute Wirkung von B-Zell depletierenden Therapien unterstreicht. Die Tatsache, dass diese Therapie mit 20 mg s.c. alle vier Wochen angewendet werden kann und die Injektionsnebenwirkungen im wesentlichen auf die erste Gabe beschränkt sind, wird dazu führen, dass dieses wirkungsvolle Konzept demnächst mit weniger logistischem Aufwand durchzuführen ist und daher auch abseits von großen MS-Zentren mehr Bedeutung gewinnen wird.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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