Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Salatteller

Kann Essen MS heilen …

Wenn man das Internet dazu befragt, hat man fast den Eindruck, es müsse so sein. Hier werden mitunter wundersame Heilungen chronischer Erkrankungen vorgestellt und Hoffnungen genährt. Verschiedene Anbieter werben mit speziellen – meist selbst ausgedachten – Ernährungsplänen, die Betroffene von verschiedensten chronischen Leiden befreien sollen – und das ganz ohne zusätzliche Arzneimitteleinnahmen.

Wenn man sich näher in das Thema einarbeitet, ist es gar nicht so einfach, sich zwischen Paleo-, Ketogener-, Lactosefreier-, Glutenfreier-, Allergenfreier-, Calciumfreier-, Fettfreier-, Kohlenhydratfreier- und was sonst noch freier Diät zurechtzufinden. Man wird feststellen, dass man – egal was man tut – immer irgendeine Regel zur vermeintlich „heilsamen“ Ernährung bricht. Und dabei entsteht nicht selten auf Seiten der Betroffenen ein Schuldgefühl – als sei eigentlich die Schuld des Patienten selbst, dass er krank ist, weil er „einfach zu dumm ist, sich gesund zu ernähren“.

Zugegebenermaßen stehen hinter vielen der oben genannten Ernährungskonzepte interessante und seriöse wissenschaftliche Beobachtungen und Experimente – d.h. viele Aussagen, die im Zusammenhang mit Diäten getroffen werden, sind durchaus wahr. Das Problem ist allerdings, dass sich viele dieser Wahrheiten auf Experimente in Zellkulturen oder Tierexperimente beziehen. Nur ganz wenige Ernährungskonzepte sind tatsächlich in ausreichender Qualität am Menschen getestet worden – und wenn das mal der Fall war, dann war das Ergebnis meist wenig euphorisierend. Das heißt jetzt nicht, dass nicht doch in der Zukunft ein Ernährungskonzept bei MS als sinnvoll identifiziert wird, aber ein solider wissenschaftlicher Beweis benötigt Zeit und Sorgfalt.

Ein solches sorgfältiges Vorgehen ist vielen Anbietern von Ernährungsratgebern, Nahrungsergänzungsmitteln, Kochbüchern und Ernährungsplänen fremd – häufig wird einfach eine passende wissenschaftliche Beobachtung (Stichworte: Autophagie, mitochondriale Entkopplung, regulatorische Entzündungszellen) herausgegriffen und damit ein Konzept regelrecht beworben, auch wenn Daten für die humane Situation komplett fehlen – und im menschlichen Organismus ist vieles komplizierter. Das Vorgehen ist deswegen problematisch, weil durch verfrühte Euphorie sinnvolle Konzepte „verbrannt“ werden und mit Hoffnungen von Patienten gespielt wird.

Am 1. Juli 2007 trat in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union die Health-Claims-Verordnung in Kraft. Zweck dieser Verordnung ist der Gesundheitsschutz, eine Werbung mit gesundheitsbezogenen Angaben ist nur zulässig, wenn die Angaben wissenschaftlich anerkannt wurden, d.h. Lebensmittelfirmen in der EU dürfen ihre Produkte nicht mehr als gesundheitsförderlich oder heilsam bewerben, wenn es dafür keine wissenschaftlichen Belege gibt. Das Verbot gilt aber nur für Hersteller. Ratgeberbücher, Gesundheitsportale und Blogs dürfen weiterhin die medizinische Wirksamkeit von Diäten und Lebensmitteln anpreisen – ob erwiesen oder nicht. Hier würde ich mir aus den oben genannten Gründen eine striktere Regulierung wünschen.

Trotz aller Kritik – ich persönlich bin absolut der Überzeugung, dass eine individuell angepasste Ernährung begleitend zu einer medikamentösen Therapie unterstützend auf das Wohlbefinden von MS-Patienten wirken kann. Daher versuche ich auch so gut es geht auf diesem Gebiet zu beraten und zu unterstützen. Und auch das sei hier erwähnt, es gibt sehr gute und seriöse Ernährungsratgeber, deren Lektüre absolut hilfreich und informativ sein kann. Aus meiner Sicht ist der wesentliche Punkt auch gar nicht primär die Art der Ernährungsumstellung, sondern sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen und seine Gewohnheiten zu reflektieren. Diese Art von „Empowerment“ führt aus meiner Sicht per se zu mehr Wohlbefinden.

Wichtig ist auch ein gewisses Maß an Gelassenheit. Ich glaube, nach allem was wir wissen, ist es nicht möglich gegen eine Krankheit anzuessen oder die Erkrankung auszuhungern. Und daher ist es fraglich, ob man sich angesichts der schwachen Evidenz der meisten Ernährungskonzepte das Leben, dass durch die MS ja meist schon schwer genug ist, durch restriktive Diätregime noch schwerer machen sollte.

 

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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2 Kommentare zu “Kann Essen MS heilen …

  1. „Ich glaube, nach allem was wir wissen, ist es nicht möglich gegen eine Krankheit anzuessen oder die Erkrankung auszuhungern.“

    Doch doch, einfach verhungern und die Krankheit ist für immer vorbei.

    Diät beendet MS zuverlässig, klingt doch gut.

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