Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Medikamente

Zulassung von Daclizumab zurückgezogen

Vor kurzem hat die Firma Biogen in Absprache mit der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung des MS-Medikamentes Daclizumab zurückgezogen. Der Hintergrund war, dass es neben einem Todesfall aufgrund einer autoimmunen Leberentzündung, der schon zu einer Indikationsbeschränkung der Substanz geführt hat, nun zu Fällen von Hirnentzündungen gekommen ist, die ursächlich auf das Medikament zurückgeführt wurden. Angesichts dieser Ereignisse war die Nutzen-Risiko-Bewertung für das Präparat negativ, auch vor dem Hintergrund ausreichender Therapiealternativen zur Behandlung der schubförmigen MS.

Ich habe durchaus zur Kenntnis genommen, dass in den Kommentaren zu meinem Blog dieser Vorgang als Beleg dafür gilt, dass ich viel zu „sorglos“ MS-Medikamente empfehle und das Risiko einer MS Therapie grundsätzlich unterschätze.

Ich habe meinen Artikel über Daclizumab aus dem Herbst 2017 noch einmal gelesen und man kann durchaus retrospektiv kritisieren, dass ich die Substanz zu enthusiastisch bewertet habe und damit meiner Verantwortung, die ich mit diesem Blog habe, nicht gerecht geworden bin. Auf der anderen Seite war die Darstellung zum damaligen Zeitpunkt angesichts der vorliegenden Sicherheitsdaten gerechtfertigt. Dennoch sollte man wahrscheinlich deutlicher darauf hinweisen, dass man bei neuen Substanzen eine verlässliche Sicherheitsbewertung erst nach ca. 100.000 Patientenjahren machen kann und jede neue Substanz (das gilt im Moment auch für Ocrelizumab) in der realen Anwendung immer Überraschungen bereit halten kann, die den klinischen Studien, trotz aller Sorgfalt, nicht erfasst werden, da Studien häufig mit selektierten und begrenzten Teilnehmerzahlen arbeiten.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es schade, dass Daclizumab gescheitert ist, denn das Konzept hinter der Substanz war immunologisch ausgesprochen interessant und es hat das therapeutische Spektrum bereichert. Diese Erwägungen sind natürlich vor dem Hintergrund der Patientensicherheit nachranging – sie sind aber mit ein  Grund für meine damalige positive Einschätzung der Substanz gewesen.

Was aber trotz aller Kritik mitnichten gerechtfertigt ist, ist ein Vergleich mit dem Contergan-Skandal, der in Kommentaren gezogen wurde. Im Gegenteil denke ich, dass die Vorgänge zu Daclizumab zeigen, dass unser System der Pharmakovigilanz gut funktioniert, und sich seit den 60iger Jahren erheblich weiterentwickelt und verbessert hat. Nebenwirkungen und unterwartete Ereignisse werden sorgfältig (weltweit) erfasst, unabhängig bewertet und wenn nötig werden zeitnah Konsequenzen im Sinne der Patientensicherheit gezogen – in diesem Fall sogar die komplette Rücknahme eines MS-Medikamentes (was für viele Patienten, die erfolgreich auf diese Substanz eingestellt waren und damit gut zurecht kamen, eine nicht gute Nachricht war).

Natürlich ist jede Komplikation, die direkt einem Medikament zuzuschreiben ist, eine zu viel und insbesondere schrecklich für den Menschen, der dadurch zu Schaden kommt. Trotzdem wird man auch bei größter Sorgfalt bei der Medikamentenentwicklung nie eine 100%ige Sicherheit herstellen können. Ein Restrisiko besteht immer, insbesondere wegen der großen individuellen Unterschiede von Patienten hinsichtlich ihrer genetischen Ausstattung, ihrer Vorerkrankungen und sonstiger individueller Begleitumstände. Dieses natürliche Restrisiko ist aber angesichts der mittlerweile sehr guten Wirksamkeit von MS-Medikamenten gerechtfertigt – viel zu selten wird meiner Meinung nach darüber diskutiert, dass auch eine schlecht behandelte MS ein erhebliches „Gesundheitsrisiko“ darstellt.

Unsere Patienten können sich darauf verlassen, dass Ärzte, Wissenschaftler, Gesundheitsbehörden und die pharmazeutische Industrie neue Medikamente sorgfältig begleiten und über mögliche Komplikationen wachen. Niemand hat heutzutage Interesse an Vertuschung – das zeigt der Fall von Daclizumab recht eindrücklich. Das System der Pharmakovigilanz funktioniert. Dies ist auch in die Bewertung eines Vorgangs wie der Rücknahme von Daclizumab einzubeziehen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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4 Kommentare zu “Zulassung von Daclizumab zurückgezogen

  1. Anbetracht der Informationslage wäre es schwierig, ihnen persönlich eine bewußte Täuschung der Leser vorzuwerfen.

    Die Fakten zu Daclizumab widerlegen jedoch komplett ihre Schlussfolgerung, dass „..Niemand heutzutage Interesse an Vertuschung habe und dass das System der Pharmakovigilanz funktioniert..“

    Zum Zeitpunkt ihres Artikels wurden während der ACTIMS 2017 von Prof. Cohen die Zwischenergebnisse der EXTEND Langzeitsicherheitsstudie (bis einschl. 09.2016) zu Daclizumab vorgestellt welche besagten dass – abgesehen von ein paar erhöhten Leberwerten – keine schwerwiegenden Nebenwirkungen unter den 1300 Teilnehmern beobachtet worden wären.

    Wie kann es also dann sein, dass der Hersteller nicht einmal 5 Monate später besagte Therapie quasi wortlos aufgrund von mehreren Todesfällen vom Markt nahm?
    Kam alles nur „plötzlich“?

    Tatsächlich wirden in dieser Zeit die Fälle der Encephalitis offen unter therapierenden Ärzten in Göttingen und Spanien besprochen ohne dass die Pharmakovigilanz Datenbank der Bfarm zeitgleich aktualisiert wurde.

    Monate später wurde die Pharmakovigilanz Datenbank zwar doch noch mit einem halben Duzend Encephalitis Fällen aktualisiert: aber nur alle Fälle gleichzeitig und zwar am 23.2.18. Also als die EMA Überprüfung nach Artikel 20 schon lange gestartet war…

    So funktionniert Pharmakovigilanz?

    Gibt es denn keine Kontrollinstanz bei der Bfarm, die in so einem Fall bei Biogen vorstellig wird um mal nachzufragen: „Wer wusste also was und wann..? Offensichtlich nicht. Man schreibt stattdessen einfach vom „vorbildlichen Verhalten“ nach der Überprüfung nach Art. 20…

    Bei einer solchen „Pharmakovigilanz“ ist der Blick nach Vorne besorgniserregend: Zinbryta galt als eine „moderate“ Therapie: Der Wirkstoff war bereits in den 90 Jahren unter der Bezeichnung Zenapax auf dem Markt mit einem äusserst nebenwirkungsfreien Sicherheitsprofil.

    Wo können besorgte Patienten noch objektive und verlässliche Statistiken zu Nebenwirkungen in einer Zeit erhalten, in der nunmehr gleich drei Chemotherapien – teilweise mit einer bedenklichen Historie – für MS zugelassen sind? Lemtrada hat bereit 2000 Einträge Europaweit. Und womöglich gab es bereits 2000 weitere Vorfälle von denen niemand was weiß..

    Oder war Biogen einfach nur das „schwarze Schaf“…

  2. Sehr geehrter Herr Professor Mäurer,

    im Gegensatz zu manchen Kommentatoren empfand ich Ihre bisherigen Beiträge zu neuen Medikamenten nie als „sorglose Empfehlung“. Ich gehöre allerdings zu den Menschen, die gerne hören wollen was es noch für Therapiemöglichkeiten gibt und gerade auf dieser Grundlage optimistischer in die Zukunft blicken können.
    Vielen Dank für Ihre Beiträge!

  3. Herr Mäurer,
    schön, daß sie zum Nachdenken kommen.
    Darüber, welchen unnötigen Risiken viele MS-Patienten ausgesetzt sind durch viel zu schnelle Zulassung neuer Medikamente. Und durch die voreilige Lobpreisung derselben.

  4. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer.

    Ich freue mich ehrlich, dass Sie Stellung zu der Geschichte um Zinbryta und ihrem Statement dazu genommen haben. Da in Ihrem Text deutlich hervorgeht, dass sie auf meinen Post reagieren, tue ich das hier auch. Wenn auch unter einem anderem Namen, denn mein ursprünglicher Nick scheint gesperrt zu sein. Was mich ehrlich gesagt doch etwas verblüfft…
    Den Vergleich mit Contergan hatte ich deshalb gezogen, weil ich denke, den geschädigten Patienten steht eine Entschädigung zu. Und sei es nur in der Form, dass Biogen ihnen Hilfsmittel finanzieren könnte, die sie brauchen und von den KK nicht finanziert bekommen.
    Ich würde mir von Herzen wünschen, dass auch die Patienten bei Ihnen freundliche Beachtung finden, die nicht das klassische Therapieregime fahren und denen es dennoch nicht schlechter geht. Davon gibt es eine Unmenge! Auch das lässt sich nicht wegdiskutieren. Genausowenig wie äußerst aussagekräftige Studien unabhängiger Institute, die viele Betroffene Jahrzehnte ohne BT auswerten und zu dem Schluss kommen, dass der Normalverlauf der MS auch hier jahrelang blande verlaufen kann.
    Ich bin sicher, dass der von MS Betroffene die Hauptstützpunkt seiner gesundheitlichen Stabilität nicht unbedingt in Medikamenten wiederfindet. Sondern in einer ausgewogenen Lebensführung. Diese zu erlangen und zu finden ist eine Meisterleistung und nicht leicht zu bewerkstelligen. Gerade diese gilt es meiner Erfahrung nach zu erlangen, ob mit oder ohne BT. Und Erfahrung habe auch ich ein bisschen in meiner ehrenamtlichen Arbeit mit einigen MS-Betroffenen.
    Ich glaube Ihnen sofort, dass Sie als Neurologe froh und dankbar sind, wenn gegen die MS wirksame Therapien etabliert werden. Wir Betroffenen sehnen uns das auch herbei! Wir wollen doch auch einfach nur gesund sein. Aber wir haben Anwendererfahrung. Und eben diese zeigt uns: seit Jahren ständig wieder hochgelobte neue Säue im Dorf, die eben mit marginalen Wirkungen aber eben doch deutlichen Nebenwirkungen daherkommen. Und Letztere sind teilweise schwerer erträglich als die Krankheit selbst. Solange die Ursache unseres Gebrechens unklar ist, wird eine echte Therapie wohl kaum gefunden werden können. Dieser Glückszufall wäre unglaublich hoch! Und wie die nezen Therapien besungen werden, wurden es die alten auch.
    Ich habe viele Betroffene kennengelernt, von denen sich mancher Neurologe mit offenem Herz und Ohr wunderbare Ratschläge zur Lebensbewältigung abholen könnte. Denn ich denke man kann schon sagen, dass der MS-Kranke sich damit abfinden muss, generell gebrechlicher zu sein, als der Gesunde. Hier stehen doch Fragen wie: wie kann ich damit leben und umgehen im Vordergrund. Denn heilen können sämtlichste Präparate leider auch nicht.
    Ich wiederhole mich: wir wollen gesund sein! Und ein jeder von uns würde sofort Präparate zu sich nehmen, die seinen Zustand verbessern oder heilen. Dass die Therapietreue so gering ist (auch dauu gibts genug Studien) kann doch nur daran liegen, dass das derzeit vorhandene Therapieregime dies eben nicht vermag.
    Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Statement zum Thema. Ich würde gern mal mit Ihnen diskutieren. Wir könnten sicher beide dabei etwas lernen.

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