Das Motto des diesjährigen Welt-MS-Tages am 30. Mai 2026 lautet „MS – jetzt erst recht!“ Man kann sicher anderer Meinung sein, aber ich finde dieses Motto sehr passend und zeitgemäß.
Als ich in den 90er Jahren meine Facharztausbildung begonnen habe, hat man sich um die Diagnose MS und um eine offene Kommunikation über die Diagnose MS oft herumgedrückt. Den jungen Patienten, die mit einem typischen demyelinisierenden Ereignis zur Diagnostik in die Klinik kamen, hat man eher verklausuliert mitgeteilt, worum es geht. Von ärztlicher Seite war es zwar meist klar, dass die Diagnose einer MS im Raum steht, ich bezweifele aber, dass die Mehrzahl der Patienten das verstanden hat bzw. es verstehen sollte. Aber die Einstellung war damals so, dass man den Verlauf sowieso nicht aufhalten kann und es daher doch ganz gut ist, wenn über die Diagnose MS noch nicht zu früh aufgeklärt wird.
So geraten Patienten in eine Opferrolle – dem Schicksal ausgeliefert. Selbstbestimmtes Handeln ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist verständlich, dass viele Patienten in dieser Zeit in Passivität und Fatalismus versunken sind.
Diagnose MS: auch für den Arzt nicht leicht
Ich bin froh, dass sich in den letzten Jahren viel geändert hat. Ja, es ist manchmal nicht einfach, einem oftmals jungen Menschen mit all seinen Träumen und Vorstellungen vom Leben, die Diagnose einer MS zu übermitteln. Auf der anderen Seite besteht die absolute Verpflichtung, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. Die moderne MS-Therapie ist zwar nicht in der Lage, die Erkrankung zu heilen, aber sie ist trotzdem so gut, dass für die überwiegende Mehrzahl der Patienten ein normales Leben möglich ist, wenn sie sich auf die Angebote der modernen Neurologie einlassen.
Durch eine klare und redliche Aufklärung über die Erkrankung und ihre Folgen, zusammen mit einem breit gestreuten Angebot unterschiedlicher MS-Therapien bekommen Patienten heutzutage ihre Selbstbestimmtheit und Handlungsfähigkeit zurück und müssen sich nicht mit einer Opferrolle abfinden – „MS – jetzt erst recht“ bringt das ganz gut auf den Punkt.
Das Potenzial von Menschen mit MS
Man könnte es noch weiter fassen: Wenn wir über MS sprechen, sehen wir häufig das Defizit, das mit der Erkrankung verbunden ist. Der Mensch mit seinem Potenzial, seinen Fähigkeiten verschwindet hinter der Diagnose. Das ist ein Problem, denn Potenzial und Fähigkeiten zu betonen, kann helfen, mit der Erkrankung körperlich und mental besser zurechtzukommen. Das wäre wahrscheinlich auch in der Vergangenheit ein sinnvoller Ansatz gewesen – denn es ist sinnvoll, der Erkrankung mit einem gesunden Lebensstil, Bewegung und mentaler Stärke entgegenzutreten. Auch das beinhaltet „MS – jetzt erst recht“. Nicht das in den Vordergrundstellen von Defiziten, sondern die Betonung des Potenzials, das jeder MS-Patient, auch wenn er schon länger erkrankt ist, besitzt.
Wir müssen von medizinischer Seite neben einer qualifizierten Immuntherapie und symptomatischen Therapie auch Angebote machen, die die Selbstwirksamkeit unserer Patienten stärken. Es ist absolut sinnvoll, jeden Patienten immer wieder über den Wert einer aktiven und gesunden Lebensführung aufzuklären und zu motivieren, sich nicht zurückzuziehen, sondern sich aktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen – daher ist „MS – jetzt erst recht“ ein gut gewähltes Motto.
Übrigens: Am Mittwoch, 27. Mai 2026 ist AMSEL zwischen 11 und 16 Uhr auf der Königstraße in Stuttgart. Mit Glücksrad und Musik. – Einfach mal vorbei“schneien“.








Es ist wirklich absolut wichtig, dass von Anfang an mit offenen Karten gespielt wird und die Patienten alle Fragen beantwortet bekommen. Nur wenn man über diese Krankheit gut informiert ist, kann man damit umgehen und mit dieser Diagnose leben. Besonders junge Menschen müssen ernst genommen werden. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe schon viele Jahre MS und mein Sohn, 37 Jahre alt, hat auch MS. Danke für Ihre wertvollen Informationen .
Dem Kommentar von Frau Beutel kann ich nur zustimmen. Ich freue mich immer auf den nächsten MS Doc Blog
Vielen Dank, Herr Professor Mäurer
Renate Göpfert,
Hallo Herr Dr.Mäurer vielen Dank für die offenen Worte von Ihnen. Ich würde sehr nach Stuttgart kommen nur habe ich das Problem, daß ich nicht länger wie eine Stunde mehr Auto fahren kann. Und hinterher eine sehr lange Pause brauche. Darum ist mein Radius auch sehr begrenzt. Aber ich freue, das ich ein offenes Ohr gefunden habe und das ich noch einiges bewegen kann. Aber im kleinen Rahmen. Mein M S schläft zurzeit. Und ich befürchte das ich Osteoporose bekommen habe, da ich einen doppelten beidseitigen Becken Bruch hatte und ich wieder von vorne anfangen musste. Gibt es sowas wie MS und Osteoporose? Ich bedanke mich für die lieben Worte und wünsche Ihnen eine schöne Pfingstwochenende. Mit freundlichen Grüßen Dagmar Beutel