Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Verlängerung der Infusionsintervalle von Tysabri – eine sinnvolle Maßnahme bei MS?

Tysabri (Wirkstoff Natalizumab) wird bei (hoch-) aktiver Multipler Sklerose im Abstand von 4 Wochen gegeben. In letzter Zeit hört man immer wieder, dass die Verlängerung des Infusionsintervalls – häufig taucht hier die Zahl von 8 Wochen auf – das PML-Risiko vermindert. Was hat es mit dieser Aussage auf sich?Zuerst einmal muss man festhalten, dass diese Aussage so sicherlich zu pauschal ist. Auf der anderen Seite steckt hinter dieser Thematik eine sehr interessante wissenschaftliche Diskussion. In der Tat ist es so, dass mit zunehmender Therapiedauer die Plasmaspiegel von Tysabri kontinuierlich ansteigen. Um eine ausreichende Sättigung der Zielstruktur von Tysabri (Tysabri bindet an das Molekül VLA-4 auf der Oberfläche von T-Lymphozyten und verhindert dadurch die Einwanderung dieser Zellen in das zentrale Nervensystem) zu erzielen, benötigt man Plasmaspiegel von 1 µg/ml, die auch 8 Wochen nach einer Tysabri-Infusion in dieser Höhe noch nachweisbar sind.
Eine amerikanische multizentrische Studie hat daher die Daten von Tysabri-Patienten verglichen, die das Medikament entweder in seiner Standarddosierung (alle 4 Wochen) oder mit verlängerten Infusionintervallen (mehr als 4 Wochen und weniger als 8 Wochen) erhalten haben. Die Ergebnisse der Studien wurden kürzlich einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Es zeigte sich demnach kein Wirkungsunterschied zwischen den beiden Gruppen im Hinblick auf Schubratenreduktion und Unterdrückung der MR-Aktivität. Interessanterweise war aber das Auftreten einer PML in der Gruppe mit den verlängerten Infusionsintervallen geringer als erwartet, obwohl sich in der Gruppe mit den verlängerten Infusionsintervallen ein höherer Anteil von JCV-positiven Patienten und Patienten mit einer immunsuppressiven Vorbehandlung befanden, und die Gruppe auch im Durchschnitt eine längere Therapiedauer aufwies. Diese Gruppe hatte also letztlich mehr Risikofaktoren für das Auftreten einer PML als die Gruppe, die nach Standardprotokoll infundiert wurde und hat trotzdem eine niedrigere PML-Inzidenz gezeigt als erwartet. Das ist ohne Zweifel eine interessante Beobachtung.
Heißt das jetzt, dass Tysabri grundsätzlich in längeren Abständen verabreicht werden sollte? Eher nein, denn man muss sich vor Augen halten, dass die Ergebnisse nur auf einer kleinen Stichprobe beruhen, selbst wenn jede Studiengruppe fast 1.000 Patienten umfasste. Es ist noch zu früh, eine endgültige Empfehlung auszusprechen – man sollte, wie das die Autoren der Studie auch empfehlen, abwarten und die Daten weiterhin sammeln und auswerten. Bleiben die jetzt berichteten vorläufigen Ergebnisse stabil, dann müsste man in der Tat eine grundsätzliche Änderung der Dosierungsintervalle vornehmen. Bis dahin ist es aber ratsam, noch keine grundsätzlichen Änderungen zu propagieren, denn die Studiendaten zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Substanz basieren auf dem 4-wöchentlichen Infusionsintervall.
Die Studie zeigt aber, dass es in jedem Fall möglich ist, ohne Wirkungsverlust das Intervall im Einzelfall auf 8 Wochen zu strecken, z.B. wenn aufgrund von Terminschwierigkeiten (Urlaub, Aufenthalt in einem REHA-Zentrum etc.) eine 4-wöchentliche Gabe nicht möglich ist. Natürlich kann man es vor dem Hintergrund der berichteten Ergebnisse auch verstehen, dass manche Kollegen insbesondere bei Risikopatienten (JCV positiv, hoher JCV-Index, lange Therapiedauer) ein verlängertes Dosierungsintervall vornehmen. Dies sollte aber zum jetzigen Zeitpunkt eine individuelle Entscheidung sein. Eine grundsätzliche Propagierung eines verlängerten Intervalls ist aus meiner Sicht aufgrund der oben genannten Überlegungen noch nicht angezeigt.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

7 Kommentare zu “Verlängerung der Infusionsintervalle von Tysabri – eine sinnvolle Maßnahme bei MS?

  1. bekomme tysabri seit märz 2017, mittlerweile habe ich herausgefunden, dass der rythmus von 5 wochen bei mir optimal ist

  2. Kriege die Infusion nun auch das erste mal im Abstand von 8 Wochen , da ich JVC positiv bin …vorher seid zwei Jahren alle vier Wochen …jedoch habe ich seid drei Wochen ziemlich heftige Spastik schmerzen kann es an der Infusion liegen ??

  3. Ich bekomme Tysabri schon seit 2010, JC positiv, Schübe alle 14-28 Monate, seit 2 Jahren alle 8 Wochen. Ich hoffe es wird auch weiter so laufen!

    Gruß

    1. Hallo Igor,
      Sie bekommen Tysabri alle 8 Wochen und das wird von der Krankenkasse so akzeptiert? Wenn ja, bei welche Krankenkasse sind Sie versichert? Meine KK lehnt eine Kostenübernahme ab. Begründung: Es gibt keine Zulassung für eine Infusion alle 8 Wochen und meine Situation sei nicht lebensbedrohlich.
      Ich nehme Tysabri seit 8,5 Jahren, habe einen nachweislich doppelt so hohen Titer-Wert wie der maximale Wert sein dürfte und bin daher höchst gefährdet, was eine PML angeht. Und das soll nicht lebensbedrohlich sein…einfach unfassbar.

  4. Mein Neurologe hat mir auch die 6 Wochen empfohlen.
    Ich spüre oder bilde es mir ein daß mir ab der 5 Woche das mir irgend etwas fehlt !

  5. Ein guter Entschluss, denn somit kann der Patient weiterhin Tysabri infundieren und das PML-Risiko ist gesenkt. Schade, dass dies noch vor vier Jahren anders gesehen wurde…

Kommentar schreiben

*