Ursache der Multiplen Sklerose – neue Studie zur Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV)

Zunächst einmal möchte ich allen Lesern des DocBlog ein glückliches und gesundes neues Jahr 2022 wünschen!

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt und schon wieder bewegt ein Virus die MS Community: Es ist aber – man mag es kaum glauben – nicht das Coronavirus, sondern ein alter Bekannter, nämlich das Epstein-Barr-Virus (EBV), ein DNA Virus aus der Gruppe der Herpesviren, das ubiquitär vor allem durch Tröpfchen-Infektion übertragen wird.

Dieses Virus, das im Kindesalter meist zu symptomlosen Infektionen, bei Jugendlichen aber zu der häufig sehr unangenehmen und schweren infektiösen Mononukleose (Pfeiffer´sches Drüsenfieber, „Kissing Disease“) führt, ist schon seit vielen Jahren als Risikofaktor der Multiplen Sklerose bekannt. Insbesondere bei manifester infektiöser Mononukleose ist das Risiko einer MS bis zu 20 mal höher.

Im renommierten Wissenschaftsjournal Science ist Anfang 2022 eine Arbeit US-amerikanischer Forscher erschienen, für die insgesamt 10 Millionen amerikanische Militärangehörige in einer Längsschnitt-Studie untersucht wurden. Die Autoren konnten zeigen, dass das Risiko für eine MS nach einer EBV-Infektion ca. 32 x höher lag – ein solcher Zusammenhang konnte für keine andere virale Infektion gefunden werden. Aus diesen Daten leiten die Autoren ab, dass das Epstein-Barr-Virus die Hauptursache der Multiplen Skerose darstellt (Bjornevik K et al. Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. Science. 2022 Jan 21. doi: 10.1126/science.abj8222).

EB-Virus: eine oder die Ursache für MS?

Für die Bekämpfung von Erkrankungen ist die Identifikation einer Ursache von herausragende Bedeutung – auch deswegen hat diese Arbeit auch in der allgemeinen Presse eine Menge Aufmerksamkeit erregt. Ich teile aber aus mehreren Gründen, die ich gleich darstellen möchte, diesen Enthusiasmus nicht – und bin mir nicht sicher, ob man mit dem Epstein-Barr-Virus wirklich die Ursache der Multiplen Sklerose identifiziert hat.

Man muss sich vor Augen halten, dass weltweit mehr als 90% der Menschen (manche Literaturstellen sprechen sogar von 98% der Menschen) mit EBV infiziert sind. Wenn EBV eine solch überragende Ursache für die MS darstellt, ist die Frage warum nur so wenige Menschen (im Verhältnis) tatsächlich an MS erkranken. Das deutet darauf hin, dass noch andere Faktoren als die EBV-Infektion für die Entwicklung einer MS hinzukommen müssen. Daher belegt die Studie zwar eindrucksvoll, dass EBV für die Entstehung der MS eine Rolle spielt –  die viel wesentlichere Frage aber, die die Studie nicht beantworten kann, und die für die Menschen, die aktuell an MS erkrankt sind, viel wichtiger ist, nämlich, welche Mechanismen für die Entstehung einer MS durch EBV eine Rolle spielen, kann die Studie aber nicht beantworten.

Impfung gegen Epstein-Barr aus mehreren Gründen wünschenswert

Trotzdem stellt sich angesichts der Daten die Frage, was passieren würde, wenn man die Infektion mit EBV durch eine Impfung verhindern könnte. Das ist wirklich eine extrem spannende Frage. Das Problem besteht aber darin, dass bis zum heutigen Tag kein Impfstoff gegen EBV existiert, der verlässlich eine Infektion verhindert (also eine sterile Immunität gewährleistet, die man ja zur Bekämpfung der MS bräuchte). Weiterhin benötigt man einen sehr langen Atem: Wenn man eine Impfung hätte, müsste man beginnen, Kinder zu immunisieren, man müsste dann aber mindestens 20 Jahre warten, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, ob die Häufigkeit der Erkrankung abnimmt.

Es ist aber in jedem Fall sinnvoll über eine Impfung gegen EBV nachzudenken. Auch wenn die meisten Infektionen früh im Leben stattfinden und harmlos verlaufen, so wäre die Verhinderung der infektiösen Mononukleose bei Jugendlichen ein primäres Ziel der Impfung. Zum anderen weiß man, dass EBV auch an der Entstehung bestimmter Tumoren, unter anderem Krebserkrankungen des blutbildenden Systems, beteiligt ist. Auch zur Prophylaxe dieser Erkrankungen wäre eine Impfung von Wert. Es gäbe somit neben der theoretischen Verhinderung der MS, andere klare Ziele, die eine Impfstoffentwicklung gegen EBV rechtfertigen. Allerdings dürfte eine solche Entwicklung, anders als bei Corona, wo ein weltweites vitales Interesse an der Impfstoffentwicklung bestanden hat, noch einige Jahre dauern. Die Entwicklung von mRNA Impfstoffen in der Coronapandemie läßt aber hoffen, dass die auch eine Schlüsseltechnologie zur Entwicklung von EBV-Impfstoffen darstellen könnte.

In jedem Fall hat die aktuelle Arbeit ein klares Licht auf die Rolle der EBV-Infektion bei der Krankheitsentstehung der Multiplen Sklerose geworfen, und man darf gespannt sein welche Entwicklungen hieraus in der nächsten Zeit resultieren. Es ist wissenschaftlich ein extrem spannendes Thema – ich bezweifelt allerdings, ob die Erkenntnis Bedeutung für Menschen besitzt, die derzeit von MS betroffen sind.

5 Kommentare

  1. Habe nie das Pfeifische Drüsenfieber gehabt und trotzdem habe ich MS bekommen. Erst wurde alles auf die Physiche geschoben und jetzt ist es soweit das ich fast nicht mehr gehen und schreiben kann. Bin erst mit Tysabrie und jetzt auf oktrebus umgestellt worden und ich merke nichts, dass sich was ändert. Im Gegenteil ich merke jede Woche das es schlechter wird

  2. „…– ich bezweifele allerdings, ob die Erkenntnis Bedeutung für Menschen besitzt, die derzeit von MS betroffen sind.“

    Eine recht gute Zusammenfassung der Studienergebnisse wird durch ihren Schlußkommentar verwässert weil sie es versäumen, hier den Kontext zu bestehenden Ansätzen zu vermitteln.

    Was ist damit gemeint?

    Wie mittlerweile festgestellt wurde nutzt das EBV beim Menschen die B-Zellen als „Wirt“ und programmiert sie um, um so unter dem Immunradar zu bleiben. Später können infizierte B-Zellen u.a. Immunglobuline, Zytokine produzieren und sich auch hin zu Antigen-präsentierenden Zellen entwickeln. Nicht umsonst werden auch andere Autoimmunkrankheiten ja mit diesem Virus in Verbindung gebracht.

    MS-spezifische EBV-infizierte B-Zellen wären somit offensichtlich auch ein klares therapeutisches Ziel. Damit kann man einerseits sicherlich einen Grund für den relevanten Erfolg von auf B-Zellen ausgerichteten Therapien der vergangenen Jahre nennen. Andererseits werden schon heute klinische Verfahren eingesetzt um CD8 T-Zellen zu erneuern damit sie wieder besser auf EBV ausgerichtet sind. Die „verjüngten“ T-Zellen wandern dann tatsächlich ins ZNS, um das EBV Virus zu beseitigen. Solche Therapien laufen bereits seit Jahren und hatten bis dato offensichtlich auch Erfolg.

    Eine solche Studie wäre also eigentlich eine gute Gelegenheit, mal zu zeigen, daß viele derzeitige Forschungsansätze gut begründet sind in der allgemeinen MS Forschung der Pathogenese der MS, insbesondere der im Hinblick auf virale Ursachen.

  3. Ein großer Hoffnungsschimmer von Eltern mit MS, deren genetische prädisposition ja immer die Sorge mitbringt, dass die Kinder später auch an MS erkranken könnten.

    Außerdem dürften sich nun natürlich noch mehr Forschung darauf konzentrieren, zu untersuchen, inwiefern EBV mit MS zusammenhängt. Das kann dann natürlich auch zu Medikamenten führen, die bereits Erkrankten zu gute kommt. Selbst wenn das noch 10 Jahre dauert.

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