Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Uhthoff-Phänomen – was ist das?

Eigentlich ist das Phänomen fast jedem MS Betroffenen bekannt sein – denn es ist sehr häufig anzutreffen. Erstaunlicherweise stelle ich aber auch immer wieder fest, dass das Wissen hierzu nicht flächendeckend vorhanden ist. Wilhelm Uhthoff (1853–1927) ist ein deutscher Augenarzt, der 1890 erstmals beschrieben hat, dass eine Temperaturerhöhung bei einem entzündlich vorgeschädigten Sehnerven zu einer Verminderung der Sehschärfe führt. Die Ursache für diese Beobachtung liegt darin, dass biologische Prozesse bei höheren Temperaturen schneller ablaufen und daher die Neigung zu „Kurzschlüssen“ (in der Neurologie sprechen wir von Leitungsblockierung) und damit das Auftreten von Funktionsstörungen vorgeschädigter Nerven im Vergleich zu normalen Temperaturverhältnissen zunimmt. Als Uhthoff-Phänomen bezeichnet man daher bei MS-Erkrankten eine mögliche vorübergehende Verschlechterung neurologischer Symptome bei Erhöhung der Körpertemperatur.

Diese Erhöhung der Körpertemperatur kann von außen oder von innen erfolgen. Beispiele für eine von außen herbeigeführte Erhöhung der Körpertemperatur sind z.B. heiße Sommertage, direkte Sonneneinstrahlung, Wellnessanwendungen mit heißen Bädern oder Saunagänge; Beispiele für eine aus inneren Ursachen herbeigeführte Erhöhung der Körpertemperatur sind Sport oder Fieber im Rahmen eines Infektes. Wichtig zu wissen ist, dass es sich bei dem Uhthoff-Phänomen um eine vorübergehende Symptomatik handelt, die nicht gefährlich ist und auch keine Verschlechterung der Erkrankung anzeigt.

Nicht selten ist es so, dass MS-Erkrankte ganz unvermutet mit diesem Phänomen konfrontiert werden. Beispiel: Eine junge, ansonsten gesunde Frau hat eine Sehnervenentzündung erlitten. Diese ist komplett ausgeheilt. Nun beobachtet sie nach einem Aufenthalt im Fitnessstudio, dass unmittelbar nach dem Training ihre Sehschärfe abnimmt und dieser Zustand für mehr als eine Stunde anhält. Mehr als besorgt über eine evtl. erneute Sehnervenentzündung sucht sie Rat bei Freunden, Angehörigen, evtl. sogar beim Hausarzt. Einhellig gibt man ihr den Tipp, sich zu schonen. Sie beobachtet, dass bei Schonung das Phänomen nicht mehr auftritt und erlernt damit ein Vermeidungsverhalten, was extrem kontraproduktiv ist.

Daher kläre ich meine Patienten regelhaft über dieses Phänomen auf und betone nachdrücklich, dass es komplett ungefährlich ist. In der Regel führt intensives körperliches Training sogar eher im Verlauf zu einer Reduktion des Uhthoff-Phänomens, weil bei besserem Trainingszustand die Körpertemperatur wenig ansteigt. Weil das Uhthoff-Phänomen nicht gefährlich ist, habe ich auch nichts gegen Saunagänge von MS-Erkrankten. In der Regel wird man sehr schnell merken, ob man die Sauna mag oder nicht. Wenn man danach stocksteif ist, wird man Saunagänge wohl nicht zu seiner Lieblingsbeschäftigung machen. Wenn nichts passiert, ist der Benutzung der Sauna keine Grenze gesetzt. Es ist aber nicht zu leugnen, dass es eine ganze Menge MS-Erkrankte gibt, die sehr unter dieser temperaturbedingten Verschlechterung leiden und bei Sport oder in den Sommermonaten ziemliche Unannehmlichkeiten haben. In solchen Fällen sind Kühlstrategien sehr sinnvoll. Mittlerweile gibt es dafür eine Vielzahl von Anbietern von Kühlwesten, -Shirts und -bändern. Ihre Anschaffung kann eine sehr sinnvolle Investition sein.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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9 Kommentare zu “Uhthoff-Phänomen – was ist das?

  1. Uhthoff-Phänomen

    Als Uhthoff-Phänomen im ursprünglichen Sinne wird eine nach körperlicher Anstrengung auftretende vorübergehende Verschlechterung der Sehschärfe bei der Multiplen Sklerose (MS) bezeichnet. Das Phänomen wurde von dem Augenarzt Wilhelm Uhthoff (1853–1927) erstmals beschrieben.[1] Zugrunde liegt eine reversible Blockierung der Leitfähigkeit des vorgeschädigten Sehnervs als Folge einer Erhöhung der Körpertemperatur.[2]

    Als Uhthoff-Phänomen im weiteren Sinne wird auch die vorübergehende Verschlechterung neurologischer MS-Symptome bei einer Erhöhung der Körpertemperatur (z. B. bei Fieber, heißen Bädern oder in der Sauna) bezeichnet. Betroffen sind mehr als 80 % der an MS Erkrankten.[3] Als Ursache wird auch hier eine temperaturbedingte Verschlechterung der Leitfähigkeit demyelinisierter Axone angenommen. Das Uhthoff-Phänomen kann auch bei anderen demyelinisierenden Erkrankungen auftreten.

    Tatsächlich fand ein sogenannter Heißbad-Test im 20. Jahrhundert breite diagnostische Verwendung.[4] Da in Einzelfällen jedoch die durch die Körpertemperaturerhöhung ausgelöste Verschlechterung der Symptome nicht reversibel war,[5] ist dieser Test heute obsolet.

    Weil es von einem Erkrankungsschub abgegrenzt werden muss, bleibt das Uhthoff-Phänomen auch heute klinisch bedeutsam. Eine Verschlechterung des Zustandes von MS-Patienten aufgrund von Hitze oder Anstrengung wird auch als Pseudoschub bezeichnet.
    Therapie

    Die Prophylaxe besteht in der Vermeidung erheblicher körperlicher Anstrengungen sowie in der Vermeidung von Umständen, die die Körpertemperatur erhöhen (z. B. Sauna, heiße Bäder, hohe Außentemperaturen usw.). Die symptomatischen Beschwerden können auch durch das Tragen von Kühlbekleidung wie Kühlwesten, Kühlhauben oder Kühlstrümpfen begrenzt werden. Auch bereits persistente Einschränkungen können durch Kühlung günstig beeinflusst werden.

    FÜR MICH ALSO NUR EINE WEITERE VARIANTE DER MS.
    Trotzdem Saunagänge fehlen mir und ich werds ausprobieren. Wie meine Medikamente eben auch.

  2. Hallo,

    ich bin auch von diesem Phänomen sehr stark betroffen. Laut MRT habe ich nur links eine SNE, habe das Phänomen aber auf beiden Augen. Bei mir reicht es, wenn ich eine Treppe steige, dass die Sehkraft abnimmt. Das ist unabängig von den Außentemperaturen. Wenn ich Sport treibe, ist es noch extremer. Ich kann seitdem nicht mehr Fußball oder Tischtennis spielen. Fahrrad fahre ich nur in der Natur, wo ich keine anderen Leute oder den Straßenverkehr gefärden kann, denn wenn ich ehrlich bin, dürfte ich nicht mal mehr Fahrrad fahren.
    An welchem Körperstellen würde eine Kühlung Sinn machen? Gibt es Leute, denen es ähnlich geht?

  3. Nachtrag:
    Ich bin vom Uhthoff-Phänomen nicht betroffen – eher im Gegenteil. Ich fühle mich wirklich erst ab 25 Grad Aussentemperatur richtig wohl und bin aktiv 😉
    Der Winter macht mir nicht nur wegen der Dunkelheit zu schaffen und den Herbst mag ich aufgrund der fallenden Temperaturen eigentlich auch nicht wirklich. Der Frühling ist mir sympahtisch, weil sich der Sommer ankündigt :-)
    Urläube in südlichen bzw. wärmeren Gefilden sind für mich das Nonplusultra … besser gehts nicht.

  4. Hallo rosmary,
    das mit der Friererei hatte ich auch und genau wie wie Du es beschrieben hast – aber nicht nur beim Einschlafen sondern auch sonst – ein echter Frösteköttel 😉
    Inzwischen hat sich das wesentlich gebessert – zugempfindlich bin ich immer noch und friere leicht – aber nicht von ganz von allein, da muss es doch auch schon kühl sein.
    Gebessert hat es sich – und deswegen habe ich nie den Zusammenhang mit meiner MS hergestellt – nach meiner Hysterektomie vor 2 Jahren. Ich kann tatsächlich ohne Heizdecke, Socken etc. wieder einschlafen.
    War es der Blutverlust beim allmonatlichen Spektakel? Die Menstruation und alles was dazu gehört (PMS, Schmerzen etc.) wurde im Laufe der Jahre immer schlimmer, ich war wirklich jeden Monat krank – daher hab ich mich zu dem Eingriff entschlossen. Hormonell ist die Hysterektomie ev. nicht so sehr relevant, da ja alles andere noch vorhanden ist und funktioniert – aber mit der MS hab ich es nicht verbinden können, sehr wohl aber eine Menge Lebensqualität hinzugewonnen.
    Was ich schlimm finde (aber auch nicht weiss wo es einzuordnen ist, da es schon so ist seitdem ich 19 oder 20 war) ist, dass ich kein Fieber habe. Habe ich mal 37,5 oder 38, dann ist das für mich extrem hohes Fieber und dann bin ich schon sehr sehr krank (was zum Glück noch nicht wieder oder oft vorgekommen ist). Ich hatte zu dem Zeitpunkt einmal für einen Abend über 40 Fieber und seitdem eben keines mehr. Ich weiss noch, dass ich an dem Abend in der Sauna war und darin richtig gefroren habe 😉
    War das vielleicht der allerallererste Schub? Aber kann das sein, kann sich das wirklich nur einen Abend äussern, war das vielleicht sowas wie die Spitze des Schubes?
    Ich bin jetzt 51 und habe vor 5 Jahren (!) die Diagnose MS erhalten, weil ich wegen eines Bandscheibenvorfalls im MRT war und das Rückenmark eine Läsion zeigte – bis dahin war alles komplett unauffällig und wer mich sieht, glaubt auch nicht, dass ich MS habe. Mein MRT zeigt etwas anderes, aber ich bin fit.
    Ob es Zusammenhänge gibt, kann ich nicht beurteilen, aber dass mir damals auch sowas wie meine Temperaturregelung und/oder das -empfinden „durchgebrannt“ sein kann, die Idee hatte ich auch schon …
    Ich kenne Deine weiteren Umstände nicht, hab nur mal dargelegt, wie es mir erging mit der Friererei … (und die ist wirklich nicht schön – ich kenne das!)
    Viele liebe Grüße
    Steffi

  5. @alle,
    o.k., sonst ist hier also niemand, dem´s auch so geht …

    und Antworten sind nicht vorgesehen…
    schade – na gut…

  6. Guten Tag,
    das uhthoff-Phänomen ist bei mir deutlich ausgeprägt. Jedes Jahr bin ich wieder erleichtert, dass Temperaturen, die im April oder Mai meine Gehstrecke runter auf 300 m bringen, im September kein Problem sind – eine gewisse Anpassung ist bei mir also noch vorhanden (obwohl ich direkte Sonne meide, sobald es 22 Grad oder mehr sind…)
    Aber eine Frage habe ich: nach meinem Eindruck ist bei mir zusätzlich die körpereigene Temperaturregulation gestört – ich kann seit mehreren Jahren nur noch mir 2 Wärmflaschen einschlafen, weil es mir nicht gelingt, die Bettdecke (egal welche Sorte) so anzuwärmen, dass es zum Einschlafen ausreicht. Und das hörte ich auch von anderen Menschen mit MS, dass ie nur mit Wärmflasche oder Heizdecke zu Bett gehen. Ist das den Ärzten bekannt ? Warum hört und liest man dazu nichts ? kommt es nicht von der MS ? Ich versuche, auch durch Motomed-Benutzung u.a. aktiv für Kreislauf und Durchblutung etwas zu tun, trage Socken und unter´m Schlafanzug Unterwäsche, bin auch kein besonders schlanker Mensch, trotzdem: nur in einzelnen super-schwülen Nächten kann ich auf eine zusatz-Wärmequelle verzichten.
    Ich denke dann oft: na, dann ist da eben eine MS-Läsion in meinem körpereigenen Thermostat – da kann man eben nix gegen machen.
    Was meinen Sie- kommt das von MS ? Kann man nix tun ?

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