Therapien gegen COVID19 – Bedeutung bei Personen mit MS?!

Im Moment wird zwar in erster Linie über die COVID-Impfung und die allgemeine Impfpflicht diskutiert, aber auch bei der Entwicklung von Medikamenten gegen COVID19, bzw. besser gesagt gegen einen schweren Verlauf von COVID19 hat sich in den letzten Wochen einiges getan.

Worum geht es da überhaupt? Sie erinnern sich bestimmt noch an Ex-US-Präsident Trump. Der war im Herbst 2020 – wie man jetzt auch weiß – ziemlich ernsthaft an COVID19 erkrankt und hat von seinen Ärzten ein noch in der Erprobung befindliches Medikament bekommen, das wahrscheinlich dazu beigetragen hat, dass er nicht auf einer Intensivstation behandelt werden musste (und relativ bald wieder pöbeln konnte). Bei diesem experimentellen Medikament handelte es sich um sog. monoklonale Antikörper, die gegen das Spike Protein von SARS-CoV2 gerichtet sind und dadurch in der Lage sind, das Virus zu neutralisieren, bevor eine schwere Erkrankung auftritt. Entscheidend ist allerdings, dass diese Medikamente innerhalb der ersten Woche nach Symptombeginn verabreicht werden – in späteren Phasen der Erkrankung haben sie keine Wirkung mehr.

In Europa sind 2021 drei unterschiedliche Antikörperpräparate zugelassen worden und das Präparat Ronapreve® (Casirivimab/Imdevimab) ist auch in Deutschland flächendeckend verfügbar gemacht worden – mittlerweile ist die Euphorie aber etwas gedämpft, weil zwei der drei zugelassenen Präparate (u.a. Ronapreve®) nicht gegen die Omikron-Variante wirken. Lediglich der zuletzt zugelassene Antikörper Sotrovimab (Xevudy®) scheint auch Omikron zu neutralisieren, ist aber erst Ende Januar in Deutschland verfügbar. Zudem müssen diese Antikörperpräparate aufgrund von möglichen allergischen Reaktionen in spezialisierten Einrichtungen als Infusion oder Injektion gegeben werden – sie sind also eher ungünstig für die Hausarztpraxis (aber da geht man nun mal in der Frühphase der Erkrankung hin, in der diese Medikamente angewendet werden sollten).

Antivirale Wirkstoffe gegen COVID19 innerhalb von 5 Tagen

Von daher sind die Entwicklungen bei den sog. antiviralen Substanzen von Interesse. Unter antiviralen Substanzen versteht man Wirkstoffe, die das Virus an seiner Vermehrung hindern, weil sie wichtige Virusproteine (Polymerasen, Proteinasen) hemmen. Es handelt sich um den Polymerasehemmer Molnupiravir und den Proteaseinhibitor Paxlovid®. Beide Substanzen zeigten beim Einsatz ≤5 Tagen nach Symptombeginn bei erwachsenen Patienten mit Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf eine statistisch signifikante Reduktion von Krankenhausaufnahmen oder Tod (um 30% bei Molnupiravir bzw. 86 % bei Paxlovid®). Nach Vorgaben des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) kann Molnupiravir bei ambulanten Patienten ohne zusätzlichen Sauerstoffbedarf und Risiko für einen schweren Verlauf eingesetzt werden. Aufpassen muss man bei Frauen im gebärfähigen Alter – eine Schwangerschaft mit Molnupiravir ist absolut kontraindiziert und auch Männer sollten nach Einnahme für mindestens drei Monate kein Kind zeugen.

Die Studiendaten von Paxlovid® sind zwar bei den Behörden eingereicht, aber auch hier existiert noch keine offizielle Zulassung – der Bundesgesundheitsminister will sich aber, wie die Nachrichten verlauten, für eine Notfallzulassung einsetzen. Aber auch dieses Medikament ist wegen vielfältiger Nebenwirkungen nicht unproblematisch.

Einsatz bei Multipler Sklerose: individuelle Entscheidung

Trotzdem, die aktuellen Entwicklungen stellen einen Lichtblick für Menschen mit einem Risiko für schwere COVID19 Verläufe dar. Das bringt mich zur speziellen Situation bei MS: Die MS per se stellt kein Risiko für schwere COVID19 Verläufe dar. Aber es gibt natürlich auch ältere Menschen mit MS, die aufgrund ihres Alters, einer schweren Behinderung oder zusätzlichen Erkrankungen (Herz-Kreislauf, Diabetes, etc.) ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID19 Verlauf haben. Ja, und dann ist da noch die Gruppe der Patienten, die Immuntherapien mit Substanzen haben, die die Impfantwort beeinträchtigen können (S1P-Modulatoren und B-Zell-Depletion) und sich große Sorgen machen. Auch hier besteht, die berechtigte Frage, ob ein frühzeitiger Einsatz der obengenannten Medikamente empfehlenswert ist.

Letztlich ist es zwar immer eine individuelle Entscheidung, aber die deutschen MS Experten haben sich genau über diese Fragen in der letzten Woche Gedanken gemacht und eine Empfehlung für den Einsatz von COVID19 Therapien bei MS abgegeben (https://www.dmsg.de/news/detailansicht/stellungnahme-zur-therapie-der-fruehen-sars-cov2-infektion-bei-personen-mit-ms-pwms). Kurz zusammengefasst kann eine frühe Therapiemaßnahme bei COVID19 Infektion erwogen werden, wenn Patienten mit Substanzen behandelt sind, die die Impfantwort einschränken (die S1P1-Modulatoren Fingolimod, Siponimod, Ozanimod und Ponesimod und die B-Zell-depletierenden Therapien Ocrelizumab, Ofatumumab, Rituximab) oder ein anderer Grund für eine fehlende Impfantwort vorliegt und zusätzlich Risikofaktoren für einen schweren Verlauf wie Lebensalter > 50 Jahre, schwere Behinderung, Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems vorliegen. Es sollte aber sichergestellt sein, dass die gewählte Therapie auch eine Wirkung gegen die derzeit vorherrschende Omikron-Variante hat.

Und eines muss klar sein: Der effektivste Schutz gegen COVID19 ist die vollständige (3-fache) Impfung gegen SARS-CoV2 – die Verfügbarkeit von Medikamenten gegen SARS-CoV2 darf nicht dazu führen, dass man meint, auf eine Impfung verzichten zu können.

4 Kommentare

  1. Guten Tag Herr Prof. Dr. med. Mathias Mäurer,

    da ich MS-Fälle im Umfeld und der Familie habe, interessiert mich das Thema, obwohl ich selbst bis jetzt verschont bin. Allerdings hat mich eine Erfahrung mit Covid19 über einen neuen Ansatz zur Heilung ins Grübeln gebracht. Ich bin Laie, es kann also ein fehlerhafter Gedankengang sein…
    Anfang 2021 infizierte ich mich mit Covid19 (ich bin Asthmatiker), war 14 Tage später wieder einsatzbereit und erlitt dann einen (nicht klinisch zu behandelnden) Rückfall, auf Grund dessen ich einige Monate nicht in der Lage war, meine körperlich anspruchsvolle Tätigkeit als Post-/Paketbote auszuführen. Auf die Beine kam ich tatsächlich erst durch die Biontec-Impfung. Ich bin also der festen Überzeugung, dass mRNA-Impfstoffe nicht nur bei gesunden Menschen eine Immunreaktion hervor rufen sondern auch dem Abwehr-System helfen kann…

    Weiter war ich mit dem Problem konfrontiert, dass Long-Covid als Spätfolge noch nicht erkannt war. Erst auf Grund der vielen Fälle wurde dieses Krankheitsbild definiert. Lassen sich daraus Schlussfolgerungen für andere Viren ziehen?

    Neulich habe ich gelesen (Focus online), dass eine Studie zu dem Schluss kommt, dass mit Epstein-Bar-Virus-Antikörpern die Wahrscheinlichkeit, MS zu bekommen, ein vielfaches ist verglichen mit Nicht-Virus-Trägern. Es stellt sich für mich also die Frage, ob MS die Long-Erkrankung ist zum Epstein-Bar-Virus! Und daraus folgend stelle ich mir die Frage, ob eine mRNA-Gabe frühzeitig nach der diagnostizierten Infektion mit dem Virus verhindern kann, dass dieser schleichende Verfall der MS einsetzt, weil das Immunsystem überfordert ist…

    Ich hoffe, das dieser Denkansatz vielleicht in der Zukunft hilft, dass MS seinen Schrecken verliert. Die Pandemie hat somit auch etwas gutes: das gelernte kann auf andere Krankheiten übertragen und so zu deren Heilung beitragen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hedwig Norz

  2. Da musste ich zweimal schmunzeln: Einmal bei „Sie erinnern sich bestimmt noch an Ex-US-Präsident Trump“ und bei „relativ bald wieder pöbeln konnte“. Ihr Blog ist ein Lichtblick in diesen düsteren Winter-/Corona-Tagen. Vielen Dank für die Information. Könnte für mich eventuell relevant werden.

  3. Hallo Herr Prof. Dr. med. Mathias Mäurer,
    vielen herzlichen Dank dass sie uns MSler unermüdlich mit aktuellen, interessanten und vorallem wichtigen Informationen versorgen.
    Ich lese ihre Beiträge sehr gerne und möchte mich für ihr Engagement und ihre Zeit die sie dafür investieren bedanken.
    Herzliche Grüße
    Katrin Hauptmann

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