Derzeit überschlagen sich die Meldungen zu den BTK-Inhibitoren – während noch alle über die negativen Ergebnisse der PERSEUS-Studie (Tolebrutinib bei PPMS) diskutieren, vermeldet Roche am 02.03.2026 in einer Pressemitteilung die positiven Ergebnisse der FENhance-1-Studie, die den BTKi Fenebrutinib bei schubförmiger MS (RMS) gegen Teriflunomid (Aubagio) getestet hat. Der primäre Endpunkt wurde erreicht, die Schubrate gegenüber Teriflunomid um 51 % reduziert. amsel.de hatte direkt noch am 02.03.2026 berichtet „Fenebrutinib bei Schüben?“
Es ist aktuell nicht leicht, den Überblick zu behalten – deswegen noch einmal der Reihe nach: BTKi sind – wir haben das hier schon häufiger erläutert – vielversprechende Substanzen für die zukünftige Behandlung der Multiplen Sklerose. In der Zukunft wird es nämlich vor allem darum gehen, progressive [progrediente] Verläufe besser zu behandeln. Das ist das Versprechen der BTKi, die als kleine Moleküle in das ZNS (Zentrale Nervensystem) gelangen und hier durch Modulation von B-Lymphozyten und Mikrogliazellen schwelende Entzündungsherde bekämpfen. Soweit die Theorie. – Hier ein systematischer Überblick über aktuelle BTKI-Studien:
Evobrutinib
Die praktischen Erfahrungen in den klinischen Studien waren dann wesentlich weniger eindeutig. Der erste BTKi Evobrutinib (der Fa. Merck) wurde ausschließlich bei schubförmiger MS getestet und zeigte keinen Unterschied in der Schubratenreduktion (der gewählte primäre Endpunkt der Studie) gegenüber der Vergleichssubstanz Teriflunomid. Auch alle anderen Endpunkte, wie z.B. Verzögerung der Krankheitsprogression, waren ohne jeglichen Unterschied. Die Weiterentwicklung von Evobrutinib wurde daraufhin eingestellt.
Tolebrutinib
Der BTKi Tolebrutinib (der Fa. Sanofi) wurde fast zeitgleich in einem großen Studienprogramm getestet, das sowohl Studien zur schubförmigen MS (GEMINI I + II), als auch Studien zur sekundär chronisch progredienten (HERCULES) und primär chronisch progredienten MS (PERSEUS) umfasste. Die Studien GEMINI I+II untersuchten jeweils die Wirkung von Tolebrutinib im Vergleich zu Teriflunomid bei schubförmiger MS. Die Daten wurden im Mai 2025 publiziert. Auch hier wurde der primäre Endpunkt, die Reduktion der Schubrate gegenüber Teriflunomid, nicht erreicht – es zeigte sich aber beim wichtigen sekundären Endpunkt „Verzögerung der Behinderungsprogression“ ein Vorteil für Tolebrutinib gegenüber Teriflunomid.
Dieses Ergebnis wurde durch die Ergebnisse der HERCULES-Studie aufgewertet, die zeitgleich im Mai 2025 publiziert wurde. HERCULES untersuchte die Wirkung von Tolebrutinib bei (nicht-relapsierender) sekundäre chronisch progredienter MS (SPMS) gegenüber Placebo. Tolebrutinib führte zu einer signifikanten Verzögerung der Behinderungsprogression gegenüber Placebo – der primäre Endpunkt wurde somit erreicht. Zusammengenommen konnte man daher aus den GEMNINI-Studien und der HERCULES-Studie ableiten, dass Tolebrutinib das Potenzial besitzt die Progression bei MS zu beeinflussen.
Aus diesem Grund war das Ergebnis der letzten Studie des Tolebrutinib Studienprogramms, der PERSEUS-Studie enttäuschend. Der primäre Studienendpunkt, die Verzögerung der Behinderungsprogression bei PPMS-Patienten (verglichen mit Placebo) wurde verfehlt. Die Studienlage zu Tolebrutinib ist somit aktuell uneindeutig.
Im MS-Docblog-Video spricht Prof. Mathias Mäurer ausführlich über Tolebrutinib.
Fenebrutinib
Hingegen ist die Studienlage für den als nächstes getesteten BTKi Fenebrutinib (der Fa. Roche) eindeutig. Fenebrutinib wurde ebenfalls in einem umfangreichen Studienprogramm getestet. In den Studien FENhance 1 und 2 wurden Patienten mit schubförmiger MS untersucht, die entweder Fenebrutinib oder Teriflunomid (als aktiven Komperator) erhalten haben. Die FENtrepid-Studie testete Fenebrutinib bei Patienten mit PPMS im Vergleich mit Ocrelizumab, der bisher einzigen zugelassenen (und damit wirksamen Subtanz) zur Behandlung der PPMS.
Positive Studienergebnisse für die FENhance-2- und die FENtrepid-Studie wurden bereits im November letzten Jahres kommuniziert – und die Daten der FENtrepid-Studie auf der ACTRIMS Tagung im Februar in San Diego vorgestellt. Demnach fiel die bestätigte Behinderungsprogression in der Fenebrutinib-Gruppe sogar um 12 % geringer aus als in der Ocrelizumab-Gruppe. Und jetzt wurde eben auch noch berichtet, dass die Schwesterstudie zu FENhance 2, die FENhance-1-Studie, ebenfalls den primären Endpunkt erreicht hat. Das Studienprogramm von Fenebrutinib ist ziemlich konsistent.
Im MS-Docblog-Video spricht Prof. Mathias Mäurer ausführlich über Fenebrutinib.
Fazit zu BTKi bei Multipler Sklerose
Weitet man angesichts der Datenlage die Betrachtung auf alle bisher verfügbaren BTKi-Studien aus, so würde ich behaupten, dass das Konzept hinter den BTKi weiterhin von Bedeutung ist. Die Substanzklasse ist in der Lage, Behinderungsprogression bei progredienten MS-Patienten positiv zu beeinflussen. Darüber hinaus (zumindesten zeigte sich das für Fenebrutib) besitzt sie auch eine ausreichende entzündungshemmende Aktivität in Bezug auf Krankheitsschübe. Daher gehe ich auch weiterhin davon aus, dass wir demnächst mit dieser Substanzklasse arbeiten werden.
So weit der systematische Überblick über aktuelle BTKI-Studien.





