Neutropenie – eine seltene Nebenwirkung der anti-CD20 Antikörper

Die MS-Therapie mit anti-CD20 Antikörpern (Ocrelizumab – Ocrevus®, Ofatumumab – Kesimpta®, Ublituximab – Briumvi® und off-lable Rituximab) läuft in der Regel insbesondere bei jüngeren Patienten ziemlich problemlos und ohne Nebenwirkungen ab – die Präparate sind alle recht gut verträglich und bereiten abgesehen von Abgeschlagenheit am Infusions/Injektionstag kaum Probleme. Trotzdem verlangen wir von unseren Patientinnen und Patienten regelmäßige Kontrollen des Differentialblutbildes im Intervall zwischen den Infusionen, i.d.R. mindestens einmal pro Quartal. Bei Patienten, die bei uns direkt betreut werden, klappt das häufig (aber nicht immer) ganz gut. Bei Patienten, die von weiter entfernt zu uns in die Praxis kommen und diese Kontrollen beim Hausarzt durchführen lassen, klappt es manchmal nicht so gut. Auch wenn ich verstehe, dass die regelmäßigen Blutabnahmen lästig sind, so ist diese Maßnahme zur Sicherheit unserer Patienten unerlässlich. Die regelmäßigen Kontrollen werden nämlich durchgeführt, um eine seltene aber sehr ernst zu nehmende Veränderung des Blutbildes zu entdecken, die durch anti-CD20 Antikörper hervorgerufen werden kann. Es handelt sich hierbei um eine Verringerung weißer Blutzellen, der sog. neutrophilen Granulozyten – im Fachjargon auch als Neutropenie bezeichnet.

Blutkontrollen zur Früherkennung

Von einer schweren Neutropenie, die durch anti-CD20 Antikörper verursacht wird, spricht man, wenn die absolute Zahl der neutrophilen Granulozyten auf unter 500/µl absinkt. Dies geht mit einer erheblichen Schwächung der angeborenen Immunabwehr gegen Bakterien und Pilze einher. Je ausgeprägter die Neutropenie ist und je länger sie anhält, desto größer ist das Risiko für lebensbedrohliche Infektionen. Bereits kleinste Hautverletzungen können dann z.B. Ausgangspunkt einer schweren Infektion sein. Neutrophile Granulozyten stellen die erste Linie der Verteidigung gegen Keime dar und sind somit für die klassische Entzündungsreaktion verantwortlich. Bei einer Neutropenie fehlen häufig genau diese typischen Zeichen der Entzündungsreaktion, also Eiterbildung, Rötung und Schwellung des Gewebes. Oft ist dann nur moderates Fieber (>38,0 °C) das einzige Symptom einer schweren Infektion. Deshalb gilt die febrile Neutropenie als medizinischer Notfall und erfordert eine sofortige Therapie mit Antibiotika, um lebensbedrohliche Komplikationen zu verhindern. Damit sollte klar sein, dass es wichtig ist, diese seltene aber schwerwiegende Komplikation von anti-CD20 Antikörpern rechtzeitig zu erkennen, wozu die regelmäßigen Kontrollen des Differentialblutbildes dienen.

Warum gehe ich jetzt noch einmal darauf ein, obwohl dieses Problem seit Jahren bekannt ist. Zum einen sehen wir immer mal wieder, auch kürzlich, Fälle mit Neutropenie unter anti-CD20 Therapie, die bisher zum Glück alle einen guten Ausgang hatten. Zum anderen, wurde im Mai 2026 von Kollegen aus Portugal im MSARD-Journal (Multiple Sclerosis And Related Disorders) eine schöne Übersicht zu diesem Thema publiziert (Silva et al. Mult Scler Relat Disord 2026 May:109:107133).

Die Kollegen haben anhand eigener Fälle und einer systematischen Literatur-Recherche das Auftreten von Neutropenie nach Ocrelizumab-Gabe untersucht. Anhand ihrer Erhebung betrug die jährliche Inzidenz 0,63%. Das Durchschnittsalter der Betroffenen betrug 36,2 Jahre; 67,6 % waren weiblich. Die mediane Anzahl vorangegangener krankheitsmodifizierender Therapien lag bei 1. Eine Neutropenie trat nach einem Median von zwei Zyklen seit der ersten Ocrelizumab-Infusion und 72,5 Tage nach der letzten Infusion auf. Die Mehrheit der Patienten (88,9 %) wies eine spät auftretende Neutropenie (late-onset) sowie eine Neutropenie des Schweregrads 4 (88,9 % – > 500/µl) auf. Therapeutisch erfolgte eine Behandlung mit Granulozyten-Kolonie-stimulierenden Faktoren (G-CSF) und Antibiotika. Alle Neutropenie-Episoden bildeten sich im Median innerhalb 4,5 Tagen zurück. Zusammenfassend trat die Neutropenie eher früh im Behandlungsverlauf auf, die meisten Patienten hatten eine schwere Neutropenie, zeigten jedoch einen milden klinischen Verlauf. Interessant ist, dass eine Wiederaufnahme der Ocrelizumab-Therapie möglich war, wobei Rezidive auftreten können.

Daher sollte bei Re-Exposition mit anti-CD20 Antikörpern eine besonders strenge Überwachung erfolgen. Das Auftreten einer Neutropenie sollte jedoch zunächst kein Grund sein, MS-Patienten diese effiziente und hochwirksame Therapie langfristig zu verweigern. Letztlich ist die Fortführung der Therapie aber immer eine Einzelfallentscheidung.

Wichtig ist mir aber, dass Patienten, die anti-CD20 Antikörper erhalten, sich vergegenwärtigen, wie wichtig die regelmäßigen Blutbild-Kontrollen für ihre eigene Sicherheit sind und sie daher diese Kontrollen auch bei ihren Ärztinnen und Ärzten einfordern.

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