Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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MS und Covid 19 – gibt es Neuigkeiten?

Durch die erneut steigenden Infektionszahlen nach der Sommerpause, die Unsicherheiten, die mit den Schulöffnungen verbunden sind, und in Erwartung eines ungewissen Herbstes mit weiteren Infektionserkrankungen wie der Influenza ist die SARSCoV2 Pandemie erneut zu einem Thema geworden, das vielen Menschen Sorgen bereitet – COVID19 ist aktuell wieder sehr präsent.

Es gibt aber auch durchaus positive Signale – der Bundespräsident spricht vom „Licht am Ende des Tunnels“, der Bundesgesundheitsminister erwartet einen Herbst mit vielen neuen medizinischen Erkenntnissen und der Experte der US-Regierung Anthony Fauci ist vorsichtig optimistisch was die Verfügbarkeit eines Impfstoffes zum Jahreswechsel angeht. Und schließlich muss man auch anerkennen, dass Deutschland seine Sache in der Krise sehr gut macht – und es wahrscheinlich auch weiterhin gut gehen wird, wenn alle zusammenhalten und sich vernünftig verhalten.

Das ist der Hintergrund, vor dem auch ich ein kurzes Update zu Multipler Sklerose und COVID19 geben möchte. Um es vorweg zu nehmen, wirklich bahnbrechende Erkenntnisse wurden in den Sommermonaten nicht erzielt. Wie zu erwarten, wurden viele kleinere Fallserien publiziert, die über den Verlauf einer COVID19 Erkrankung bei Patienten berichten, die mit verschiedenen Immuntherapien behandelt wurden. So finden sich Arbeiten zu COVID19-Verläufen bei mit Teriflunomid (Aubagio), Dimethylfumarat (Tecfidera) und Cladribin (Mavenclad) behandelten Patienten. Auch Fallberichte von COVID-Patienten, die mit dem monoklonalen Antikörper Alemtuzumab (Lemtrada) behandelt wurden, finden sich in den Literaturdatenbanken. Das ist insofern interessant, als dass der Einsatz dieses therapeutischen Antikörpers in Zeiten der Pandemie sehr skeptisch gesehen wird. Erfreulicherweise haben aber alle diese Arbeiten bestätigt, was sich schon im Frühjahr 2020 abzeichnete: Weder die MS noch ihre medikamentöse Behandlung stellt ein Risiko für schwere COVID19-Verläufe dar – alle Fallserien berichten milde bis moderate Verläufe, ohne besondere Komplikationen.

Es wurden aber auch fatale COVID19-Verläufe bei MS Patienten publiziert. So findet sich z.B. der Fall einer 51-jährigen MS-Patientin, die mit Natalizumab (Tysabri) behandelt wurde – ein Medikament, das aufgrund seines Wirkmechanismus und seines Nebenwirkungsprofils in Bezug auf die Pandemie als unproblematisch eingestuft wird – und an einer schweren Lungenentzündung verstorben ist. Aus dem Text lässt sich aber entnehmen, dass sie trotz ihres noch jüngeren Lebensalters bereits unter vielfältigen kardiovaskulären Risikofaktoren, schwerem Übergewicht und Bluthochdruck gelitten hat – also den typischen Risikofaktoren, die auch in der Allgemeinbevölkerung mit schweren COVID19-Verläufen einhergehen. Am Ende stellen sich auch die Autoren der Arbeit die Frage, inwieweit Natalizumab überhaupt etwas dazu beigetragen hat.

Zusammen mit der umfangreichen italienischen Fallserie, auf die ich bereits in einem früheren DocBlog-Beitrag eingegangen bin, bestätigen alle zwischenzeitlich publizierten Arbeiten, dass es richtig und sinnvoll ist, die gängigen Konzepte der MS-Behandlung nicht aufgrund der Corona-Pandemie zu verlassen. Die MS und die individuellen therapeutischen Bedürfnisse der Patienten müssen auch jetzt im Vordergrund jeder Therapieentscheidung stehen.

Dennoch sind natürlich noch viele Fragen offen und man merkt, dass sich der Fokus der Diskussion derzeit verschiebt. Stand zunächst die Frage nach schweren Verläufen unter einer medikamentösen MS-Therapie im Vordergrund, so beschäftigen sich viele Beiträge derzeit mit der Frage, ob und inwieweit bei der Anwendung bestimmter Medikamente die bleibende Immunität gegen mikrobielle Erreger und speziell gegen SARS-CoV2 beeinträchtigt sein könnte. Und wenn man noch weiter denkt, so kommt die Frage auf, ob bestimmte MS-Medikamente ggf. mit einer zukünftigen Impfung gegen COVID19 interferieren. Auch diese Überlegungen könnten heutzutage eine Therapieentscheidung beeinflussen.

Daher untersuchen Wissenschaftler derzeit insbesondere, wie die Antikörperantworten bei MS Patienten, die COVID19 durchgemacht haben und mit spezifischen MS Medikamenten behandelt wurden aussehen – und auch hier sind die Ergebnisse ermutigend. Auch bei Medikamenten wie Aletuzumab (Lemtrada), Ocrelizumab (Ocreuvs) oder Cladribin (Mavenclad) fand sich nach überstandener Infektion eine ausreichende Antikörperantwort, was auf eine ausreichende Immunität hindeutet.

Was die Impfung betrifft, so wird es natürlich interessant sein, welcher Impfstoff gegen COVID19 letztlich das Rennen macht – ist es ein Vektorimpfstoff (Lebendimfpstoff), so wäre das für MS-Patienten unter Immuntherapie wahrscheinlich keine so gute Nachricht. Aber derzeit sieht es ja so aus, als ob u.a. der in Deutschland produzierte RNA-Impfstoff sehr vielversprechend ist – und der wäre bei MS relativ unproblematisch.

Dementsprechend liegen noch einige spannende Entwicklungen vor uns – die wir mit Sicherheit hier an dieser Stelle ausführlich diskutieren werden.

 

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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