Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Verläufe2

MS-Therapie 2015 – Erwartungen und Möglichkeiten

Unsere Möglichkeiten in der MS-Therapie haben sich in den letzten 20 Jahren erheblich verändert und verbessert. In den 90-iger Jahren des letzten Jahrhunderts war die Zielsetzung bei der Gabe von MS-Medikamenten die Verzögerung des natürlichen Krankheitsverlaufes.
Mit dem Einsatz von Interferonen und Glatirameracetat war es möglich, Schübe zu unterdrücken und die Progression der Behinderung signifikant gegenüber dem natürlichen Verlauf zu verzögern. Eine solche Verzögerung war zwar ein Fortschritt, aber natürlich noch nicht zufriedenstellend, da weiterhin bei vielen Patienten ein Fortschreiten der Erkrankung, wenn auch in abgemildeter Form, in Kauf genommen werden musste (s. Abbildung 1).

MS-Therapie - Erwartungen und Möglichkeiten
MS-Therapie – Erwartungen und Möglichkeiten

Die neuen Therapiekonzepte in den 2000er Jahren haben deutliche Fortschritte gebracht. Ich meine hier vor allen Dingen die konsequente Frühtherapie und die Anwendung eines Eskalationskonzeptes. Aber auch die Verfügbarkeit neuer Medikamente hat dazu geführt, dass wir bei der MS-Therapie in der Lage waren, bei einer großen Anzahl von Patienten eine Stabilisierung des Krankheitsverlaufes herbeizuführen (s. Abbildung 2).

Doch die Ansprüche sind weiter gestiegen. Wir haben durch die Entwicklungen auf dem Gebiet der monoklonalen Antikörper gesehen, dass es möglich ist, mit diesen neuen Medikamenten nicht nur eine Stabilisierung des Krankheitsverlaufes herbeizuführen, sondern sogar Verbesserungen zu erzielen (s. Abbildung 3). Dies ist beim Einsatz von Natalizumab (Tysabri) der Fall – wir können das bereits praktisch in unseren Ambulanzen nachvollziehen.

Die Studien zum Wirkstoff Alemtuzumab (Lemtrada) zeigen sogar in der prospektiven Analyse der Daten, dass ein gewisser Prozentsatz Patienten eine Verbesserung ihres klinischen Zustandes erreicht. Die kürzlich berichtete Auswertung der Studiendaten von Lemtrada über 4 Jahre hat gezeigt, dass mehr als 70 % der Patienten durch die Gabe stabile oder sogar gebesserte Verläufe zeigen.

Durch die therapeutische Neuentwicklung sind die Möglichkeiten der Therapie somit deutlich gestiegen. Die Wirksamkeitsversprechen der neuen Therapien müssen aber einem nicht zu vernachlässigenden Risiko der Therapie gegenübergestellt werden.

Dieses mit der Therapie verbundene Risiko führt häufig dazu, dass Präparate von Ärzten und Patienten nicht oder zu spät eingesetzt werden. Nicht selten wird  bei der Diskussion über Nebenwirkungen vergessen, dass auch ein nicht unerhebliches Risiko durch den Verlauf der MS besteht. Es muss die Aufgabe der nächsten Jahre sein, individuelle Risikofaktoren zu identifizieren und so die Gabe wirksamer Medikamente sicherer zu machen.

In der Zukunft wird die Frage sein, ob es möglich sein wird, Funktionen wieder herzustellen und Nervenzellen zu reparieren. Das wäre ggf. einer Heilung der Erkrankung gleichzusetzen (Abbildung 4). Wir müssen dieses Ziel in den nächsten Jahren fest ins Auge fassen – auch wenn es noch eine Vision ist. Es ergeben sich aber schon interessante Ansätze. Zu nennen ist z.B. der Antikörper anti-Lingo (s. www.amsel.de und www.dmsg.de vom Januar), der gezeigt hat, dass bei der akuten Opticusneuritis Neuroregeneration erzielt werden kann.

Derzeit machen bereits neue Wirkstoffe wie Alemtuzumab und Natalizumab bei zielgerichtetem Einsatz für ein nicht geringes Klientel von MS-Patienten eine neurologische Befundverbesserung möglich. Wir sollten sie daher, wenn immer notwendig, auch einsetzen, um die Möglichkeiten einer modernen Therapie auszunutzen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

13 Kommentare zu “MS-Therapie 2015 – Erwartungen und Möglichkeiten

  1. Seit einem Jahr habe ich die Diagnose MS,
    Bisher habe ich am Anfang 2 mal, innerhalb von 14 Tagen , Cortison bekommen.
    Jetzt hat sich bei dem Kontroll MRT ein neuer aktiver Herd gezeigt.
    Habe aber keine weiteren Beschwerden gemerkt.
    Cortison nehmen? Ja oder Nein.
    Basistherapie beginnen? Ja oder Nein.
    Wenn ja , alte oder neue Medis.
    Ein Tip für einen Anfänger wäre schön.
    Vielen Dank

  2. so toll wie die neuen Medis angepriesen wurden, sind sie nun doch nicht – zum beispiel alles was jetzt nach und nach bei tecfidera der wunderpille rauskommt wie pml-todesfälle, die es ja nun plötzlich auch beim identischen wirkstoff fumaderm, den es schon seit einigen jahren gibt auch gegeben hat. und merkwürdiger weise ist es in den letzten wochen / monaten auch recht still um den herrn dr. gold geworden, der dieses wundermittel ja bei jeder gelegenheit wie verrückt angepriesen hat.

    langsam merkt die mehrzahl der betroffenen, dass hier eine große maschinerie von lobbyisten eine riesen erfolgsschow veranstaltet und versucht alle gravierenden nebenwirkungen kleinzureden.

    Da wird dann von verbesserung der lebensqualität gesprochen, weil ja pille schlucken besser als spritzen ist aber die schwerwiegenden möglichen folgen werden kleingeredet oder vertuscht. das ganze system müsste auf den prüfstand.

  3. @Aha
    Schade dass es keinen Geschmacklosigkeitsfilter in dem Blog gibt….es wäre angebracht in einem angemesseneren „Ton“ seine Kritik(en) zu äußern

    1. Sie schreiben:
      „Die neuen Therapiekonzepte in den 2000er Jahren haben deutliche Fortschritte gebracht. Ich meine hier vor allen Dingen die konsequente Frühtherapie und die Anwendung eines Eskalationskonzeptes. “
      Leider wird die Frühtherapie heutzutage mit der Gießkanne verteilt. Man wartet nach Diagnose nicht mal den Verlauf/ die Krankheitsentwicklung ab.
      Niemand scheint zu interessieren, daß es schon immer eine Gruppe der leicht Betroffenen gab, die überhaupt nicht von den Basistherapien profitieren können. Dementsprechend dürfen solche MS-Patienten auch gar nicht in (Pharma-)studien teilnehmen, weil man Angst hat, daß die Placebogruppe zu positive Ergebnisse hat – sodaß das neue Mittel dann plötzlich gar keine signifikante Wirkung mehr erzielt. Diese Gruppe wird auch nicht weiter untersucht, stattdessen wird auch sie unnötig mit der Standardtherapie abgefüllt.
      Ich finde es irgendwie traurig, daß man von Ihnen nur die Werbeparolen von den vielen MS-Kongresse der Industrie zu lesen bekommt (ich war selbst schon auf solchen Kongressen und finde es haarsträubend, wie unverholen dort Werbung gemacht wird).
      Unabhängige MS-Kongresse scheint es ja gar nicht mehr zu geben. Von Ihnen und auch der DMSG hört man seit Jahren u.a. auch das Mantra, daß die Behinderungsprogression durch Basistherapie verlangsamt wird, was leider durch keine einzige Langzeitstudie belegt ist.

  4. >>Dieses mit der Therapie verbundene Risiko führt häufig dazu, dass Präparate von Ärzten und Patienten nicht oder zu spät eingesetzt werden. Nicht selten wird bei der Diskussion über Nebenwirkungen vergessen, dass auch ein nicht unerhebliches Risiko durch den Verlauf der MS besteht. Es muss die Aufgabe der nächsten Jahre sein, individuelle Risikofaktoren zu identifizieren und so die Gabe wirksamer Medikamente sicherer zu machen.<<

    Ein guter Scherz, so schreitet die MS meistens doch noch langsamer fort als eine PML. Oftmals kommen die Überlebenden mit mind. 2 EDSS Punkten mehr daraus, wenn sie nicht zu den 23% gehören, die versterben.

  5. Zum ersten Absatz:
    Die Zielsetzung der immunmodulierenden Therapien war in den 90ern eine Reduktion der Schubrate, man hatte die Hoffnung, dass damit eine Verzögerung des Krankheitsverlaufs verbunden sei. Liest man Veröffentlichungen aus dieser Zeit, wurden damals diese Daten sehr viel zurückhaltenden interpretiert, als es mittlerweile der Fall ist, obwohl sich an der Datenlage praktisch nichts geändert hat. Noch immer wird ja heute auf die Zulassungsstudien Bezug genommen, wenn es um die Wirksamkeit und Nebenwirkungsrate geht. Es ist leider unterblieben, nicht-kommerzielle klinische Forschung durchzuführen und eine Kultur der unabhängigen wissenschaftlichen Diskussion zu etablieren.

    Was bedeutet eigentlich „signifikant“? Wenig. Es bedeutet nur, dass ein Unterschied zwischen zwei Behandlungsgruppen in einer klinischen Studie, den man feststellt, sich wahrscheinlich nicht nur zufällig ergeben hat. Es sagt überhaupt nichts über die Größe des Unterschiedes aus. Auch eine kleine Verbesserung kann also signifikant sein, ohne dass sie deshalb relevant ist. Die „signifikante“, aber im Durchschnitt kleine Verzögerung der Behinderung bezieht sich auch bei den „alten“ MS-Präparaten (Interferone und Glatirameracetat) nur auf die Dauer von 2, max. 3 Jahren. Darüber hinaus ist alles ungewiss.

    Es wird im ersten Absatz ein wenig der Eindruck erweckt, als hätten alle MS-Patienten durch eine Immuntherapie einen persönlichen Nutzen, die einen nur ausgeprägter, die anderen weniger ausgeprägt. Das wird durch die klinischen Daten so nicht belegt. Im Gegenteil ist die Effektstärke, also der Anteil von Patienten, die im Vergleich zu einer Placebo-Behandlung aufgrund des Medikamentes keine Schübe haben, bei Interferonen und Glatirameracetat nur so um die 15%, bei den neueren Präparaten auch mal 25%. Schließlich haben viele Placebo-Patienten ja auch keine Schübe im Studienzeitraum gehabt. Und für die Freiheit von Behinderung liegt die Effektstärke so um die 10 %, 12% bei Natalizumab, denn auch in den Zulassungsstudien zu den „neuen“ Medikamenten sind die meisten Placebo-Patienten im Studienzeitraum ohne messbare Progression geblieben.

    Man kann die heutige Datenlage auch vorsichtiger so interpretieren, dass die Immuntherapie eine – bei Patienten mit vielen Schüben, die ansprechen, durchaus wertvolle – symptomatische Behandlung ist. Weiter unten im Beitrag schreiben Sie ja auch von symptomatischen Verbesserungen. Diese können bei MS immer auftreten, auch unbehandelt, und immer dann, wenn ein aktiver Verlauf mit hoher Schubaktivität unterbrochen werden konnte, denn dann bekommt ein Patient mit schubförmiger MS Gelegenheit zur Rehabilitation.

    Zum zweiten Absatz:
    Der Einsatz einer Frühtherapie nach dem ersten klinischen neurologischen Ereignis wurde nur in 4 Studien (zu den Interferonen und Glatiramerarcetat) untersucht. Lediglich die Benefit-Studie liefert halbwegs seriöse Langzeitdaten, ganz aktuell 11-Jahres-Daten. Allerdings ist auch hier die Aussagefähigkeit begrenzt, da 40% der ursprünglichen Studienpatienten nicht mehr an der Nachbeobachtung teilgenommen haben. Die erste Gruppe hatte Frühtherapie von Anbeginn, die zweite Therapie erst nach 2 Jahren oder nach dem nächsten Schub. Zwischen den beiden Gruppen besteht nach dieser Zeit kein Unterschied in der messbaren Behinderung.

    Das heißt, gerade diese Studie liefert, wenn sie überhaupt etwas zeigt, dann den Beleg, dass es für die bleibende Behinderung irrelevant ist, ob man sofort beginnt, oder ob man später beginnt, wenn eine Schubaktivität da ist. Für das sogenannte Eskalationskonzept gibt es überhaupt keine klinischen Daten für die Langzeitwirkung, denn es wurde nicht in Studien untersucht. Das Eskalationskonzept spiegelt nur die behördlichen Zulassungsanforderungen wieder.

    Zum 6. Absatz:
    Es scheint mir eher umgekehrt zu sein: Bei der positiven Bewertung des Nutzens von MS-Präparaten wird vergessen, dass alle Präparate mit Nebenwirkungen und Risiken behaftet sind. Mir sind keine MS-Patienten bekannt, die die Risiken der Erkrankung vergessen haben. Es handelt sich um Betroffene, die sich selbst gut über die mäßigen Effektstärken der Medikamente informiert und sich daraufhin entschieden haben, dass sie dafür keine Risiken eingehen oder keine Lebensqualitätseinschränkungen zusätzlich zur MS-Symptomatik akzeptieren wollen.

    1. Einfach nur DANKE für diesen Beitrag!!!
      Es ist enorm wichtig, dass diese Infos nicht verschwiegen werden!!!

      Der MS-Patient heute ist nur noch ein ökonomischer Faktor und die Pharmaindustrie gibt
      die Therapieleitlinien vor!!!! An Heilung sind die Herren wohl kaum interessiert. Was ist lukrativer als ein chronisch Kranker Patient, der brav sein leben lang super-teure Medikamente schluckt.

      Und wenn man Pech hat stirbt man auch noch am PML, weil die Medikamente ja so toll und sind und kaum Nebenwirkungen haben!!

    2. Danke für den Beitrag, liebe Jutta!

      Mir scheinen solche ‚Erfolgsstories‘ und die Hochglanzprospekte der Pharmahersteller den therapeutischen Umgang mit der MS in die Nähe des Therapieregimes beim insulinpflichtigen Diabetes mellitus rücken zu wollen.

      Doch während beim Diabetes ganz eindeutige (Danke auch für die Klärung des Begriffes ‚signifikant’!) Erfolge bezüglich der – langfristigen – Lebensqualität der Betroffenen festzustellen sind, bei vergleichsweise niedrigem Risiko der Therapeutika, sieht dies für Multiple Sklerose überhaupt nicht danach aus.

  6. Ich kann Faxe nur zustimmen! Und von diesem Blog muss sich niemand vertreiben lassen, nur weil man kritisch auf diesen breit angekündigten Docblog, der ja sooo anders werden sollte, schaut und seine Meinung sagt!
    Wie die Lemminge laufen viele MSler den Pharmapriestern hinterher und bedanken sich danach auch noch hörig bei ihren Meistern!
    Mich kotzt das Schönreden von angeblichen Therapieerfolgen an.
    Wer heilt, hat recht! Leider ist MS nicht heilbar!
    Lasst euch weiter veräppeln und als Laborratten und Geldsäcke ausnutzen!
    Frohe Ostern!

  7. Sorry, aber das ist gequirlte Sch…

    Wenn eine krankheitsverzögernde Therapie dem Körper bzw. dem ZNS mehr Zeit für Regeneration oder Selbstheilung verschafft ist das toll aber bedeutet weder Heilung noch Verbesserung als direkte Wirkung der Therapie.

    Monoklonalen Antikörper und Heilung, guter Witz. Das hätte zum ersten April gepasst aber eindeutig ist hier jetzt Pharma-Werbe-Woche. Unkalkulierbare Langzeitfolgen werden hier ausgeblendet, in 20-30 Jahren wird man vielleicht darüber nur den Kopf schütteln wie Patienten zu Versuchskarnickeln geschwatzt werden und dann das Heute als Mittelalter der Medizinforschung betiteln.

    1. @ „Faxe“
      Wenn Dir dieser Blog hier nicht gefällt, dann bleib doch einfach weg und wenn Du alles immer so viel besser weißt, mache einfach Deinen eigenen Blog, wir kommen dann gerne zum Lesen vorbei!

      1. @Anonymous

        Lern mal lesen, ich habe nirgendwo geschrieben dass mir der Blog nicht gefällt.
        Im Gegenteil, in einigen Kommentaren zu anderen Beiträgen habe ich dem Prof. ausdrücklich zugestimmt oder meinen positiven Eindruck vermittelt.

        Aber dieser Beitrag findet eben nicht meine Zustimmung und dann verkünde ich das auch wenn mir danach ist. Wenn du mir deswegen unterstellen willst mir würde der Blog nicht gefallen zeigt das entweder nur deine mangelnde Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen oder dass du diese hier mutwillig ignorierst.

        Wer ist eigentlich dieser geheimnisvolle „wir“ der zum Lesen vorbeikommen würde?

Kommentar schreiben

*