Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

MS ist keine Immunschwäche!

Ich beobachte sehr häufig, dass in der Bevölkerung über das Immunsystem ein relativ diffuses Wissen existiert, das nicht selten aus irgendwelchen Werbebotschaften gespeist ist. Wenn man krank ist, liegt das an „einer Schwäche des Immunsystem“ – will man gesund werden, dann muss man das „Immunsystem stärken“ – so  lautet die einfache Botschaft.  Demnach ist es auch gar nicht verwunderlich, dass viele MS-Patienten glauben, sie litten unter einer Immunschwäche. Damit sind sie durchaus für jeden empfänglich, der Maßnahmen anbietet, die das Immunsystem stärken sollen – sei es der Hausarzt, der Heilpraktiker oder der Internetversandhandel. Häufig erzählt man mir, man hätte eine Vitaminspritze erhalten, um das Immunsystem zu stärken, oder es wären Globuli verordnet worden, damit die Immunabwehr wieder besser funktioniert  – alles konzeptionell ziemlicher Blödsinn, aber Gott sei Dank nicht gefährlich.
Richtig schlecht ist, wenn mir Patienten erzählen, dass bei ihnen Frischzellenkuren durchgeführt wurden, oder „Stammzellen“ transplantiert wurden, um das Immunsystem wieder herzustellen. Bei diesen Maßnahmen werden in der Tat Fremdmaterialien – meist tierische Zellen – in den Körper eingebracht, um das Immunsystem „anzukurbeln“. Meist passiert da zwar auch nichts, aber die Maximalform dieses „Ankurbelns“ wäre der sogenannte anaphylaktische Schock, und der ist lebensbedrohlich.
Daher der klare Appell –Multiple Sklerose ist keine Immunschwäche. Das Immunsystem von MS-Patienten ist in der Regel so kompetent wie das jeder gesunden Normalperson. Das Problem von MS-Betroffenen ist kein schwaches Immunsystem, sondern eine „zu heftige“ Reaktion des Immunsystems. Aufgrund mangelnder Toleranz des Immunsystems werden körpereigene Strukturen als fremd erkannt und attackiert. Daher besteht die allgemeine Strategie bei Autoimmunerkrankungen wie der MS darin, das Immunsystem durch Medikamente in seiner Reaktionsfreudigkeit zu drosseln und Toleranz wieder herzustellen.
Strategien, die das Immunsystem von MS Patienten „ankurbeln“, sind daher konzeptioneller Unsinn. So lange versucht wird, dieses mit teurem Jogurt oder Vitaminpräparaten zu erzielen, ist es kein Problem, weil diese Maßnahmen keinen wirklichen Einfluss auf das Immunsystem haben. Aber Maßnahmen, die eine Immunreaktion hervorrufen können, wie z.B. das Einbringen von tierischen Zellen, sind definitiv bei MS-Patienten kontraproduktiv.
Zur Illustration, dass MS Patienten keine Aktivierung des Immunsystems benötigen, sei an das erinnert, was bei einem ganz banalen Infekt passiert – einer Blasenentzündung oder eine Erkältung. Bei solchen Erkrankungen wird das Immunsystem generell aktiviert – es soll ja die Krankheitserreger abwehren – und das führt nicht selten dazu, dass sich der Zustand eines Patienten mit MS während einer Infektionserkrankung deutlich verschlechtert.
Also – als MS-Patient Finger weg von allem und jedem, der verspricht, das Immunsystem zu stärken – das ist genau das, was man als MS-Betroffener nicht braucht!

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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10 Kommentare zu “MS ist keine Immunschwäche!

  1. Natürlich ist MS keine Immunschwäche, wenn überhaupt, dann das Gegenteil. Komischerweise habe ich das von Bekannten auch noch nie so gehört. Ich kenne es nur aus den Berichten anderer Betroffener. Genauso wie die Muskelschwäche. Alles Quatsch.

    Man kommt sich schon wie ein Versuchskarnickel vor. Nicht nur bei Lemtrada, auch Tecfidera ist sowas. Wirkstoff seit Jahren bekannt, dann dreht man mal ein bischen an irgendwelchen Einstellungen, verlangt flugs das zigfache, unterschlägt dabei aber die bei Psoriatikern schon bekannten NW und entsprechenden Vorsichtsmassnahmen. Wenn man es den MSlern vorab gesagt hätte, wär es etwas anderes. Hat man aber nicht. Und nach einem Jahr wird zurückgerudert: Preis deutlich reduziert, Blutuntersuchungen häufiger (obwohl die auch keine Garantie sind!) … ich habe keine Lust, das noch weiter mitzumachen. Es ist ein Herumstochern im Dunkeln …

  2. Ich denke auch, daß MS wohl keine Immunschwäche ist und daß die allermeisten Heilpraktiker keine Ahnung von MS haben, aber manche von ihnen einem dann doch irgendwas aufschwätzen wollen – was dann zwar oft teuer ist, aber im besten Falle immerhin nicht schadet.
    Allerdings: auch die Schulmedizin stochert im Nebel und will uns trotzdem immer wieder neue „wahnsinnig tolle“ Therapien aufschwatzen zu immensen Kosten.
    Immer wieder neue Altmedikamente werden an uns MSlern ausprobiert, um damit endlich richtig abzusahnen.
    Beispiel Lemtrada: Wirkung nicht bahnbrechend, erhebliche Risiken, aber sogar neu Diagnostizierte sollen da jetzt Versuchskaninchen spielen, wenn es nach vielen Ärzten geht. Auch Sie, Herr Mäurer, finden das neue Mittel prima (vielleicht nach dem Motto: no risk, no fun?)!
    Am besten sprechen wir uns in 10 Jahren noch mal zum Thema.

    Tja, und ganz aktuell läut auch ja schon die Werbemaschinerie für Ocrelizumab an.
    Auch wieder Recycling. Da kann ich nur sagen: Nee Danke!

  3. Ich halte eine bestimmte Immunstimulation auch für Schädlich – aber sollte man hier nicht sehr differenziert hinsehen, was genau Stimuliert wird?
    Und habe ich nicht das Recht zu Erfahren auf welcher Evidenz sich die Theorie stützt, dass MS es eine Autoimmunerkrankung ist? (welcher Wert beweist das?)
    Wie sieht es mit der Subtypisierung (Unterdifferenzierung) der MS aus? Gibt es hierzu nicht nach ca. 10 Jahren endlich Ergebnisse?

    Danke Doro, das Thema Lymphe im Gehirn interessiert mich brennend!

  4. Habe meinen Kommentar versehentlich zu früh abgeschickt. Darum jetzt noch einmal:

    Kürzlich haben Forscher aus Virginia und Helsinki das lymphatische System des Gehirns entdeckt.
    Das dürfte Ihnen, Herr Prof. Mäurer, doch sicher nicht entgangen sein.

    Ist es jetzt nicht endlich an der Zeit, diese unsägliche Autoimmunhypothese in Frage zu stellen und das, was Sie als „zu heftig“ bezeichnen, als ganz normale Reaktion das Immunsystems zu betrachten, die dazu dient, noch größere Schäden vom Gehirn fernzuhalten?

  5. Kürzlich haben Forscher aus Virginia und Helsinki das lymphatische System des Gehirns entdeckt. Das dürfte Ihnen, Herr Professor Mäurer, doch sicher nicht entgangen sein.

    Ist es nun nicht an der Zeit, diese unsägliche Autoimmunhypothese in Frage zu stellen und das, was Sie a

  6. Wohltuend zu lesen. Schade, dass ich es erst jetzt lese, musste erst vor wenigen Tagen wieder einen „gut gemeinten“ Heilpraktiker-Vorschlag eines Laien ausschlagen.

  7. Das kann schon deshalb nicht oft genug gesagt werden, weil wir alle für Werbung empfänglich sind und gerne etwas haben wollen, was die Krankheit heilt. Und da die Schulmedizin da nicht helfen kann, fällt man gern auf unseriöse Angebote rein.

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