Dieser Blogbeitrag widmet sich der Frage, ob MS-Erkrankte als Organspender fungieren können, welche Arten von Organspenden zulässig sind und unter welchen Voraussetzungen.
MS-kranker Vater möchte Niere an Tochter spenden
Folgender Fall aus der klinischen Praxis: Er, 59 Jahre als, ist seit vielen Jahren an MS erkrankt. In der Vergangenheit hat er unterschiedliche Immuntherapien angewendet, nimmt aber aktuell keine MS Medikamente mehr ein. Die MS hat zu einer spastisch-ataktischen Paraparese der unteren Extremität geführt, die Gehstrecke ist dadurch reduziert, für längere Strecken benutzt er einen Rollator. Trotz der körperlichen Einschränkungen ist seine Lebensqualität gut, er ist weiterhin vollzeitig beruflich tätig, seine Arbeit macht ihm Spaß. Außer der MS ist er gesund, hat keine weiteren relevanten Vorerkrankungen, nimmt keine Medikamente ein, ist Nichtraucher und hält sich regelmäßig durch Sport fit, wirkt biologisch eher jünger. Vor vielen Jahren hat er sich von seiner Frau getrennt, eine Tochter aus dieser Ehe, Mitte 30, ist eine wichtige Bezugsperson für ihn, sie wohnt in der gleichen Stadt, sie unterstützen sich gegenseitig.
Die Tochter ist seit einigen Jahren aufgrund einer Niereninsuffizienz dialysepflichtig, worunter die Familie sehr leidet. Er konnte den Grund für die Nierenerkrankung der Tochter nicht genau nennen, u.U. ein schweres Hämorrhagisches Fieber mit Nierensyndrom (HFRS) nach einer Hantavirusinfektion. Seine Frage zielt jetzt darauf ab, ob er seiner Tochter eine seiner Nieren spenden kann, also ob er als Lebend-Organspender infrage kommt.
Die Frage, inwieweit MS Betroffene als Organspender infrage kommen, ist wichtig und interessant. Gerade haben die MS Gesellschaften im deutschsprachigen Raum in Zusammenarbeit mit dem Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hierzu eine sehr lesenswerte Stellungnahme abgegeben auf die ich an dieser Stelle auch verweisen möchte (Organtransplantation, Blutspende und Stammzell-Spende bei Multipler Sklerose – Kompetenznetz Multiple Sklerose).
Dementsprechend können MS-Erkrankte als Spender infrage kommen, wenn der Empfänger einverstanden ist, ein Organ von einem Spender mit chronischer Erkrankung zu erhalten. Das mögliche Risiko ist mit den Konsequenzen einer nicht durchgeführten Organspende abzuwägen. Daher wäre nach Aufklärung und Einverständnis der Tochter eine Lebendspende durch den MS-betroffenen Vater möglich. Die aktuelle Stellungnahme weist aber mit Recht darauf hin, dass die Beziehung des Organspenders mit MS zum Empfänger ein ethisch relevanter Aspekt ist. Es sollte auf mögliche Rollenkonflikte geachtet werden, die spendende Person muss umfassend über Risiken und Nebenwirkungen informiert sein und frei von jeglichem Druck die Zustimmung zur Organspende geben. In der oben geschilderten Vater-Tochter Beziehung sicherlich ein relevanter Punkt, der bei der Beratung angesprochen werden muss.
Lebendspende trotz Multipler Sklerose
Die Lebendspende bietet Vorteile, aber auch Risiken. Ein Vorteil ist, dass bei Blutsverwandten (wie im oben berichteten Fall) das Risiko einer Organabstoßung geringer ist. Für den Spender ist eine Lebendspenden allerdings mit einigen Risiken verbunden, insbesondere wenn eine MS vorliegt. Wie bei jeder größeren Operation können Schmerzen und Infektionen auftreten, die gleichzeitig vorbestehende MS-Symptome verschlechtern können. Eine Organspende kann mit einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit einhergehen und z.B. eine MS-Fatigue verstärken. Und selbstverständlich muss man auch die möglichen Langzeitkomplikationen im Hinblick auf die weitere (medikamentöse) Therapie der MS im Blick haben, auch wenn dieser Punkt für den oben berichteten Fall keine vordergründige Rolle spielt.
„Insgesamt ist anzustreben, so die Experten in der aktuellen Stellungnahme, dass die MS-Erkrankung vor einer Organspende stabil ist. Dies beinhaltet auch psychische und kognitive Symptome. Aufgrund von denkbaren Langzeitkomplikationen sollten MS-Erkrankte mit weiteren Begleiterkrankungen nur nach sehr sorgfältiger medizinischer Abklärung eine Organspende vornehmen. Dies soll gewährleisten, dass eine Organspende, soweit absehbar und beeinflussbar, zu keiner wesentlichen Veränderung des MS-Verlaufes bzw. ihrer Therapierbarkeit führt.“








Hochinteressantes Thema. Ich dachte, als MS-Erkrankte komme ich für eine Organspende überhaupt nicht in Frage. Gut zu wissen, dass es nicht ausgeschlossen ist.