Melatonin und MS

Die Ergebnisse zu Melatonin und MS sind aus meiner Sicht vor allem deswegen interessant, weil sie uns vor Augen führen, wie komplex die Interaktion zwischen Umweltfaktoren und der Entstehung bzw. dem Verlauf der MS ist – und wie unrealistisch es ist, hier auf einfache Antworten zu hoffen. Ich sage dies vor allem mit Blick auf die Umsetzung der Erkenntnisse zu Vitamin D – hier wird ja teilweise der Eindruck erweckt, als seien alle unklaren Fragen zur Entstehung der MS gelöst, solange Vitamin D in hohen Mengen substituiert wird.
Nun also Melatonin. Melatonin ist ein Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert. Seine Bildung wird im Gehirn durch Licht gehemmt, bei Dunkelheit steigt die Sekretion von Melatonin demnach an. Das Hormon hat dadurch im menschlichen Körper eine Rolle als Zeitgeber. Aufgrund der Zusammenhänge zwischen Licht und Melatonin gibt es auch eine jahreszeitliche Veränderung der Melatoninspiegel – im Herbst und Winter finden sich demnach auch tagsüber höhere Melatoninspiegel als in Frühling und Sommer.


Argentinische Forscher haben im September 2015 in der renommierten Wissenschaftszeitung „Cell“ eine viel diskutierte Arbeit präsentiert, in der sie zeigen, dass die Schubrate ihres MS-Studienkollektivs negativ mit den gemessenen Melatoninspiegeln korreliert – d.h., die Schubrate war umso niedriger, je höhere  Melatoninspiegel gemessen wurden, was ja vor allem in den Herbst- und Wintermonaten der Fall ist. Demnach fand bei dem untersuchten Kollektiv dann auch eine niedrigere Krankheitsaktivität in den Herbst- und Wintermonaten statt.
Dieses Ergebnis ist vor dem Hintergrund der Vitamin-D-Hypothese verwirrend. Vitamin D wird ja durch Sonnenexposition gebildet – hohe Vitamin D Spiegel finden sich demnach v.a. in den Sommermonaten. Angesichts der Bedeutung, die Vitamin D derzeit beigemessen wird, fällt es schwer zu erklären, warum die argentinischen Forscher nun ausgerechnet eine vermehrte Krankheitsaktivität in diesen Monaten zeigen konnten.
Die Wissenschaftler begründen dies mit der Bedeutung von Melatonin für das Immunsystem. Mit ihrer Arbeit zeigen sie eindrucksvoll, wie mit Melatoninbehandlung die Krankheitsschwere im Tiermodell der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis abgemildert werden kann. Darüber hinaus legen sie dar, wie Melatonin agressive T-Zellen (so.g Th17 Zellen) blockiert und dafür regulatorischen Immunzellen, die zu einer Abmilderung der Immunreaktion führen, (sog. Treg-Zellen) vermehrt gebildet werden. Insgesamt gesehen eine sehr beeindruckende Arbeit, die für eine Rolle von Melatonin in der Krankheitsentstehung der MS spricht.
Was lehrt uns diese Arbeit? Diese Arbeit ist sicher kein Grund dafür, die MS ab jetzt mit Melatonin zu therapieren – davor warnen auch die Autoren dieser wichtigen Arbeit – denn bis dahin muss dieses Thema noch viel intensiver untersucht werden.  Ich bin mir aber fast sicher bin, dass auch diese Arbeit – ähnlich wie bei Vitamin D – durch bestimmte Interessengruppen überinterpretiert wird und der ein oder andere „Heiler“ die Gabe von Melatonin propagieren wird. In der Tat lehrt uns die Arbeit aber, dass der Zusammenhang zwischen Umwelt und Krankheitsentstehung komplex ist, dass viele Faktoren eine Rolle spielen und es keine einfache Lösung gibt – und damit auch keine allgemeingültigen Empfehlungen, wie man sich gegenüber Umwelteinflüssen verhalten soll. Also, bleiben sie entspannt….

 

6 Kommentare

  1. Ich nehme Vitamin D 500 iE täglich – auf jeden Fall im Winter, da ich mich im Sommer ausreichend versorgt fühle und ich im Winter das Gefühl habe, dass es mich ein wenig lebendiger macht.
    Bei mir ist es fast genau anders herum – der Winter ist aufgrund der Licht- und Temperaturverhältnisse meine „Leidenszeit“. Im Sommer ab mind. 26 Grad werde ich erst lebendig.
    Wann meine Schübe aufgetreten sind, lässt sich nicht wirklich feststellen, da diese ausnahmlos unbemerkt kamen und gingen. Nur im MRT war dann ein Herd mehr zu sehen.
    An Melatonin Substitution habe ich noch nicht gedacht, stehe dem aber eher vorsichtig gegenüber, wenn man mal die beschriebenen Wechselwirkungen bedenkt – und es gibt sicher noch mehr und andere Abhängigkeiten.

  2. Vielen Dank für Ihren Artikel.
    In dem Zusammenhang mit Melatonin finde ich interessant, dass bei mir die Krankheit das erste Mal aufgetreten ist, nachdem ich 6 Monate regelmäßig 4 Nachtdienste im Monat gemacht habe (manchmal auch mehr). Ich bin von Haus aus Krankenschwester (durch die MS musste ich mich umorientieren). Ich denke, dass schon der nicht geregelte Tagesablauf durch Früh- und Spätdienste für MS nicht vorteilhaft ist und Nachtfienste fördern das Ganze dann noch mal negativ.

  3. ja, sehr interessant. Ich nehme 800 iE Vitamin D3 pro Tag aufgrund der positiv nachgesagten Wirkung auf MS. Stelle aber eigentlich auch nur fest, dass es mir im Winter wesentlich besser geht als im Sommer. Nehme aber an, dass dies vor allem an der Temperatur bzw. der Sonnenstrahlung liegt. Ab 26 Grad geht bei mir nämlich fast nichts mehr. Und dies eben auch bei Sonnenbestrahlung. Auch wenn es sehr kühl ist (z.B. um 0 Grad), hat dies bei mir den gleichen negativen Effekt. Also Vitamin D via Sonne geht bei mir gar nicht…

  4. Da Sieht man mal wieder, wie alles zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflußt.
    Toller, interesanter Artikel.

    Vielleicht kommt es ja auch zu einer neuen Medikamentenentwicklung, bei der auch progiedente Formen profitieren. Siehe Dimethylfumarat, was ja auch nur durch Zufall entdeckt wurde.
    Vernetztes, übergreifendes Denken zahlt sich immer aus.

  5. Sehr geehrter Herr Professor,
    vielen Dank für ihre, schon fast voreilende, Meinung.
    Es gibt mir auf jeden Fall einen Einblick warum Vitamin D von den relevanten Ärzten mit Skepsis gesehen wird und es in der praktischen Behandlung noch keine ernste Relevanz hat. Es wird ja auf vielen Plattformen als Wundermittel propagiert. Man gewinnt beinahe den Eindruck wahnsinnig zu sein keine 20.000 IE und noch mehr in der Woche zu nehmen …

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