Lokalisation von Hirnläsionen

Bei der Diagnose und bei der Verlaufskontrolle der multiplen Sklerose spielt die Kernspintomographie eine wichtige Rolle. Die Bilder des Gehirns zeigen bei MS Patienten an unterschiedlichen Stellen entzündliche Läsionen, vor allem in der sogenannten weißen Substanz des Großhirns (häufig angeordnet um das Kammersystem des Nervenwassers = periventrikuläre Läsionen).In meiner Sprechstunde zeige ich den Patienten in der Regel auch ihre MRT-Bilder, damit sie einen Eindruck von ihrer entzündlichen Läsionslast bekommen. Manche Patienten sind dann durchaus überrascht über die „vielen weißen Flecken“. Häufig wird dann auch die Frage gestellt „was da genau betroffen und entzündet ist“ und „welche Funktionen des Gehirns durch die entzündlichen Herde betroffen sind.“ Das ist eine nachvollziehbare Frage, die aber praktisch gar nicht so einfach zu beantworten ist.

Funktion verschiedener Hirnareale

Es gibt im Gehirn Areale, deren Funktion recht gut definiert ist. Das Wissen um die Funktion hat die moderne Medizin u.a. aus den Untersuchungen von Schädel-Hirn-Trauma Patienten gewonnen, bei denen bestimmte Areale durch die Verletzung zerstört wurden. Dadurch konnten wichtige Erkenntnisse über die Funktion verschiedener Hirnareale gewonnen werden. So wissen wir beispielsweise, dass bei den Menschen die Sprache im linken Schläfenlappen verortet ist. Für das Sehen ist die Hirnrinde des Hinterhauptlappens verantwortlich. Und die Gedächtnisfunktion wird maßgeblich vom sog. Hippocampus im basalen Schläfenlappen gesteuert.

Man muss sich jedoch klarmachen, dass in der Praxis die individuelle Zuordnung von Funktionen zu bestimmten Hirnregionen sehr unterschiedlich sein kann. Das hängt mit der Plastizität des Gehirns zusammen. Ein beeindruckendes Beispiel für diese Plastizität sind Beispiele aus der kindlichen Epilepsiechirurgie, bei der zur Behandlung eines schweren Anfallsleidens Anteile des Gehirns entfernt werden. Ihre Funktion wird dann von den verbleibenden Hirnarealen übernommen und die Kinder können eine nahezu normale Entwicklung nehmen.

Entzündliche Läsionen im Gehirn

Aufgrund dieser plastischen Fähigkeiten ist es daher auch sinnvoller, das menschliche Gehirn nicht als Zusammenschluss von Modulen mit unterschiedlichen Aufgaben zu sehen. Sondern es vielmehr als komplexes Netzwerk zu betrachten, dass sich immer wieder neu verschalten kann, um seine Anforderungen wahrzunehmen. In der Kindheit funktioniert das besonders gut. Die Plastizität bleibt aber, wenn auch wesentlich geringer ausgeprägt, bis ins hohe Alter erhalten. Das ist auch ein Grund, dass auch im höheren Lebensalter eine Rehabilitation z.B. nach einem Schlaganfall sehr erfolgreich sein kann.

Aufgrund des komplexen Netzwerkes führt eine einzelne MS-Läsion im Gehirn daher eher seltener zu einem definierten Funktionsausfall. Das passiert i.d.R. dann, wenn ein absteigendes Bahnsystem direkt betroffen ist, oder die Läsion im Sehnerv lokalisiert ist. In einem solchen Fall führt die Entzündung dann zu merklichen Ausfällen, die der Betroffene dann als „klinischen MS-Schub“ erlebt.
In den meisten Fällen bleibt eine entzündlichen Läsion aber klinisch stumm (Verhältnis klinischer Schub : entzündlicher Läsion im MRT ca. 1 : 10), trägt aber in der Summer zum Schaden des gesamten Netzwerkes bei. In der Anfangsphase der Erkrankung kann dieser Netzwerkschaden zu einem gewissen Grad kompensiert werden.  Es ist aber durchaus plausibel, dass die klinische Entsprechung des Netzwerkschadens die von vielen Patienten berichtete Fatigue ist, also die abnorme Ermüdbarkeit. Es wird mehr Hirnleistung benötigt, um (trotz der Beeinträchtigung des Netzwerks Gehirn) die gleichen Aufgaben auszuführen wie eine nicht betroffene Person. Ausgehend von diesem Verständnis ist es also weniger die einzelne Läsion, die zu einer Funktionsstörung führt, sondern eher die Summe des Netzwerkschadens, die im Laufe der Erkrankung entsteht.

Entzündliche Läsionen im Rückenmark

Anders stellt sich die Situation bei entzündlichen Läsionen im Rückenmark dar. Im Rückenmark laufen viele Bahnsysteme, die für die motorische und sensible Funktion der Extremitäten wichtig sind, auf engstem Raum nebeneinander. Das Rückenmark ist sozusagen die Hauptversorgungsleitung, die das Gehirn mit dem übrigen Körper verbindet. Kommt es hier zu einer Entzündung, so hat dies meist unmittelbare Auswirkungen für die betroffene Person: Sie verspürt im Versorgungsgebiet unterhalb der entzündlichen Läsion Störungen wie Missempfindungen, Gefühlsstörungen, Koordinationsstörungen oder Lähmungen im Bereich der Extremitäten. Auch Blasen- und Mastdarmfunktion, sowie die Sexualfunktion können in Mitleidenschaft gezogen werden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass man Rückenmarksläsionen im Gegensatz zu Läsionen im Gehirn meistens recht eindeutig ein bestimmtes Ausfallmuster zuordnen kann.

Dieser Unterschied von Läsionen in Gehirn und im Rückenmark ist auch der Grund (ich hatte darauf schon häufiger hingewiesen), dass wir zur MRT-Routinekontrolle häufig nur das Gehirn heranziehen, da hier „stumme“ Läsionen, die keiner speziellen Ausfallsymptomatik zuzuordnen sind, wesentlich häufiger vorkommen.

3 Kommentare

  1. ich find es gut, dass MRT Bilder mit dem Patienten besprochen werden, das würde ich mir auch von meinem MS Arzt wünschen. Leider waren die letzten Arztgespräche telefonisch.
    Ich werde das Thema auf alle Fälle mal ansprechen.
    Ich habe eine Läsion im Bereich der Halswirbelsäule. Können neue Läsionen auch weiter unten im Rückenmark entstehen?

    Vielen Dank für die hilfreichen Informationen.

  2. Das heißt das es bei den erforderlichen Routine Untersuchungen auch notwendig ist das Rückenmark mit zu kontrollieren?
    Mein Arzt macht auch immer nur Kopf ?
    Sollte ich darauf hinweisen das Rückenmark mit zu untersuchen?
    Grüsse und über eine Rückmeldung wäre ich dankbar!

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