Wahrscheinlich werden derzeit die sozialen Netzwerke mit Halbwahrheiten zu Lithium geflutet. – Anders kann ich mir nicht erklären, warum mich in der letzten Zeit immer wieder Angehörige von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung nach einer Therapie mit niedrig-dosiertem Lithium zur Verbesserung der mentalen Gesundheit ihrer Lieben fragen. Nachdem zuletzt aber auch MS-Patienten mit der Frage an mich herangetreten sind, ob sie Lithium zur Verbesserung ihrer kognitiven Funktion einnehmen sollen, habe ich mich entschieden, etwas zu dieser Thematik zu schreiben.
Lithium ist ein elementares Alkalimetall, das aktuell eine große Bedeutung zur Herstellung von Batterieakkus besitzt. Lithiumsalze werden allerdings in der Medizin schon lange zur Behandlung von bipolaren Störungen und Depressionen eingesetzt und gelten hier als sehr effektive stimmungsstabilisierende Psychopharmaka, die u.a. nachweislich das Suizidrisiko senken. Das Problem ist allerdings, dass Lithiumpräparate eine sehr enge therapeutische Breite besitzen. Das bedeutet, es kann leicht zu Überdosierungen kommen, mit schwerwiegenden, u.U. sogar lebensbedrohlichen Folgen. Daher sollte die Lithium-Gabe eindeutig indiziert sein und unter Einnahme eine sorgfältige ärztliche Überwachung der Lithium-Serumspiegel stattfinden. Von einer Selbstmedikation ist daher auch dringend abzuraten.
Lithium ist schnell überdosiert
Warum ist das ein Thema? Nun, weil schon länger Forschungsergebnisse existieren, die zeigen, dass geringe Mengen Lithium positive Effekte auf die mentale Gesundheit haben. Lithium soll stimmungsstabilisierend, neuroprotektiv und vorbeugend gegen Depressionen und kognitiven Abbau wirken.
Passend dazu wurde im Herbst 2025 im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature eine Arbeit zur Rolle von endogenem Lithium publiziert, bei der die Forscher Lithium aus der Ernährung von Wildtyp- und Alzheimer-Mausmodellen entfernten. Eine Reduzierung des endogenen Lithiums um etwa 50 % führte zu einer deutlichen Zunahme der Ablagerung von Amyloid-β und der Akkumulation von Phospho-Tau sowie zu einer proinflammatorischen Mikroglia-Aktivierung, dem Verlust von Synapsen, Axonen und Myelin – also den pathologisch relevanten Merkmalen der Alzheimer-Erkrankung – und damit einhergehend, einem beschleunigten kognitiven Verfall. Eine Lithium-Ersatztherapie hingegen verhinderte die pathologischen Veränderungen und den Gedächtnisverlust in Alzheimer-Mausmodellen und alternden Wildtyp-Mäusen. Diese Ergebnisse deuten damit in der Tat darauf hin, dass eine Störung der Lithium-Homöostase ein frühes Ereignis in der Pathogenese der Alzheimer-Krankheit sein könnte und die Substitution von Lithium ein potenzieller Ansatz zur Prävention sein könnte (Aron et al. Lithium deficiency and the onset of Alzheimer’s disease. Nature 2025 Sep;645(8081):712-721).
Bei aller Begeisterung ist zu bedenken, dass es sich hier „nur“ um eine Forschungsarbeit im Tiermodell handelt, deren Ergebnisse nicht zwanglos auf den Menschen zu übertragen sind. Dennoch ist diese Arbeit definitiv ein Pro-Argument für die schon länger existierende Diskussion darüber, ob Lithium ggf. ein sinnvoller Nahrungszusatz sein könnte, vergleichbar mit dem Zusatz von Jod im Speisesalz.
Leider ist es aber so, dass dieser noch nicht abgeschlossene wissenschaftliche Diskurs wie so häufig durch irgendwelche selbsternannten „Experten“ gekapert wird, die behaupten Lithium sei die Lösung aller Gesundheitsprobleme und ein Komplott der Pharma-Industrie würde verhindern, dass Patienten Zugriff auf dieses wirksame Konzept bekommen.
Besser: Nüsse und Hülsenfrüchte essen
Gleichzeitig werden dann – wie könnte es anders sein – über den Online-Versandhandel irgendwelche mit Lithium angereicherten Präparate angepriesen – natürlich nur aus reiner Menschenfreundlichkeit.
Tatsache ist: Die evidenzbasierte Medizin beschäftigt sich intensiv mit dieser Thematik, aber wissenschaftliche Erkenntnis ist ein langsamer Prozess. Ich bin mir sicher, dass wir in absehbarer Zeit Klarheit haben und dann auch eindeutige Empfehlungen zur Rolle von Lithium für die mentale Gesundheit machen können. Bis dahin lautet aber die Empfehlung, Finger weg von irgendwelchen dubiosen Selbstmedikationen. Wer dennoch „nichts verpassen“ möchte, dem seien eher Lithium-haltige Lebensmittel (z.B. Nüsse und Hülsenfrüchte) oder Lithium-haltiges Mineralwasser empfohlen – das gibt es zu normalen Preisen im Einzelhandel.






