Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Alemtuzumab_2

Lemtrada

Seit mehr als einem Jahr ist der monoklonale Antikörper Lemtrada® (Alemtuzumab) in Deutschland zur Behandlung der schubförmigen MS zugelassen. Obwohl es sich den Studiendaten nach um eine sehr wirkungsvolle MS-Therapie handelt, ist das Medikament immer noch eine recht unbekannte Substanz.Warum ist dem so? Die Wirksamkeitsdaten von Lemtrada® sind aus meiner Sicht überzeugend. Im Vergleich zu Rebif® wurde v.a. bei therapieerfahrenen Patienten eine signifikante Senkung der Schubrate erzielt und die Behinderungsprogression bei mehr als zwei Dritteln der Patienten mittlerweile über einen Beobachtungszeitraum von 4 Jahren signifikant verzögert. Bei ca. einem Drittel der Patienten hat man sogar eine anhaltende Verbesserung des Behinderungsgrades gefunden.

Das könnte mit dem besonderen Wirkungsmechanismus von Lemtrada® zusammenhängen. Der Antikörper führt zu einer langanhaltenden Zerstörung von Immunzellen – insbesondere von T-Zellen, die ja in der Krankheitsentstehung der MS eine wichtige Rolle spielen. Man stellt sich vor, dass das Immunsystem, wenn es sich wieder erholt – wir sprechen von Rekonstitution – evtl. auf ein anderes Level zurückkehrt und weniger aggressiv agiert. Diese Hypothese ist zwar noch nicht bewiesen, aber eine Hoffnung, dass durch das Medikament die Erkrankung langanhaltend beeinflusst werden kann. Voraussetzung dafür ist, man steigt früh genug ein.

Trotz dieser interessanten Überlegungen haben viele Ärzte und Patienten Lemtrada® als Therapieoption – insbesondere für aktivere Krankheitsverläufe  – nicht auf dem Schirm oder wollen es nicht auf dem Schirm haben. Das mag damit zu tun haben, dass für Lemtrada® ausgedehnte Nebenwirkungen kommuniziert werden. Das fängt an mit Infusionreaktionen, die grundsätzlich erwartet werden, einer vermehrten Infektionsneigung, die viele Patienten ängstigt, und dem Auftreten von Autoimmunerkrankungen v.a. der Schilddrüse und des blutbildenden Systems, die ebenfalls die Sorge vor dem Medikament erhöhen – nicht selten hört man den Begriff „Teufelszeug“.

Ich sehe das entspannter und bin letztlich froh, dass mit Lemtrada® eine weitere Option verfügbar ist, um aktive Krankheitsverläufe effektiv zu behandeln. Natürlich gibt es in dieser Kategorie der sehr wirksamen Medikamente „nichts umsonst“. Aber die realen Nebenwirkungen sind letztlich durchaus berechenbar.

Die Infusionsreaktionen sind – entgegen der Berichte aus den klinischen Studien – eher mild und gut zu behandeln. Mit einer entsprechenden Vormedikation treten kaum Probleme auf.

In der Tat haben wir beobachtet, dass die Patienten 1 – 2 Monate nach der Infusion für Infekte anfälliger sind. Hier sollte man gut aufpassen, um den Heilungsprozess einer solchen Infektion ggf. zu unterstützen.

Die Autoimmunphänomene, die im Verlauf auftreten können, sind bei regelmäßiger Überwachung gut zu entdecken und können dann auch behandelt werden. Voraussetzung ist aber, dass sich Arzt und Patient strikt an die Monitoring Vorgaben halten.

Anmerkung: Informationen über die Wirkweise von Alemtuzumab finden Sie unter www.amsel.de/multimedia/MS behandeln.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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16 Kommentare zu “Lemtrada

  1. „Man stellt sich vor, dass das Immunsystem, wenn es sich wieder erholt – wir sprechen von Rekonstitution – evtl. auf ein anderes Level zurückkehrt und weniger aggressiv agiert. Diese Hypothese ist zwar noch nicht bewiesen, aber eine Hoffnung, dass durch das Medikament die Erkrankung langanhaltend beeinflusst werden kann. “

    – Mit Verlaub, Sie labern, wie alle anderen Unwissenden auch.

  2. 50 Jahre, männlich, MS seit 2000. – Parese Beine, Parästhesien; Blase, Darm, GdB 100. – Nach den Gilenya und Tecfidera (beide wegen Wirkungslosigkeit abgesetzt) im Herbst 2015 Lemtrada). – Mittelstarke allergische Reaktionen während der Infusionstage; danach wieder ok. Seit Gabe kein Schub (vorher 3-4 Schübe p.a.); seit Mai 2016 Verbesserung des Gesamtzustandes, seit Juli deutliche Verbesserung! Der Zustand vor Lemtrada war Gehen ca. 70 m ohne Gehhilfe bis Erschöpfung; inzwischen an guten Tagen 600 Meter. Tagsüber inzwischen keine Fatigue mehr. – Mir hat Lemtrada geholfen, und ich freue michgewaltig, noch einmal ein Stück körperlich aktivere Teilhabe am Leben bekommen zu haben. Zumindest eine Zeitlang, wie es weiter geht, werde ich erleben. –

    1. Hallo Rainer kenne dieses Medikament
      Nicht jedoch der selbe Wirkstoff und auch Infusion wie Tysabri Hmmm was ist denn an Lemtrada anferst? Ich hatte jetzt Ei Jahr Phonetik mit tecfideta usw. Alles Hölle ich
      Möchte zu Tysabri zurück
      Doch jetzt hat’s mein Körper evtl Antikörper gebildet , man
      Will mit jetzt das neue Zeugs Maziliumab verabreichen , doch
      Das überzeugt mich in keinster Weise …, was soll
      Ich tun
      Weis jemand Rat?? Liebe Grüsse aus der Schweiz. Miri

    2. Hallo Rainer,
      ich habe noch eineige Fragen zur Einnahme von Lemtrada. Können Sie mich bitte über meine Mailadresse kontaktieren.
      LG
      Frank

  3. Nachdem bei mir sämtliche MS Therapien über die Jahre (erkrankt 2000), versagt oder nicht mehr gewirkt haben, war für mich Lemtrada die richtige Entscheidung!
    Ich konnte wählen Rollstuhl oder Lemtrada. Jetzt gehe ich wieder ohne Stock und meine kognitiven Probleme sind auch besser geworden.
    Was in 5 Jahren ist kann mir niemand sagen, aber das weiß auch keiner bei diesem Krankheitsbild bzw. Verlauf.
    Ich denke jeder sollte das für sich selbst entscheiden, denn wenn man nicht betroffen ist ist es leicht ein Urteil zu fällen!

    1. Guten Abend,
      Meine Tochter und ich haben beide MS. Nun steht meine Tochter vor der Entscheidung mit Lemtrata.Können Sie mir bitte sagen, ob Sie Nebenwirkungen hatten und wie schnell diese wieder zurückgegangen sind. Meine Tochter hat auch die Wahl zwischen Pest und Colera.
      Vielen Dank im Voraus
      Ilona Frehse

    2. Hallo,
      meine Name ist Dany und ich habe letzte Woche Lemtrada angefangen. Nun ist meine Frage, ob sie auch darüber informiert sind, damit man mindestens 1/2Jahr auf einiges in der Ernährung meiden sollen. Können sie mir da irgendwie weiterhelfen?
      Vielen Dank im Voraus.

  4. Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Professor Mäurer, sehe ich die in meinen Augen leichtfertige Verschreibungspraxis von Lemtrada nicht besonders entspannt:
    Wieso wird bereits neu Diagnostizierten, leicht Betroffenen diese neue Therapie mit unvorhersagbarem Langzeitnebenwirkungsprofil verschrieben? Ich als Neuorloge hätte da einen ziemlich unruhigen Nachtschlaf.
    Es bleibt dabei: immer neue MS-Therapien kommen (allzu)schnell auf den Markt. Zur Erforschung der Langzeitnebenwirkugen gibt es dann ja uns MS-Kranke. Leider bekommen wir noch nicht mal Geld bei diesen Versuchen, sondern im Gegenteil, die Krankenkassen müssen auch noch Unsummen an die Hersteller überweisen.
    Da kann ich nur sagen: Ohne mich!
    Abgesehen davon bin ich froh, einen entschieden kritischeren Neurologen zu haben als Sie.

  5. Irgendwie kommt mir der Blog wie eine widerliche Verherrlichung der nur mäßig erfolgreichen Medikamente vor. Sie müssen die Nebenwirkungen nicht mal ertragen und schon gar nicht die zusätzlichen Medikamente.

    Das ekelige Cortison vorweg ist schon Grund genug um einen sehr großen Bogen um Lemtrada zu machen. Die dadurch entstehenden Nebenwirkungen sind für sich schon genug, wenn dann Neurologen nicht mal der Kaliumspiegel interessiert, wird es zur unnötigen Quälerei und hat nichts mehr mit einer guten Behandlung gemeinsam.

  6. Es gab zwei große Zulassungsstudien zu Lemtrada, MS CARE I und MS CARE II. MS CARE I testete vorher unbehandelte Patienten im Vergleich zu Rebif®, MS CARE II testete Patienten, deren Vortherapie (also meist auch ein Interferon) versagt hatte, ebenfalls gegen Rebif®.

    Liest man ohne weitere Informationen die Veröffentlichungen der CARE I und II Studien, bekommt man einen ganz guten Eindruck von dem Präparat, so wie Sie es hier auch geschildert haben. Aber es gibt da doch noch einiges mehr zu wissen.

    Als erste Arzneimittelbehörde hat die EMA, die europäische Arzneimittelbehörde, Lemtrada® in Europa zu gelassen, sogar zur Frühtherapie. Die FDA, die amerikanische Arzneimittelbehörde, hat sich da sehr viel schwerer getan, nachdem Fachleute im Auftrag der FDA einen über 300 Seiten starken Bericht abgeliefert hatten, der gravierende Mängel im Studienaufbau fand und auch deutlich stärkere Hinweise auf Therapiefolgen, als sie in den beiden Veröffentlichungen beschrieben wurden.

    Jetzt ist es völlig korrekt zu argumentieren, dass größere Risiken für Betroffene mit schwerer klinischer MS-Verlaufsform zu tragen sind, wenn der Nutzen dies rechtfertigt. Allerdings fanden die Fachleute der FDA gerade heraus, dass im Studienaufbau so große Schwächen lagen, dass mit den vorliegenden Daten es gar nicht möglich war, einen überlegenen Nutzen nachzuweisen.

    Um das zu verdeutlichen, möchte ich exemplarisch auf die gewählte Vergleichsgruppe eingehen, die mit Rebif® behandelt wurde. Für vorher unbehandelte Patienten ist das ein adäquater Vergleich. Aber Patienten, die unter einem Interferonpräparat schon vorher keinen Nutzen hatten, werden diesen voraussichtlich auch nicht in der MS CARE II-Studie haben, wenn sie erneut mit der gleichen Substanzgruppe weiter behandelt werden. Es ist ein alter Trick, die Vergleichsgruppe ungenügend zu therapieren, wenn man wünscht, dass das Studienpräparat besonders gut abschneidet. Fair wäre ein Vergleich mit einer Substanz gewesen, die zur Therapie von hochaktiven Verläufen eingesetzt wird, also z.B. Tysabri.

    Erschwerend kommt hinzu, dass die Studien nicht verblindet waren, die Patienten und die Ärzte also wussten, was wer bekam, und eine große Erwartungshaltung an das neue Präparat bestand, während Patienten, die Rebif® bekamen, voraussichtlich eher enttäuscht waren und eine negative Erwartungshaltung hatten. So etwas kann die klinische Symptomatik der MS und damit das Studienergebnis schon beeinflussen.

    Wenn die EMA und mittlerweile auch die FDA das Mittel zugelassen haben, damit eine potentiell wirkungsvolle Substanz Betroffenen nicht gänzlich vorenthalten wird, aber die angenommen große Wirksamkeit nicht wirklich solide belegt ist, dann ist das eine Verpflichtung für die klinisch forschenden Neurologen, eigene, Hersteller-unabhängige Studien zur Indikationsstellung, zum Nutzen und zum Nebenwirkungsspektrum durchzuführen. Seit dem „Edikt von Salerno“ durch Friedrich Barbarossa ist die Herstellung und Abgabe von Arzneimitteln durch Apotheker streng von der Ausübung der Heilkunst durch Ärzte getrennt, und das aus gutem Grund.

    1. Liebe Jutta,
      vielen Dank für diesen Beitrag und dein Engagement!!! Es ist wirklich schade, dass nicht noch mehr Ärzte ein solches Engagement, wie deinen, unterstützen. Die MSler haben leider keine pharmaneutrale Lobby, die einer solchen dringend notwendigen Aufklärung zu Studiendaten solcher risikoreichen Medikamenten leisten kann. Alle Medikamenten-Brochüren lesen sich mit einem bitteren Beigeschmack wie etwa einer Fernsehwerbung. Deine Beiträge lese ich immer sehr gerne und finde sie immens hilfreich für den Allgemeinverständnis der Materie.
      Danke!

  7. „Warum ist das so?“
    Vielleicht weil es ein monoklonale Antikörper ist und viele Entscheider (Patienten/Mediziner) auf die ersten PML-Fälle warten.

    Schönes Wochenende.

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