Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Irrtum: MS ist nicht Muskelschwund

Das regt mich immer ziemlich auf – wenn selbst renommierte Magazine oder Fernsehsender MS mit Muskelschwund „übersetzen“. Trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit durch Organisationen (wie die AMSEL) hält sich der Irrtum, MS hätte „…irgendwas mit Muskelschwund“ zu tun, ziemlich hartnäckig. Nicht selten kommt es auch bei MS Patienten zu diesem Irrtum, insbesondere, wenn sie erst seit kurzem erkrankt sind und schlecht über die Erkrankung informiert.Daher sei hier noch einmal eindeutig festgehalten – MS ist nicht Muskelschwund. MS ist keine Erkrankung der Muskulatur oder des Bewegungsapparates. MS steht für Multiple Sklerose – was wörtlich übersetzt „vielfältige Verhärtung“ bedeutet und den Zustand beschreibt, dass man im Gehirn von MS Patienten – als Folge einer chronischen Entzündung – eine Vielzahl von Narben findet, die eine härtere Konsistenz aufweisen, als das umliegende (nicht betroffene) Hirngewebe. Multiple Sklerose beruht somit auf einer chronischen Entzündung des Gehirns und des Rückenmarks, was wir zusammengefasst auch als zentrales Nervensystem – kurz ZNS – bezeichnen. In der Neurologie existiert noch die Alternativbezeichnung „Enzephalomyelitis disseminata (unter Ärzten als E.d. abgekürzt)“ – was übersetzt „verstreute Hirn- und Rückenmarksentzündung“ bedeutet und damit genau das beschreibt, was die Erkrankung ausmacht.

Die motorischen Probleme, die MS Patienten zeigen und die zu einer Einschränkung der Mobilität führen, werden häufig von medizinischen Laien als eine Störung der Muskulatur bewertet; Muskeln sind ja nun mal nach landläufiger Meinung für die Bewegung zuständig. Die Muskulatur von MS Patienten ist aber in der Regel völlig gesund, das Problem liegt vielmehr bei der Steuerung der Muskulatur. Man kann das mit einem modernen Auto vergleichen (auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt): Auch wenn der Motor vollständig in Ordnung ist, kann man auf der Straße liegen bleiben, wenn irgendein komplexes elektronisches Bauteil defekt ist. Das zentrale Nervensystem ist wie eine komplexe elektronische Steuerung . Wenn hier ein entzündlicher Defekt liegt, kann sich das unter anderem auf die Kraft (Motor), die Spannung und die Koordination der Extremitäten auswirken und so die Mobilität beeinträchtigen.

Nun sieht man nicht selten, dass bei MS Patienten die Muskelmasse an den betroffenen Extremitäten tatsächlich etwas reduziert ist. Man kann also doch einen leichten „Schwund“ der Muskulatur feststellen. Dies ist aber eher darauf zurückzuführen, dass die Muskeln aufgrund der Funktionsstörung der Extremität weniger benutzt werden. Und wenn man die Muskeln nicht benutzt, dann geht es ziemlich schnell, dass die Muskelmasse deutlich abnimmt. Das ist aber kein Zeichen dafür, dass der Muskel krank wird, er wird lediglich dünner, weil er weniger leisten muss. Theoretisch können MS Patienten daher einen Muskel an einen gelähmten Extremität wieder auftrainieren, wenn sie gezielt rehabilitiert werden.

Vielleicht wird damit auch besser verständlich, warum es so wichtig ist, dass man auch eine gelähmte Extremität gezielt beübt und wenn immer möglich benutzt. Andernfalls wird nämlich ein Teufelskreis angestoßen: die verminderte Steuerungsfähigkeit durch die Entzündung im ZNS führt zu einer Abnahme der Bewegungsfähigkeit, die Extremität wird dadurch weniger bewegt, es kommt zum Verlust von Muskelmasse und dadurch zu einer weiteren Verstärkung der motorischen Störung usw.

Was ist nun aber ein „Muskelschwund“, das soll noch kurz beantwortet werden. Dies ist letztlich eine alte, laienmedizinische Bezeichnung für (relativ) seltene Erkrankungen der Muskulatur oder der Nervenstränge, die die Muskeln versorgen (das sog. Periphere Nervensystem, PNS). Bei solchen Erkrankungen kommt es sehr rasch und sehr ausgeprägt zu einem Verlust von Muskelmasse, der um ein Vielfaches dramatischer ist als der leichte Abbau der Muskulatur durch Inaktivität bei MS Patienten. In ganz schweren Fällen verschwindet die Muskulatur komplett, der Erkrankte ist dann wirklich nur noch „Haut und Knochen“. Im Gegensatz zur MS hilft auch körperlicher Training bei diesen Erkrankungen eher weniger, weil die Muskulatur bzw. der dazugehörige Nerv krank sind. Eine mittlerweile etwas bekanntere Erkrankung, die zu „Muskelschwund“ führt, ist die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) – also die Erkrankung, wegen der sich viele Prominente im letzten Jahr Eiskübel über den Kopf gegossen haben.

 

 

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

7 Kommentare zu “Irrtum: MS ist nicht Muskelschwund

  1. Eine Freundin von mir hat Muskelschwund. Der Herd sitzt in der Wade. MS ist nicht die einzige chronische, irreversible Krankheit. Danke für diese Betonung!!
    Auch wenn in der Öffentlichkeit nicht mehr so oft von „Muskelschwund“ die Rede ist, fällt Laien die Vorstellung schwer, dass *Nerven* die Motorik einschränken. Ich war lange Zeit im Karate-Verein und musste dies meinen Karate-Trainern immer und immer wieder erklären. „Aber der X macht das auch wieder nach seiner Meniscus-Operation.“ Es ist auch eine Frage der Bildung der Gesprächspartner. Und wieder einmal bin ich froh, wenn ich neue Sätze kennenlerne, womit ich diesen Gesprächspartnern den Unterschied erklären kann. Also: vielen Dank für diesen Beitrag.

    1. seit ich 13 Jahre alt bin habe ich die Krankheit Muskelschwund in den Beinen nicht o einfach aber ich lasse mich nicht unter kriegen ich bewege mich sehr viel auch wenn ich an den Rechts und Links Orthopädische Schienen mit Schuhe brauche zum laufen bin ich sehr froh und dankbar das es noch so geht auch wenn es manchmal gar nicht einfach ist habe ich das grosse glück so ein lieber Schatz zu haben wo immer zu mir steht
      und immer sagt wir beide schaffen das schon und das ist so viel wert und macht die Krankheit erträglicher

  2. Prof. Mäurer,
    ich bin da voll und ganz bei Ihnen. Habe in meinem Blog auch schon über dieses verdrehte Weltbild berichtet.
    Aufklärungsarbeit hört hier nie auf. Halten Sie durch.
    Ich finde die Zielgruppe die Sie mit diesem Beitrag erreichen möchten, liegt nicht bei den MS´lern selbst sondern vor allem bei deren Freunde, Bekannte und vielleicht entfernte Verwandte die sich gern informieren möchten!
    Machen Sie auf jeden Fall weiter so…

  3. Sehr gute Beschreibung, danke Herr Professor.

    Endlich mal eine Stelle im Internet auf die man verweisen kann wenn genau diese blöde Frage kommt bzw. wenn wieder jemand MS und Muskelschwund mischt.

    MfG,
    Faxe

  4. Sehr geehrter Herr Dr. Mäurer,

    ob die Öffentlichkeit MS fälschlicherweise mit Muskelschwund übersetzt, ist mir nicht so wichtig. Ein Nachschauen bei Wikipedia genügt, um diesen Irrtum auszuräumen.

    Viel schlimmer finde ich es, dass die Medien allzu gerne das Bild vom willensstarken MS-Patienten verbreiten, der dank seiner Kämpfernatur und den ach so tollen Medikamenten noch Marathon läuft oder Berge besteigt. Wie es diesen Patienten dann zehn Jahre später geht, wird natürlich nicht mehr berichtet.

    Wenn Sie in der Öffentlichkeit konsequent klarstellen würden, dass weder ein starker Wille noch die bisher verfügbaren Medikamente vor einer langfristigen Behinderungsprogression schützen, wäre uns MS-Kranken deutlich mehr geholfen. Wir sind nämlich weder faul noch blöd.

    1. Danke dir…..gebe dir zu 100% Recht.Auch ich bins Leid diese ewigen dummen Gute Laune Sprüche ala : Pipeline,wird schon,Forschung,bahnbrechend etc etc zu lesen. Ich kämpfe auch so lange ich kann….
      Das Dumme ist nur: Mit der MS kann sehr wohl später der Muskelschwund beginnen.Aber wie Du schon sagtest : Das Positve wird verbreitet medial, das negative nicht……..aber genau das kommt früher oder später,leider……….
      http://www.ralfzioerjen.eu/18.html
      Bleib gesund…………..so langs nur geht
      Ralf

  5. Sehr geehrter Herr Prof. Mäuer,

    Ich habe viel überlegt und muss sagen, es gelingt mir nicht, die von Ihnen anvisierte Zielgruppe für Ihre Beiträge auszumachen.

    Ich glaube, dass hier am ehesten MS – Betroffene selbst lesen. Und diese haben ihre Diagnose von einem Facharzt erhalten. Sollte dieser auch noch so mangelhaft arbeiten glaube ich kaum, dass er seinen Patienten so schlecht aufklärt, dass dieser nun froh ist, mit Ihrer o. g. Darstellung endlich aufgeklärt zu werden.

    Es geht mir nicht darum, Sie vorzuführen oder anzugreifen! Ich hatte mich nur wirklich gefreut über die lange überfällige Bereitschaft eines Facharztes für Neurologie, mit uns Betroffenen in einen konstruktiven Dialog zu treten. Bzw. dass wir von Ihnen Beiträge lesen, die im Idealfall zu den div. Medikamenten Stellung nimmt bzw. sich für unsere jahrelange Erfahrung mit der Erkrankung interessiert.

    Dass diese Chance in meinen Augen schon wieder vertan wird, stimmt mich persönlich hoffnungslos und traurig. Gewinnt nicht gerade auch ein Arzt über die Kommunikation mit Patienten? Hier verfestigt sich nun der Eindruck derer, die sich bei ihrem Neurologen nicht ernst genommen fühlen, erneut. Und das ist so schade. Ich bin mir sicher, wir könnten gemeinsam etwas bewegen. Wenn beide Seiten diese Aufgabe mit Leidenschaft angehen würden. Aber ich habe das Gefühl, die Ihrige verebbt schon vor dem Startschuss.

    Wie jammerschade das ist.

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