Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Medikamente

Infektabwehr und Immuntherapie

Viele MS-Erkrankte, die ein immunmodulatorisches Medikament erhalten, machen sich im Moment Sorgen, ob sie durch eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus SARS CoV2 besonders gefährdet sind und mit einem schweren Verlauf der Infektion rechnen müssen.

Diese Sorge kann ich zwar nachvollziehen, ist aber oft nicht rational begründet. Ich bleibe bei der schon vor zwei Wochen an dieser Stelle gemachten Aussage, dass MS-Erkrankte, so lange sie keine speziellen Risikofaktoren haben wie höheres Lebensalter und/oder bestimmte Grunderkrankungen (chronische Herz- oder Lungenerkrankungen, Tumorleiden, schwerer Diabetes etc.), kein höheres Risiko für schwere Verläufe von COVID 19 haben als die Allgemeinbevölkerung – und zwar egal ob behandelt oder unbehandelt.

Ich hatte es im letzten Beitrag schon erwähnt – mit den MS-Immuntherapien versuchen wir die Überreaktion des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen zu bremsen. Oberste Priorität ist dabei die normale Funktion des Immunsystems nicht grundlegend zu beeinträchtigen. Es ist also mitnichten so, dass das Immunsystem „platt gemacht wird“ und behandelte MS-Patienten „immunsupprimiert“ sind, so wie ich es immer wieder in Chats und Anfragen zu hören bekomme. Natürlich kann man bei einer solchen Behandlung nicht jedes Restrisiko ausschließen, aber das gilt generell für die Auseinandersetzung mit Krankheitserregern und nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie. Erste Erfahrungsberichte – vorwiegend aus Italien und Spanien – lassen zudem darauf schließen, dass die mit unterschiedlichen Präparaten behandelten MS-Patienten mit COVID 19 recht gut zurechtkommen – wie z.B. auf Twitter #mscovid19 nachzulesen ist.

Daher sollte weitgehender Konsens darüber bestehen, dass Patienten mit Multipler Sklerose ihre Medikation trotz der Pandemie weiter regelmäßig anwenden und keinesfalls die Präparate ohne Rücksprache mit einem erfahrenen Arzt absetzen. Es darf nicht vergessen werden, dass die Corona-Krise irgendwann vorbei sein wird, im Gegensatz zur Multiplen Sklerose und den Konsequenzen einer unzureichenden Behandlung. Unter dem Gesichtspunkt einer Nutzen-Risiko-Bewertung ist es nicht sinnvoll, eine notwendige Therapie auszusetzen, um das theoretische Risiko einer Infektionserkrankung zu reduzieren, die in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gutartig verläuft.

Bitte denken sie daran, die aktuellen Maßnahmen – die wahrscheinlich für viele gespenstisch wirken und psychisch schwer zu ertragen sind – sind nicht implementiert worden, weil das neue Corona-Virus so gefährlich ist, sondern sie zielen auf den Schutz der Gesellschaft ab und haben das Ziel, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechtzuerhalten, damit jeder, der es wirklich braucht, auch die beste Versorgung bekommt.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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