Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Vortrag

Immuntherapie in Zeiten von COVID19 – Praktische Empfehlungen

Über die wichtigsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektion mit SARS-CoV 2, nämlich v.a. die Reduktion sozialer Kontakte hören Sie jeden Tag – ich denke, das ist mittlerweile bei jedem angekommen und Personen mit MS sollten sich wie jeder andere auch an die Vorgaben halten.

Darüber hinaus ist es wichtig – auch als MS-Patient – jetzt nicht in Panik zu verfallen. Das Corona-Virus ist kein „Killer-Virus“ – in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle kommt es zu einer gutartig verlaufenden Atemwegserkrankung, in seltenen Fällen können auch schwere Verläufe vorkommen. Diese schweren Verläufe, auch wenn sie prozentual selten sind, könnten aber numerisch, wenn sie relativ gleichzeitig auftreten, unser Gesundheitssystem überfordern – und dann hätten wir Verhältnisse wie in Italien, was wir unbedingt vermeiden müssen. Die Maßnahmen sind daher vor allem deswegen so drastisch, damit die medizinische Grundversorgung nicht zusammenbricht (denn auch in diesen Tagen bekommen Menschen Schlaganfälle, Herzinfarkte und haben Unfälle) und jeder Patient die optimale Behandlung bekommen kann, die er braucht. Dieses vorausschauende Vorgehen sollte auch Personen mit MS beruhigen.

Dementsprechend würde ich auch nochmals unterstreichen, dass bestehende MS-Therapien weitergeführt werden sollten. Ein unkritisches und selbstständiges Absetzen ist nicht ratsam. Es sollte auch jetzt ausreichend Zeit genommen werden, sich bei Unsicherheit und Sorge erst eine Fachexpertise einzuholen. Natürlich kann man ein Restrisiko der aktuellen MS-Therapien in Bezug auf Infektionen nicht ausschließen, aber das gilt nicht nur in Zeiten von Corona. Wenn die Ängste zu belastend sind, besteht auch immer die Möglichkeit, sich mit seinem Neurologen über alternative, vielleicht weniger angstbesetzte Therapien zu unterhalten, die dann überbrückend eingesetzt werden können. Also – suchen Sie in jedem Fall das Gespräch mit Ihrem Neurologen.

Bei Zell-depletierenden Therapien wie z.B. Ocrelizumab wird derzeit häufig angefragt, ob die anstehende Infusion verschoben werden könnte. Grundsätzlich ist eine Verschiebung um einige Wochen möglich und wird von uns in der jetzigen Phase auch angeboten – aber irgendwann muss trotzdem gehandelt werden. Denn zum einen wird die Wirkung der Medikation benötigt, zum anderen sollten wir auch einen Stau z.B,  zum Jahresende hin vermeiden, denn die Ambulanzen haben auch nur beschränkte Kapazitäten. Auch daran sollte man denken.

Wie sieht es mit Neueinstellungen aus? Auch hier sollten die Bedürfnisse von MS-Patienten nicht wegen SARS-CoV 2 ignoriert werden. Eine aktive MS sollte auch in diesen Zeiten rasch und konsequent einer Therapie zugeführt werden, auch wenn man sich bezüglich der Therapieauswahl sicher an den aktuellen Gegebenheiten orientieren sollte. Man kann ja später auch auf das „Wunschpräparat“ umstellen – in jedem Fall ist ein solches Vorgehen besser, als nichts zu tun. Wie gesagt, wir sollten weiterhin an unseren therapeutischen Grundsätzen festhalten.

Vielleicht noch eine Empfehlung zum Schluss: Vermeiden Sie einen Überkonsum von Nachrichten. Es wird derzeit sehr viel Information – teilweise auch unreflektiert – verbreitet. Leider versuchen manche Medien weiterhin, durch reißerische Schlagzeilen die Auflagen oder das Interesse zu steigern. Diese Nachrichtenflut macht Angst und führt nicht selten zu unguten Gedankenschleifen. Ich würde empfehlen, auf eine Strategie der 80-iger Jahre zurückzugreifen – schauen Sie um 20.00 Uhr die Tagesschau, da bekommen Sie alles, was Sie an Information zur Corona-Pandemie benötigen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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