Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Immunität gegen Viren – Stärkung des Immunsystems!?

Ich muss immer ein wenig schmunzeln, wenn ich in der Werbung höre, was alles die Abwehrkraft steigern soll oder fröhliche Menschen sehe, die sich Vitaminpräparate einflößen und dabei irgendwas von Stärkung des Immunsystems in die Kamera sprechen.

Ein System wie das Immunsystem, dass über Millionen Jahre in der Evolution geprägt wurde und absolut (über)lebenswichtig ist, lässt sich nicht durch einen Jogurt oder ein Vitaminpräparat „stärken“ – es ist in der Regel stark und exakt genug, sonst hätten wir im Kreislauf des Lebens mit all den Bakterien, Viren und Parasiten um uns herum nicht den Hauch einer Chance. Daher vergessen Sie den Werbemist …

Die einzige Maßnahme, mit der man dem Immunsystem sinnvoll „unter die Arme“ greifen kann, ist eine Impfung. Hier werden dem Immunsystem entweder ein abgeschwächter Krankheitserreger (Beispiel wäre der Masernimpfstoff, hier wird ein abgeschwächtes Masernvirus injiziert) oder Bestandteile eines Krankheitserregers (z.B Protein-Sequenzen des Viruskapsids oder der Virushülle) in Kombination mit einem sog. Adjuvans (einem Hilfsstoff, der das Immunsystem unspezifisch anregt) angeboten, mit dem Ziel, eine Antikörper-Bildung zu generieren. Gelingt dies, dann können Krankheitserreger direkt nach dem Eindringen in den menschlichen Körper neutralisiert werden und sind nicht mehr in der Lage Zellen zu infizieren (s. auch Beitrag zur adaptiven Immunität). Genauso so etwas hätten wir gerne gegen das neue Coronavirus – und daran wird auch fieberhaft gearbeitet.

Somit macht es keinen Sinn, sich in der aktuellen Situation mit der „Stärkung des Immunsystems“ aufzuhalten (daher kann man auch Werbebotschaften zu diesem Thema getrost ignorieren), sondern es ist sinnvoller, zu betrachten, was unsere Möglichkeiten, Krankheitserreger abzuwehren, beeinträchtigen kann.

In erster Linie ist das ein höheres Lebensalter – wie jedes andere „Organ“ altert auch das Immunsystem und verliert an Reaktionsfreudigkeit. Dieses Phänomen bezeichnet man als Immunoseneszenz. Bei älteren Menschen finden sowohl in der angeborenen als auch in der adaptiven Immunabwehr eine Reihe von Veränderungen statt, die zum Nachlassen der Funktionsfähigkeit des Immunsystems führen und damit zu einer Zunahme der infektionsbedingten Morbidität und Mortalität. Nun kann man gegen das Altern an sich nichts machen – aber ein gesundes Leben ist in jedem Fall nicht von Nachteil, denn der Zustand der angeborenen und der adaptiven Immunabwehr bei älteren Menschen korreliert direkt mit dem Gesundheitszustand.

Zu einem gesunden Leben, gehört u.a., dass man mit einem weiteren wichtigen Bestandteil der angeborenen Immunität gut umgeht – nämlich den epithelialen Barrieren, oder einfacher ausgedrückt der Haut und den Schleimhäuten. Eine Hauptschnittstelle zwischen der Umwelt und uns ist die Schleimhaut des Respirationstraktes, durch die das Corona-Virus in den Körper gelangt. Die Epitheloberfläche im Respirationstrakt ist eine wichtige physikalische Barriere zwischen Mikroben in der äußeren Umgebung und dem Wirtsgewebe. Die Barriereepithelien enthalten zudem bestimmte Arten von Lymphozyten, die bei der Wirtsabwehr eine Rolle spielen, indem sie Botenstoffe ausschütten, Fresszellen (Phagozyten) aktivieren und infizierte Zellen abtöten. Der Verlust der Integrität dieser Epithelschichten prädisponiert eine Person für Infektionen – das ist unter anderem ein großer Nachteil, den Raucher in Kauf nehmen müssen. Es ist daher wesentlich besser für ein intaktes Immunsystem, mit dem Rauchen aufzuhören, als zu einem Vitaminpräparat zu greifen.

Sport als wesentlicher Gesundheitsfaktor

Ein weiterer wesentlicher Gesundheitsfaktor ist Sport. Aus einer Studie an über 70-jährigen Frauen (Nieman DC et al. Med Sci Sports Exerc 1993) wissen wir, dass regelmäßiges körperliches Training die Funktionsfähigkeit natürlicher Killerzellen gegenüber denen einer inaktiven Kontrollgruppe signifikant steigert und dies mit weniger Infekten der oberen Luftwege einherging. Dementsprechend scheint auch körperliche Inaktivität unsere Infektanfälligkeit zu steigern. Auch aus diesem Grund hoffe ich, dass wir keine Ausgangssperren bekommen – denn das wäre aus meiner Sicht gesundheitlich eher kontraproduktiv. Also, lassen Sie uns alle daran arbeiten, dass es nicht so weit kommen muss.

Ein wichtiger Umstand, den man nicht beeinflussen kann, ist, wenn aus medizinischen Gründen eine Schwächung des Immunsystems in Kauf genommen werden muss – entweder weil man eine Grundkrankheit hat, die das Immunsystem direkt schädigt (z.B. Blutkrebs) oder weil man unter einer Krankheit leidet, die es notwendig macht, Medikamente einzunehmen, die das Immunsystem schädigen (z.B. Chemotherapie bei bestimmten Tumoren).

Und dann gibt es natürlich noch die vielen Menschen mit einer Autoimmunerkrankung, die Medikamente einnehmen, um ein „zu gut funktionierendes“ Immunsystem zu dämpfen. Auch hier kommen Medikamente zum Einsatz, die das Immunsystem unterdrücken und das macht viele Patienten mit Autoimmunerkrankungen derzeit nervös. Der Unterschied zu den o.g. Erkrankungen ist aber, dass wir versuchen, eine gute Balance zwischen Funktionsfähigkeit und Unterdrückung der Überfunktion/Autoimmunität zu erreicht – und in der Regel gelingt das auch und die Infektabwehr bleibt unbeeinträchtigt.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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