Das Varizella Zoster Virus – Bedeutung bei MS?!

Im Moment spielen Viren ja in unserem Leben eine große Rolle. Daher ist es vielleicht der richtige Zeitpunkt, sich einem anderen interessanten Virus zuzuwenden. Es spielt insbesondere bei MS Patienten, die (hochwirksam) immuntherapeutisch behandelt werden, eine deutlich wichtigere Rolle  als das Coronavirus: das Varizella Zoster Virus (Windpockenvirus).Das Virus, das den Herpes zoster (= Gürtelrose) verursacht, ist das Windpockenvirus. Sein Fachterminus lautet Varizella Zoster Virus (VZV). Das Varizella Zoster Virus gehört zur Gruppe der Herpesviren, wie u.a. auch das Herpes Simplex Virus Typ I (HSV I), der Erreger des „Lippenherpes“ oder das Epstein-Barr-Virus (EBV), der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers (infektiöse Mononukleose). Die Viren der Herpes Gruppe sind DNA-Viren, d.h. sie enthalten ihr Erbgut in Form einer Doppelstrang DNA (im Gegensatz zum Coronavirus, das ein RNA-Virus ist), und sind größer und komplexer aufgebaut als z.B. das uns mittlerweile allen gut bekannte SARS-CoV2.

Herpesviren sind lebenslange Begleiter

Herpesviren sind klinisch außerordentlich bedeutsam und können eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten hervorrufen. Gemeinsam ist ihnen die Reaktivierbarkeit aus der Latenz. D.h., alle Viren der Herpes Gruppe verbleiben trotz der Anwesenheit neutralisierender Antikörper und zytotoxischer T-Zellen lebenslang in unserem Organismus und können bei „Unachtsamkeit“ des Immunsystems reaktivieren und eine erneute Erkrankung hervorrufen. Während diese Reaktivierung bei immunkompetenten Personen meist lokal begrenzt ist, ist eine Reaktivierung bei Immundefezienz gefürchtet, weil in diesem Zusammenhang auch lebensbedrohliche Komplikationen entstehen können.

Die besonderen Eigenschaften von Herpesviren erklären, warum Varizella Zoster Viren bei Kindern zu einer Windpockenerkrankung führt, bei Erwachsenen, insbesondere in höherem Lebensalter, aber zu einer Gürtelrose (= Herpes zoster). Das Varizella Zoster Virus ist hochansteckend. In meiner Kindheit, als es noch keine Impfung dagegen gab, war es ziemlich wahrscheinlich, dass man sich als Kind mit Windpocken infizierte.  Wenn man Glück hatte, hatte man keine oder nur leichte Symptome. Wenn man Pech hatte, war der ganze Körper mit nässenden und juckenden Bläschen übersät. Ich hatte damals Pech…

Immunsystem kann Varizella Zoster Virus nicht eliminieren

Bei gesunden Kindern kommt das Immunsystem gut mit dem Virus zurecht. Es bilden sich zytotoxische T-Zellen und neutralisierende Antikörper und nach ca. zwei Wochen ist der ganze Spuk vorbei. Allerdings ist das Immunsystem, wie oben schon geschildert, nicht in der Lage, das Virus zu eliminieren. Unter dem Druck des Immunsystems zieht sich Varizella Zoster Virus lediglich zurück und persistiert (vom Immunsystem bewacht) vorzugsweise in den Zellen der sensiblen Spinalganglien.

Nach einer jahrelangen Ruhepause (Latenzphase) können unterschiedliche Faktoren, die das zelluläre Immunsystem beeinflussen, zu einer lokalen Reaktivierung führen. Diese lokale Reaktivierung ereignet sich in dem Spinalnerven-Segment, in dem das Varizella Zoster Virus „überwintert“ hat . Im betreffenden Hautareal kommt es zur Bildung von wasserklaren, gruppierten Bläschen, die im Verlauf verkrusten. Da es sich aber faktisch um eine Infektionserkrankung des Spinalnerven handelt, ist eine Gürtelrose stark schmerzhaft, manchmal über Monate und geht auch häufig mit systemischen Symptomen wie Fieber und Abgeschlagenheit einher. Im Übrigen können Erwachsene mit Gürtelrose noch nicht immune oder geimpfte Kinder anstecken, die dann an Windpocken erkranken können.

Risikofaktoren für verminderte Reaktionsfreudigkeit des Immunsystems

Risikofaktor für eine verminderte Reagibilität des zellulären Immunsystems ist in erster Linie ein höheres Lebensalter. Dann ist das Immunsystem generell nicht mehr so reaktionsfreudig. Aber auch Stress, starke Sonneneinstrahlung oder eine Auseinandersetzung mit einem anderen Erreger (z.B. ein Harnwegsinfekt) wirken auf das Immunsystem. Im Zusammenhang mit der MS sind es aber vor allem bestimmte MS-Medikamente, die die Reaktionsfreudigkeit des Immunsystems gegenüber dem  Varizella Zoster Virus beeinträchtigen können. Das sind weniger die moderat wirksamen Medikamente wie Interferone, Glatitrameracetat, Dimethylfumarat oder Terflunomid, sondern die eher hochwirksamen Substanzen wie Cladribin, Alemtuzumab und die S1P Modulatoren (Fingolimod,  Ozanimod, Siponimod. Also vor allem die MS-Medikamente, deren Wirkmechanismus auf T-Zellen abzielt. Bei B-Zell-depletierenden Therapien (Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumabwaren Herpes (Re)Infektionen hingegen kein größeres Problem. (Einen Überblick über aktuell verfügbare MS-Therapien, ihre Wirkweise und Nebenwirkungen bietet „Multiple Sklerose behandeln“.)

Varizella Zoster Virus-Status vor MS- Therapie mit hochwirksamen Wirkstoffen überprüfen

Aus genannten Gründen ist es daher extrem wichtig, insbesondere bei den genannten hochwirksamen MS-Therapien zu überprüfen, ob bereits eine Immunität gegenüber das Varizella Zoster Virus besteht, bzw. ob dagegen in der Kindheit geimpft wurde. Ist dies nicht der Fall, kann nicht vor Abschluss einer Impfung gegen das Varizella Zoster Virus mit der Therapie begonnen werden (cave: hier handelt es ich um einen Lebendimpfstoff). Darüber hinaus sollte man bei den MS-Therapien die Gürtelrose als Nebenwirkung auf dem Schirm haben. Bei Lemtrada gibt man direkt routinemäßig in den ersten Wochen nach Infusion eine Prophylaxe mit einem Virostatikum. Treten Herpesreaktivierungen gehäuft auf, muss das Absetzen des Präparates erwogen werden.

Aufgrund der Bedeutung von Herpes zoster als medizinische Komplikation im Alter und unter Immuntherapie ist es eine sehr positive Entwicklung, dass mittlerweile eine Impfung gegen Herpes Zoster (ein Totimpfstoff – nicht zu verwechseln mit der Impfung gegen das Varizella Zoster Virus für Kinder) verfügbar ist. Ich hatte hierüber bereits berichtet. Shingix (so der Handelsname des Impfstoffes) besitzt für Normalpersonen ab 60 Jahre und bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen ab 50 Jahren eine STIKO (Ständige Impfkommission)-Empfehlung, wird also von der Kasse übernommen. Der Impfstoff hat allerdings bereits eine behördliche Zulassung ab dem 18. Lebensjahr und ich hoffe stark, dass die STIKO ihre Entscheidung nochmals überdenkt und den Impfstoff auch für MS-Patienten und anderer chronisch Kranke ab 18 Jahren empfiehlt.

Dieser Blogbeitrag soll im übrigen auch darlegen, dass es nicht neu ist, MS-Therapien unter der Berücksichtigung von Viren zu planen – SARS-CoV2 ist nur ein weiterer Kandidat.

4 Kommentare

  1. Also ich habe Anfang März mit Ocrelizumab begonnen und soll im Herbst einen Zoster Booster bekommen. Weiß jedand was das ist? Hatte als Kind Windpocken.
    LG

  2. Sehr interessant! Vielen Dank Prof. Dr. Mäurer.
    Ich bin 62 Jahre alt, habe seit 1986 MS, spritze seit 1999 Rebif und habe alle paar Jahre eine Gürtelrose. Mein Hausarzt möchte mich allerdings nicht dagegen impfen. Mein Neurologe rät dazu. Zum Glück gelang es mir in den letzten Jahren, den Herpes Zoster immer schon frühzeitig selbst zu diagnostizieren und so rechtzeitig „im Keim zu ersticken“.
    Werde gelegentlich mal wieder meinen Hausarzt darauf ansprechen. Aber aktuell haben unsere Ärzte ja leider nichts anderes als Corona auf dem Schirm …
    LG DF

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