Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Diagnose MS

Habe ich nicht doch etwas ganz anderes …

Das ist eine häufige Frage, mit der insbesondere neu diagnostizierte Patienten zu uns ins Zentrum kommen. Die MS-Diagnose ist in der Regel ein ziemlicher Schock. Meist kommt sie auch ziemlich überraschend, denn die meisten Betroffenen sind bis zum Zeitpunkt der Diagnose ziemlich gesund gewesen. Da fällt es umso schwerer, eine Diagnose mit dieser Tragweite zu verarbeiten. Zur weiteren Verunsicherung trägt dann die Vielfalt der im Netz verfügbaren Informationen zur MS und möglichen Differentialdiagnosen bei – und nicht selten wird in Chatforen oder Blogs verschiedener Anbieter die Kompetenz von Neurologen angezweifelt und die Angst vor Fehldiagnosen geschürt. Im ungünstigsten Fall führt diese Verunsicherung zu Vermeidungsverhalten – man will es nicht wahrhaben und verfolgt die Vogel Strauß-Strategie. Viel besser ist es, bei Ängsten und Zweifeln hinsichtlich der Diagnose eine „zweite Meinung“ durch einen weiteren Experten einzuholen.

Was kommt denn aber eigentlich überhaupt alternativ in Frage? Patienten haben oft Sorgen, dass eine Infektionserkrankung übersehen wird. Zwar folgen die meisten Infektionserkrankungen des zentralen Nervensystems einer ganz anderen Kinetik und sind häufig viel schwerwiegender als ein MS-Schub, aber es gibt natürlich auch einige chronische Infektionen des ZNS, die einer MS ähneln können – hier ist z.B. die Neuroborreliose zu nennen (s. auch Blog Neuroborreliose). Hierzu lässt sich sagen, dass bei der Liquoruntersuchung („Nervenwasseruntersuchung“), die immer bei der Erstdiagnose einer MS durchgeführt werden sollte, routinemäßig auf Borrelien getestet wird. Darüber hinaus hinterlassen Borrelien eine ganz bestimmte Signatur im Liquor, die ein erfahrener Neurologe in der Regel nicht übersieht.

Weitere wichtigere Differentialdiagnosen sind andere Autoimmunerkrankungen bzw. Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, die bei einer Mitbeteiligung des zentralen Nervensystems ähnliche Symptome wie eine MS hervorrufen können. Hierzu zählen z.B. die (Neuro)Sarkoidose, der systemische Lupus erythematodes oder verschiedene Formen systemischer Vaskulitiden (Gefäßentzündungen) mit ZNS Beteiligung. Zuallererst muss festgehalten werden, dass diese Erkrankungen häufig viel unangenehmer und schwerwiegender verlaufen als eine MS und ihre medikamentöse Therapie, vor allem bei ZNS Beteiligung lange nicht so strukturiert und eindeutig ist wie die einer MS. Zum anderen handelt es sich bei den o.g. Erkrankungen um Systemerkrankungen, d.h. der Patient leider häufig noch unter Beteiligungen anderer Organe, wie der Haut, der Lunge oder der Niere. Darüber hinaus fallen diese Erkrankungen im Gegensatz zur MS häufig durch eine deutliche Reduktion des Allgemeinzustandes auf – also allgemeines Krankheitsgefühl, Fieber, Nachtschweiß. Trotz dieser (häufig eindeutigen) klinischen Unterschiede, wird routinemäßig auf diese Erkrankungen bei der Erstdiagnose einer MS gescreent. Wir bestimmen Autoantikörper, schauen uns die Funktion diverser Organe im Labor an und gehen – falls notwendig – Unklarheiten auf den Grund.

Manchmal werden Patienten mit der Differentialdiagnose einer sog. „primär zerebralen Vaskulitis des ZNS“ zugewiesen, einer sehr seltenen isolierten Gefäßentzündung des zentralen Nervensystems. Bei dieser Erkrankung findet man keine systemischen Hinweise auf die Erkrankung, sie betrifft wie die MS ausschließlich das zentrale Nervensystem. Es handelt sich hierbei aber in der Regel um eine sehr aggressive Erkrankung, die schwere neuropsychologische Defizite hervorruft und ohne konsequentes therapeutisches Einschreiten zu einer raschen Zerstörung des Hirngewebes führt – also eine ziemlich unwahrscheinliche Differentialdiagnose, wenn einem ein ansonsten gesunder junger Patient/in gegenüber sitzt, der strukturiert über seine Krankengeschichte berichtet.

Eine wichtige Differentialdiagnose ist ohne Zweifel die Neuromyelitis optica (NMO). Die NMO wurde in der Vergangenheit als Unterform der MS klassifiziert, sie gilt aber mittlerweile als eigenständige Erkrankung, die auch eine andere therapeutische Strategie erfordert. Daher ist die Abgrenzung von der MS aus praktischen Erwägungen wichtig. Kennzeichen der NMO ist in vielen Fällen das Vorhandensein von Anti-Aquaprorin-4 Antikörpern, die mittlerweile aber (zumindest in MS-Zentren) routinemäßig untersucht werden. Der NMO werde ich, aufgrund ihrer besonderen Bedeutung, noch einen eigenen Beitrag widmen.

Es lässt sich also festhalten, dass es zwar eine beträchtliche Anzahl möglicher Differentialdiagnosen gibt, diese sich aber mit einer strukturierten Abklärung in der Regel recht gut gegenüber einer MS abgrenzen lassen. Sollten dennoch Zweifel bestehen, so ist es sinnvoll eine „Zweitmeinung“ durch ein anderes MS-Zentrum einzuholen. Dies ist immer besser, als sich selbstständig vermeintliche Alternativen aus dem Internet zu suchen und therapeutische Irrwege einzuschlagen.

 

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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