Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Habe ich MS…?!

Ich vermute, dass auch einige Menschen meinen Blog lesen, die keine MS haben, aber Angst haben, an MS zu erkranken. In einer solchen Situation werden Seiten wie DocBlog benutzt, um sich über MS zu informieren. Daher möchte ich für diese Gruppe etwas schreiben, denn nicht wenige Menschen suchen eine neurologische Sprechstunde aus Angst und Verunsicherung auf.

Hinsichtlich der Angst, an einer MS zu erkranken, kann man sogar eine leicht steigende Tendenz feststellen. Das spiegelt zum Teil sogar eine ganz erfreuliche Entwicklung wieder – nämlich die, das durch die Präsenz der MS in den Medien und im Internet immer mehr Menschen etwas mit dem Begriff MS anfangen können und konkrete Vorstellungen haben, was bei einer MS passiert. Ein kleiner Wermutstropfen ist allerdings die Tatsache, dass durch die vermehrte öffentliche Wahrnehmung bei manchen Menschen diffuse Ängste geweckt werden, man könne selbst von dieser Erkrankung betroffen sein. Dazu kommt auch, dass zwar das Bild der MS in den Medien zunehmend realistischer gezeichnet wird, aber die Symptome einer MS häufig sehr unspezifisch dargestellt werden – ein diffuser Mix aus Sensibilitäts- und Befindlichkeitsstörungen, also eine Konstellation, die auch jeder Gesunde an sich selbst feststellen könnte, wenn er nur genau genug in sich hineinhört.

Als Arzt, der viele MS-Patienten behandelt, erlebe ich aber v.a. die Erstsymptome einer Multiplen Sklerose als relativ spezifisch. Häufig beginnt die Erkrankung ja mit einer Sehnervenentzündung oder Lähmungserscheinungen, also relativ spezifischen Konstellationen, die deutlich über ein „Kribbeln“ oder Störungen der Befindlichkeit hinaus gehen und meist auch in Untersuchungen als deutliche neurologische Störungen festgestellt werden können. Darüber hinaus sind echte Symptome eines MS Schubes auch anhaltend, mindestens über 24 Stunden, und dann häufig auch mit deutlich zunehmender Symptomschwere.

Hier ist sicherlich noch viel Aufklärungsarbeit in den Medien zu leisten – auch im Sinne der vielen verunsicherten Mensche, die manchmal total verängstigt bei uns in den Notaufnahmen der Kliniken auftauchen – häufig mit Lidzuckungen, oder intermittierend auftretenden Missempfindungen – harmlose Symptome, die sich aber durch eine gehörige Portion Angst zu einer schweren Beeinträchtigung aufbauen können.

Natürlich kümmern wir Neurologen uns auch gerne und gründlich um Menschen, die Ängste vor einer chronischen Erkrankung haben. Meist gelingt es hier auch durch Erklärungen und Reflexion die Ängste abzubauen. Ein schlechter Platz für diese Patienten ist aber in jedem Fall die Notaufnahme einer Klinik. Die Aufgabe einer Notaufnahme ist die Versorgung von Schwerkranken und die Identifizierung medizinisch gefährlicher Konstellationen – sicher nicht leistbar ist in diesem Umfeld ein einfühlsames Auseinandersetzen mit Ängsten und Sorgen eines Menschen. Häufig führt das auf beiden Seiten zu einer gehörigen Frustration, beim Patienten, weil er sich trotz großer Sorgen nicht ernst genommen fühlt, beim Arzt der Notaufnahme, weil er unter einer immensen Anspannung steht und letztlich einen ganz anderen Versorgungsauftrag hat.

Deswegen ist die beste Empfehlung in einer solchen „Angstsituation“, dass man bevor es überhaupt zu diesem überwältigenden Gefühl der Angst und Bedrohung vor einer chronischen Erkrankung kommt, bei seinem Hausarzt oder einem niedergelassenen Neurologen um Rat und Hilfe anfragt. Hier kann beruhigend eingewirkt werden, die notwendige Ausschlussdiagnostik in die Wege geleitet und v.a. einer vorschnellen Vorstellung in der Notfallambulanz einer Klinik entgegengewirkt werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der menschliche Körper immer wieder „komische Sensationen“ produziert. Je mehr man in sich hineinhört, desto mehr wird man entdecken – und Angst kann dann zu einem perfekten Verstärker werden. Und wie gesagt – im Zweifelsfall beim Neurologen nachfragen, dafür sind wir da.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

3 Kommentare zu “Habe ich MS…?!

  1. Ich bin ein Kind einer ms patientin und ich kenne die Angst davor, zu erkranken. Zumal bei meiner Mutter der Verlauf sehr schlimm ist und unsere Familie daran zerbrach..
    Auch ich hab mir schon diverse symotome eingebildet.
    Ich wusste zwar das diese symptome bei meiner Mutter mit nichts mehr sehen auf einem Auge anfing, aber ich wurde trotzdem bei jedem augenlied zucken wahnsinnig. War auch schon 2 mal beim neurologen . Alles normal… keine ms.
    Aber man macht sich schon verrückt wenn man hört wie viele Menschen da urplötzlich erkranken . Aber auch mir ist bekannt das man die Symptome in der Regel deutlich merkt.

  2. Hallo,

    ich finde den MS-DocBlog immer sehr interessant und biete selbst aus meiner Sicht, also aus Sicht eines Erkrankten, ebenfalls eine Seite an um Erkrankte und Angehörige die MS zu erklären, oder Gedanken zum Umgang mit alltäglichen Situationen und MS etc. Ich versuche meine Aufklärungs-Sticker möglichst kurz zu halten, da ich davon überzeugt bin, dass zu ausführliche Texte abschrecken. Daher wähle ich da eher, wie soll ich es benennen, es quasi in einer homöopatischen Dosis anzubieten und es klappt ganz prima.

    Zu finden ist meine Seite WellenLeben unter http://www.facebook.com/gedankenzums1 bzw, unter markswellenleben.wordpress.com
    Gruß Mark Knietsch

  3. Hallo,
    das ist sicher etwas dran – da es aber dauern kann, 1. mit einer Diagnose (bei mir 5 Jahre) und es dauert 2. auch mit einem Termin beim Neurologen: diese Broschüre vom UKE Hamburg ist zwar nicht die jüngste, bietet aber gute Informationen.
    Sowohl zur Diagnose, wie auch zum Thema Frühtherapie,
    http://www.ms-netz-hamburg.de/wp-content/uploads/2014/07/PEPADIP_Final_11-11-121.pdf
    Was ist der Nutzen einer frühen MS-Diagnostik?
    Der Nutzen einer frühen MS-Diagnosestellung ist umstritten. Eine frühe Diagnosestellung
    ist grundsätzlich dann sinnvoll, wenn ein guter Test und gute Therapiemöglichkeiten
    vorliegen, um den weiteren Krankheitsprozess entscheidend positiv zu beeinflussen. So wird durch frühe Diagnosestellung und Therapiebeginn versucht, unnötigen, bleibenden Schaden vom Patienten abzuwenden. MS-Medikamente sind jedoch nur begrenzt wirksam, nebenwirkungsreich und teuer…Hamburg, Juni 2009

    viele Grüße vom Burger :-)

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