Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Diagnose MS

Gebrauchsanweisung für den Arztbesuch?

Eigentlich sollte man ja meinen, das wäre nicht nötig. Trotzdem kann eine gewisse Ahnungslosigkeit, worauf es bei einem Arztbesuch ankommt, zu einem Aneinander-Vorbeireden und damit zu einem schlechten Behandlungsergebnis führen. Ich beziehe mich vor allem auf meine spezielle Situation – ich sehe ja sehr viele Patienten zu einer zweiten Meinung – soll entweder die Diagnose einer Multiplen Sklerose bestätigen oder verwerfen oder Patienten im Hinblick auf eine geeignete Therapie beraten.

Häufig hatten diese Patienten schon im Vorfeld mehrere Arztkontakte und haben schon viele Fragen und Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Trotzdem gilt auch heutzutage, wo viel mit Technik und Labortests gearbeitet wird, dass die wichtigste Informationsquelle der Patient selbst und seine Krankengeschichte ist. Die Erhebung der Krankengeschichte (die Anamnese) ist damit vor allem in Fächern wie Neurologie oder Innere Medizin vielleicht die wichtigste ärztliche Aufgabe.

Daher lasse ich mir gerne mit eigenen Worten noch einmal die Krankheitsgeschichte erzählen, was viele Patienten irritiert – denn, so wird mir häufig signalisiert, das „stehe doch alles in den Akten.“ Das ist aber nicht das Gleiche wie die Beschwerdeschilderung direkt vom Patienten zu hören, denn ein Akteneintrag enthält ja immer auch schon eine subjektive Wertung des Voruntersuchers – und die gilt es bei einer Vorstellung zur Zweitmeinung zu überprüfen.

Was mich dann vor allem interessiert, sind die subjektiv wahrgenommenen Beschwerden, ihre Stärke und die zeitliche Abfolge ihres Auftretens. In der Regel gebe ich Patienten immer erst die Möglichkeit frei über ihrer Beschwerde zu reden, später stelle ich eher geschlossene Fragen, um einen möglichst exakten Eindruck zu gewinnen. Und je genauer die Antworten sind, desto besser ist mein Überblick und meine Entscheidungsgrundlage.

Daher ist es in der Tat ratsam sich ein wenig auf einen Arztbesuch vorzubereiten – noch einmal zu rekapitulieren,

  • wie und wann ging die Erkrankung los,
  • wann sind Schübe aufgetreten,
  • welche Qualität hatten die Schübe,
  • wann wurden welche Medikamente eingenommen
  • etc.

Es gibt immer wieder Patienten, die mir eine subjektive Zusammenfassung ihrer Krankheitsgeschichte mitbringen, was sehr hilfreich ist. Allerdings sollte es sich wirklich auf die subjektive Wahrnehmung beschränken. Was mich nämlich eher weniger interessiert sind Schilderungen, wann man bei welchem Arzt war und was dieser oder jener Arzt gesagt hat – das kann ich in der Regel besser den Akten entnehmen.

Daher ist es auch von großem Wert, Zugriff auf die gesamte Aktenlage zu haben. Manche Patienten haben ganz großartig geordnete Akten, die sie mir zur Verfügung stellen, wieder andere haben nur ein paar ungeordnete Zettel dabei. Wie gesagt, je kompletter die Unterlagen, desto besser meine Entscheidungsgrundlage. Daher empfiehlt sich auch hier eine gewisse Vorbereitung des Arztbesuches mit Zusammensuchen der medizinischen Unterlagen. Ich erwarte dabei überhaupt keine Ordnung – ich bin gut darauf geschult die Dokumente herauszusuchen, die mich interessieren – die Hauptsache ist, die Informationen sind überhaupt verfügbar.

Das gilt auch für die bildgebende Diagnostik. Insbesondere, wenn es um die Diagnose einer MS geht, sind die MRT-Bilder von großer Bedeutung. Ich verschaffe mir dann gerne einen eigenen Eindruck, nicht, weil ich den Befunden der Radiologen nicht traue, sondern weil es zu meiner Aufgabe dazugehört, die Bilder im Kontext der Krankengeschichte zu bewerten – und das können die Radiologen nicht, denn sie beschäftigen sich lediglich deskriptiv mit den MRT- oder Röntgenbildern. Daher sollte man bei einem Arztbesuch zur Zweitmeinung auch immer die CDs mit der Bildgebung dabeihaben – und nicht nur die letzten Bilder, sondern am besten den gesamten Verlauf, denn nur so kann der Neurologe die Dynamik einer MS am besten bewerten.

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss – benutzten Sie bei der Beschwerdeschilderung ihre eigenen Worte, vermeiden sie medizinische Fachbegriffe, denn diese sind häufig ganz anders belegt und drücken unter Umständen nicht das aus, was Sie sagen wollen. Stellen Sie Dinge so dar, wie Sie sie persönlich erleben und empfinden.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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