Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Eindrücke vom AAN-Kongress – Risikofaktoren

In dieser Woche findet in Vancouver die Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN) statt. Für Neurologen ist diese Tagung einer der wichtigsten Kongresse im Jahr, denn hier präsentieren Kliniker und Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt ihre neuesten und wichtigen Forschungsergebnisse. Die Multiple Sklerose als eines der häufigsten neurologischen Krankheitsbilder nimmt hierbei natürlich auch immer einen wichtigen Platz ein und wird von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ich möchte in den nächsten Tagen versuchen, ausgewählte Themen ein wenig zu beleuchten und einen kurzen Überblick zu geben, wobei die Auswahl bei der Fülle der präsentierten Arbeiten nur sehr beschränkt ist und natürlich auch eine subjektive Auswahl darstellt. In der ersten Postersitzung zu MS am 16.04. wurden Risikofaktoren und pathophysiologische Aspekte der Multiplen Sklerose diskutiert. Ein interessantes Thema war hier der Zusammenhang zwischen Body mass index (BMI) und Schwere der Erkrankung (P1.37). Ein Forscherteam aus New York konnte bei einer Querschnittsuntersuchung von 573 MS-Patienten zeigen, dass sie mit einem BMI > 30 schwerer erkrankten als die Vergleichsgruppe mit einem niedrigeren BMI. Der BMI korrelierte hierbei signifikant mit dem P-MSSS, einem Score, der Behinderung und Krankheitsdauer integriert. Das Poster einer argentinischen Arbeitsgruppe (P.372) könnte eine Erklärung für diese Beobachtung geben: Der Hyperinsulinismus, der bei stark übergewichtigen MS-Erkrankten gefunden wird, scheint die Funktion regulatorischer T-Zellen zu beeinflussen – bei diesen modulierenden Zellen wurde ein Defekt in der IL-10 Produktion gemessen, einem anti-entzündlich wirkenden Botenstoff.

Die Bedeutung der Adipositas als Risikofaktor der MS wurde zudem durch zwei Arbeiten zur kindlichen MS unterstrichen. Eine große Beobachtungsstudie an 15 MS-Zentren in den Vereinigten Staaten mit fast 400 Fällen kindlicher MS und über 10.000 Kontrollen (P1.375) konnte einen Zusammenhang zwischen BMI und kindlicher MS zeigen. Auch eine kanadische Querschnittsstudie an 50 Patienten mit kindlichem Beginn der Multiplen Sklerose (P1.376) zeigte, dass mehr als die Hälfte der Probanden übergewichtig bzw. schwer fettleibig waren. Allerdings konnten die Autoren keinen Zusammenhang mit der Krankheitsschwere nachweisen. Die Zahl der Studien zu diesem Thema zeigt aber, dass die Verhinderung von Fettleibigkeit zukünftig ein wichtiges Thema bei der MS sein wird.

In diesem Zusammenhang ist natürlich auch immer wieder das Thema Ernährung von großem Interesse. Die Frage dreht sich bei bei vielen Arbeitsgruppen nicht ausschließlich um die Verhinderung von Übergewicht, sondern auch um die Frage, wie kann man ggf. durch Ernährung und Nahrungszusätze das Immunsystem modulieren. Hier sind die Arbeiten aus Bochum und Erlangen (P1.374) zur Rolle von kurzkettigen Fettsäuren von großem Interesse. Die Arbeitsgruppen von Ralf Gold und Ralf Linker konnten zeigen, dass ein Diät-Zusatz von Propionsäure sicher ist und zu einer signifikanten Reduktion von Th17 Zellen führt, eine Zellpopulation, die ganz wesentlich für die Entzündungsreaktion bei MS verantwortlich ist. Die Autoren propagieren daher Propionsäure als mögliche Zusatztherapie zu den etablierten MS Medikamenten. Eine interessante Arbeit zur Pathophysiologie der MS und zur Bedeutung der oligoklonalen Banden wurde von einer schwedischen Arbeitsgruppe vorgestellt (P1.370). Ziel der Arbeit war es zu bestimmen, ob das Vorhandensein von oligoklonalen Banden im Liquor prädiktiv für die Entstehung einer sekundär chronisch progredienten MS ist. Die Autoren konnten keinen Unterschied zwischen OKB+ und OKB- Patienten feststellen. Insgesamt wurden dafür mehr als 4.000 MS-Erkrankte in die Studie eingeschlossen. Es zeigte sich, dass immerhin 10% der Patienten OKB negativ waren. Das mag so ein wenig die Aussage mancher Kollegen relativeren „wenn die Banden negativ sind, ist eine MS fraglich“. Es zeigt sich, dass doch ein recht hoher Prozentsatz der MS-Patienten keine oligoklonalen Banden aufweist.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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3 Kommentare zu “Eindrücke vom AAN-Kongress – Risikofaktoren

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer,
    nach einer Studie an einer Tübinger Universität zur Boswellia-Säure die im Weihrauchharz enthalten ist,hilft es den MS Kranken die Entzündungsherde der Nerven heilen.
    Gibt es dazu schon Probanden,die dass ausprobieren?
    Da eine gute Bekannte jetzt auf den Rollstuhl angewiesen ist,bin ich entsetzt wie diese MS-Krankheit fortschreitet.

    Mit freundlichen Grüßen
    Michael Link

    1. Hallo Michael, diese Studie wurde wohl (zumindest wie mir bekannt ist) mangels finanzieller Mittel eingestellt : (( Mein Interesse daran war auch sehr groß, da ich Weihrauch in Eigenregie konsumiere seit Jahren.

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Mäurer!

    Für mich stellt sich da eine Frage: ist das Übergewicht nicht ein generelles Problem in den USA? Also ich könnte mir vorstellen, dass dort viel schneller übergewichtige MSler gefunden werden, weil dort generell die Fettleibigkeit prozentual höher ist als bspw. in Deutschland. Die meisten mir bekannten MSkranken sind eher untergewichtig.

    Für mich beweist die Studie aber, dass man die Ernährung in Zusammenhang mit der MS nicht kleinreden kann. Und dass man als Gesunder wie auch Kranker gut daran tut, seine Ernährung zu prüfen u diese um zu stellen. Ich persönlich bin sicher, dass mit einer passenden Ernährung hervorragende gesundende Effekte auf die MS-Gebrechen erzielbar sind. Denn immerhin sind die Dinge, die wir uns zuführen, unser „Treibstoff“. Und ich kann an mir ganz deutliche Effekte erkennen, je nach dem, was ich esse.

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