Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Eindrücke vom AAN-Kongress (2) – Biomarker

Bei der großen Auswahl an Medikamenten zur Therapie der MS stellt sich immer wieder die Frage, welches Medikament das individuell Richtige für den Erkrankten ist. Hier fehlen uns verlässliche Biomarker für eine Zuordnung. Unter dem Begriff Biomarker versteht man in der Regel einen Laborwert/Blutwert, dessen Größenordnung anzeigt, inwieweit ein Ansprechen auf ein Medikament zu erwarten und zu verzeichnen ist. Die Identifikation solcher Biomarker ist immer ein ganz wichtiges Thema auf Kongressen, und Ideen und Innovationen auf diesem Gebiet sind von großem Interesse. Auf dem AAN-Kongress in Vancouver konnte ein Forscherteam aus Tschechien und der USA zeigen (P3.019), dass es nach der Gabe von Interferon beta-1 a zu einer Reduktion der HDL-Cholesterinspiegels kommt und dass das Fehlen dieser initialen Absenkung mit einem schlechteren Ansprechen auf die Gabe von Interferon beta-1a assoziiert ist. Die betreffenden Patienten hatten einen größeren Hirnvolumenverlust und eine höhere Läsionsast nach 4 Jahren Beobachtungsdauer. Die Autoren schlagen somit vor, dass der HDL-Cholesterinwert ein einfacher Parameter ist, mit dem das Ansprechen auf ein Interferon-Präparat abgeschätzt werden kann.

Neben dem Ansprechen auf Therapien können Biomarker aber auch von Bedeutung sein, um den Erkrankungsverlauf besser eingrenzen zu können. Das Ziel hierbei ist von Beginn an einen Anhaltspunkt zu haben, ob eine MS eher mild oder eher progressiv verläuft. Auf der Grundlagen der Basisdaten der EXPAND-Studie, einer Studie zur Wirkung von Siponimod (einer Nachfolgesubstanz von Fingolimod) bei sekundär chronisch progredienter MS (SPMS) wurde das immunologische Basisprofil der Studienpatienten untersucht (P3.046). Die Kollegen konnten zeigen, dass Patienten mit einer SPMS mehr CD8 Lymphozyten und mehr B-Zellen im peripheren Blut hatten, hingegen fanden sich weniger Th2 CD4 Zellen. Die Erkenntnis, dass die SPMS ein anderes immunologisches Profil hat, könnte in Zukunft dazu führen, dass diese Verlaufsform in Zukunft besser indentifiziert werden kann und damit auch eine zielgerichtete Auswahl von Therapien erfolgen kann.

Einen Biomarker ganz anderer Art haben amerikanische Forscher aus Salt Lake City in ihren Fokus genommen (P2.088). John Foley und Kollegen haben sich dem Problem der Lymphopenie unter Therapie mit Dimethylfumarat (DMF) angenommen und konnten zeigen, dass das Lebensalter und die damit verbundene Immunoseneszenz ein Risikofaktor für eine therapiebedingte Lymphopenie darstellt. Das höhere Lebensalter könnte damit auch ein Risikofaktor für die Entstehung einer PML unter DMF Therapie darstellen.

Nach diesen Beispielen für die lebhafte Diskussion über Biomarker möchte ich noch ein wenig auf einige Arbeiten zu Fragen in der praktischen MS-Therapie eingehen. Eine Forschergruppe aus Boston hat den Wert einer Hormontherapie bei postmenopausalen Frauen mit MS untersucht und zeigen können, dass die Gruppe mit Hormonersatztherapie eine bessere Lebensqualität aufwies. Ebenfalls aus Boston wurde eine Arbeit präsentiert (P2.187), die einen Zusammenhang zwischen Typ I Allergien und einer erhöhten Krankheitsaktivität bei MS nachweisen konnte. Verantwortlich hierfür machen die Autoren die Zellpopulation der Mastzellen, die mit ihren Mediatoren eine Aktivierung von T-Zellen und Makrophagen, sowie eine erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke vermitteln. Schließlich wurde eine recht interessante Arbeit zum Absetzen der krankheitsmodifizierenden Therapie von einer spanischen Arbeitsgruppe präsentiert (P3.113). Die Autoren konnten zeigen, dass Patienten, die ihre Therapie in Absprache mit ihrem Arzt gestoppt haben, häufiger nach Absetzen stabil blieben als Patienten, die ihr Medikament aus eigenem Antrieb, ohne Besprechung mit dem behandelnden Arzt abgesetzt hatten. Diese Beobachtung ist ein klares Argument für ein gemeinsames Vorgehen von Arzt und Patient, auch bei der Frage nach der Beendigung einer Therapie.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

Ein Kommentar zu “Eindrücke vom AAN-Kongress (2) – Biomarker

  1. …Das höhere Lebensalter könnte damit auch ein Risikofaktor für die Entstehung einer PML unter DMF Therapie darstellen…
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    Von welchem Alter wird hier gesprochen ? 45 J ? 55 ? oder ab 60 Jahren ??

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