ECTRIMS 2021 (4): Wann die Therapie stoppen, wann das Intervall verlängern?

Wie lange muss eine Immuntherapie bei MS fortgesetzt werden? Wann kann man eine Therapie stoppen? Das sind Fragen, die nicht nur MS-Patienten sondern auch viele Neurologen beschäftigen. Natürlich kann man auf dem Standpunkt stehen, dass langanhaltende Stabilität unter einer Therapie absolut gewünscht ist und sich daher die Frage nach dem Absetzen einer Therapie bei MS überhaupt nicht stellt, auf der anderen Seite möchte man Patienten nicht länger mit Immuntherapeutika behandeln als es nötig ist. Vor diesem Hintergrund hat sich eine wissenschaftliche Sitzung auf dem diesjährigen ECTRIMS ausschließlich mit der Fragestellung beschäftigt:

Wann es rational ist eine MS-Immuntherapie zu stoppen. 

Dafür wurden zum einen die derzeit verfügbaren Studien zum Therapiestopp bei schubförmiger MS analysiert. Es zeigte sich bei der Analyse, dass es nicht sinnvoll is,t eine MS-Therapie vor dem 45. Lebensjahr zu beenden, auch wenn viele Jahre keine Aktivität mehr aufgetreten ist. Das Schubrisiko bei älteren Patienten ist hingegen nach Beendigung einer Immuntherapie eher gering – es zeigte sich, dass ein Alter > 55 Jahre und eine mehr als fünfjährige klinische und kernspintomographische Stabilität (NEDA 3) gute Prädiktoren darstellen, dass das Absetzen einer MS-Therapie gelingt. Zudem zeigt sich, dass die Kombination verschiedener Parameter wie Alter, Aktivität und Behinderung dazu dienen kann, Risikogruppen zu definieren.

Patienten, die in ihrem bisherigen Leben nur einen Schub gehabt haben, seit 5 Jahren keine Krankheitsaktivität für mehr als 5 Jahre gehabt haben und älter als 45 Jahre sind, haben ein eher geringes Risiko für das Auftreten von Schüben nach Beendigung einer Immuntherapie, wobei sich die Daten v.a. auf die Behandlung mit Interferonen und Copaxone beziehen.

Kriterien: Alter und stabiler Verlauf

Dementsprechend ist auch Vorsicht angebracht, wenn es darum geht hoch-effiziente Therapie wie Natalizumab oder Fingolimod zu beenden – hier können nicht die gleichen Maßstäbe wie bei Basistherapie angelegt werden. Häufig wird doch nach Absetzen dieser Substanzen ein entzündlicher Rebound beobachtet.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass bei älteren Patienten > 55 Jahren, die > 4 Jahre klinisch und kernspintomographisch unter Behandlung mit einer immunmodulatorischen Basistherapie stabil waren, das Absetzen der Therapie wahrscheinlich ohne Probleme gelingen kann. Endgültige Klärung dieser wichtigen Frage werden aber erst die Ergebnisse einiger prospektive Studien bringen, die kürzlich in verschiedenen Ländern gestartet wurden.

Längere Dosierungsintervalle?

Ein ähnlich interessantes Thema, dass auf dem diesjährigen ECTRIMS diskutiert wurde ist, ob eine Anti-CD20-Therapie (Rituximab, Ocrelizumab, Ofatumumab) unbegrenzt fortgesetzt werden soll und kann. Für viele Patienten mit Multipler Sklerose stellen diese Therspien mittlerweile eine bevorzugte Behandlungsmethode dar. Zuletzt wurden, vor dem Hintergrund langfristiger Nebenwirkungen, immer wieder längere Dosierungsintervalle diskutiert. Allerdings sind sich die Experten noch unsicher, ob die potenziellen Vorteile einer verlängerten Dosierung (wie z. B. die verbesserte Sicherheit) die potenziellen Risiken (wie z. B. einen Verlust der Wirksamkeit) überwiegen.

Zudem gibt es auch Stimmen, die zwar nicht bestreiten, dass Anti-CD20-Antikörper ein sehr wirksames Therapiekonzept darstellen, aber mahnen, dass die behandlungsbedingten Risiken, wie z. B. Infektionen kumulativ auftreten und ein unbegrenzter Einsatz gefährlich sein könnte. Eine Lösung könnte z.B. eine personalisierte Dosierung auf der Grundlage des Wiederauftretens der B-Zellen sein. Es wurde auch diskutiert, dass eine langfristige Erhaltungstherapie mit anti-CD20 Antikörpern vielleicht den falschen Ansatz darstellt und eine Induktionstherapie mit anschließender Deeskalation sinnvoller ist.

Auch hier zeigt sich, dass noch weitere Studien benötigt werden, um zu klären wie dieses wirksame Konzept auch langfristig sicher eingesetzt werden kann.

Mehr Informationen über die aktuell zugelassenen Immuntherapien bei Multipler Sklerose gibt es auf der AMSEL-Plattform MS behandeln.

[Anm.]: Die Blogbeiträge ECTRIMS (2) und ECTRIMS (3) erscheinen in den kommenden zwei Wochen.

2 Kommentare

  1. Ich bekomme jetzt seit 14 jahren tysabri und mir wurde von meiner Neurologin die Frage gestellt ob wir nicht umstellen. Nein ich habe kein jc und hatte es auch noch nie. Ich bin im moment bei einem 6 Wochen intervall, aber da dies nur weil eine leichte Aktivität der MS festgestellt wurde. Ich möchte mich jetzt auf 7 Wochen umstellen und ich muss dazu bevor ich es auf 6 Wochen umgestellt habe war ich 10 Jahre auf alle 8 Wochen ohne Schübe und keine spur von jc. Nun ist die große Frage soll ich Tysabri wirklich absetzen oder es lieber mit 7 Wochen versuchen. Ich mache mir sehr viele Gedanken dazu und bin im Moment wirklich am verzweifeln.

  2. Sehr interessanter Ansatz – bin gespannt auf weitere Studien und würde auch bei einer Studie mitmachen, wenn ich wüßte, wo.
    Habe Fingolimod nach 8 Jahren ohne Schübe und ohne neue MRT-Herde abgesetzt, da
    1. lt. neuer Leitlinie unter diesen Voraussetzungen durchaus eine Deeskalation möglich ist
    2. trotz doppelter Corona-Impfung mit BionTech absolut keine Antikörper gebildet wurden.
    Würde gerne mehr Berichte über Deeskalation auf DMSG lesen.
    Die Viren werden uns wie die MS leider lebenslang begleiten und somit sollte der Schutz für beide Bereiche gewährleistet sein.

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