Die neuen Leitlinien zur Therapie der Multiplen Sklerose

Mit dem Bekenntnis zur sog. Evidenzbasierten Medizin (EBM = „auf empirische Belege gestützte Heilkunde“) spielen Therapieleitlinien als wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlungen eine große Rolle. Leitlinien repräsentieren den aktuellen Stand eines Fachgebietes auf der Grundlage klinischer Studien und medizinischer Veröffentlichungen, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen. Die neuen Leitlinien zur Therapie der Multiplen Sklerose sind nun veröffentlicht.Die letzte Version der Leitlinien zur Therapie der Multiplen Sklerose datiert aus dem Jahr 2014. Zwischenzeitlich ist viel passiert, daher war eine neue Fassung der Leitlinien dringend erwartet und wurde am 17. Mai 2021 online gestellt. Für uns Neurologen sind die Therapieleitlinien von großem Interesse. Das ist sicherlich ein Grund für die große Erwartungshaltung und die kritische Kommentierung.  Aus Patientensicht bin ich mir gar nicht so sicher, ob die detaillierten Ausführungen tatsächlich von so großer Wichtigkeit sind. Andererseits ist es aber für Patienten sicher nicht uninteressant, sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft und die daraus resultierenden Entscheidungs- und Handlungsoptionen bei MS zu informieren. Daher hier für alle Interessierten der Link zu den neuen Leitlinien zur Therapie der Multiplen Sklerose auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Leitlinien als Leitplanke

Bei den aktuellen Leitlinien handelt es sich um eine sogenannte S2K Leitlinie. Bei einer konsensbasierten (k) Leitlinie handelt es sich um den Konsens multidisziplinärer Expertengruppen zu bestimmten Vorgehensweisen in der Medizin unter Berücksichtigung der besten verfügbaren Evidenz. Dies erklärt zum einen den langen Entstehungsprozess der Leitlinie. Und es macht zum anderen deutlich, dass die Leitlinie keine konkrete Handlungsanweisung, sondern vielmehr eine Leitplanke für die Therapie der Multiplen Sklerose darstellt. Die Umsetzung liegt bei der fallspezifischen Betrachtung immer im Ermessensspielraum des Behandlers.

Und aus Sicht vieler Behandler hat die aktuelle Version der Leitlinie nicht nur ungeteilte Begeisterung hervorgerufen – insbesondere was den Teil der Immuntherapie betrifft. Trotzdem soll an dieser Stelle den Autoren große Anerkennung für die sorgfältige und umfassende Aufarbeitung der Thematik auf über 200 Seiten gezollt werden.

Dreiteilung der Immuntherapeutika

Die Kritik bezieht sich vor allem auf eine Dreiteilung der verfügbaren Immuntherapeutika in verschiedene Wirkstärken, die sich durch die wissenschaftliche Datenlage nicht unzweifelhaft begründen lässt. Zudem resultiert aus der Einteilung auch bei einigen Wirkstoffen ein Widerspruch mit der behördlichen Zulassung. Desweiteren besteht die Befürchtung, dass die Dreiteilung der verfügbaren Medikamente dem mit MS weniger erfahrenen Neurologen suggeriert, man müsse die unterschiedlichen Wirksamkeitsstufen der Immuntherapien nacheinander „abarbeiten“. Dadurch könnte gerade bei aktiveren und schwerer betroffenen MS-Kranken unnötige Zeit verloren gehen, bevor eine ausreichend wirkstarke Therapie begonnen wird.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die recht marginale Auseinandersetzung mit dem Konzept einer gepulsten Immuntherapie, obwohl dies für Patienten insbesondere in den Frühphasen der Erkrankung große Vorteile haben kann. Auch die defensive Haltung zur Frühtherapie der Multiplen Sklerose und die recht großzügige Bewertung des Absetzens einer Immuntherapie haben zu Kritik geführt.
Da ich persönlich häufig einen aktiven Therapieansatz vorschlage und das Risiko einer „Übertherapie“ bei MS als gering betrachte, hätte ich mir eine aggressivere und proaktivere deutsche Leitlinie gewünscht. Dies wäre auch mehr in Übereinstimmung mit der europäischen Leitlinie (ECTRIMS/EAN 2018) und den meisten internationalen Fachgesellschaften. Sie vertreten den Standpunkt, dass durch den Einsatz hochwirksamer Therapien die Möglichkeit besteht, eine langjährige Stabilisierung der Erkrankung, ggf. sogar eine Reduktion der Krankheitsschwere zu erreichen, wenn das Entzündungsgeschehen so früh und so vollständig wie möglich gestoppt wird.

Noch ein Hinweis in eigener Sache:

Am 9. Juni 2021 ab 19 Uhr veranstaltet das Klinikum Würzburg Mitte einen Online-Infoabend zum Thema Corona-Impfung und MS. Es sind alle herzlich eingeladen!
Menschen, die unter der Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose (MS) leiden, hat die Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Viele haben sich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus zurückgezogen. Der heutige Welt-MS-Tag stand deshalb in diesem Jahr unter dem Motto „Stay connected. Wir bleiben in Verbindung!“
Das Klinikum Würzburg Mitte macht mit und bietet am 9. Juni um 19.00 Uhr einen Online-Infoabend für Betroffene, Angehörige und Interessierte an. Hier informiere ich über Covid-19 und Multiple Sklerose, Möglichkeiten einer Impfung für Betroffene und den Impfschutz bei laufender Immuntherapie. Im Anschluss besteht natürlich die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Für die Teilnahme ist keine Anmeldung erforderlich, klicken Sie einfach zum Startzeitpunkt auf nachfolgenden Link: https://kwm.clickmeeting.com/covid-impfung-bei_ms

Ein Kommentar

  1. Eine Leitline in kompakten 300 Seiten :).
    Interessant fand ich:
    A.2.2.1 – Schubtherapie mit Methylprednisolon bietet keinen Langzeitvorteil.
    B.3 – Die Diskussion um Diroximel-fumarat (DRF).
    B 11.3 – Propionsäure – „Ergebnisse stehen noch aus“ (Schade).
    B.12 Jahrestherapiekosten (wow)
    Tecfidera: 9.540 €
    Gilenya: 17.864 €
    Ocrevus: 20.500 €
    C.2.1 – „… Beendens einer Immuntherapie bei älteren Patienten gibt es Hinweise, dass es nach dem Absetzen nur selten zum erneuten Auftreten von Schüben kommt“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Unsere Website verwendet Cookies und sammelt dabei Informationen über Ihren Besuch, um unsere Website zu verbessern (durch Analyse), Ihnen Social Media-Inhalte und relevante Werbung anzuzeigen. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite . Sie können zustimmen, indem Sie auf die Schaltfläche "Akzeptieren" klicken.

Cookie-Einstellungen

Unten können Sie auswählen, welche Art von Cookies Sie auf dieser Website zulassen. Klicken Sie auf die Schaltfläche "Cookie-Einstellungen speichern", um Ihre Auswahl zu übernehmen.

FunktionalUnsere Website verwendet funktionale Cookies. Diese Cookies sind erforderlich, damit unsere Website funktioniert.

AnalyticsUnsere Website verwendet analytische Cookies, um die Analyse und Optimierung unserer Website für a.o. die Benutzerfreundlichkeit.

Social mediaUnsere Website platziert Social Media-Cookies, um Ihnen Inhalte von Drittanbietern wie YouTube und FaceBook anzuzeigen. Diese Cookies können Ihre persönlichen Daten verfolgen.

WerbungUnsere Website platziert Werbe-Cookies, um Ihnen Werbung von Drittanbietern zu zeigen, die Ihren Interessen entspricht. Diese Cookies können Ihre persönlichen Daten verfolgen.

AndereAuf unserer Website werden Cookies von Drittanbietern von anderen Diensten von Drittanbietern platziert, bei denen es sich nicht um Analysen, soziale Medien oder Werbung handelt.