Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Das Will-Rogers Phänomen

Das Will-Rogers-Phänomen (auch als „stage migration“ oder „Phasenmigration“ bezeichnet) ist ein Effekt, der bei der Mittelwertbildung von Gruppen auftreten kann.

Das Phänomen ist nach dem amerikanischen Humoristen Will-Rogers bezeichnet, der gesagt hat: “When the Okies left Oklahoma and moved to California, they raised the average intelligence level in both states.” (deutsch: „Als die Okies (Einwohner von Oklahoma) Oklahoma verlassen haben und nach Kalifornien umzogen, haben sie die durchschnittliche Intelligenz in beiden Staaten angehoben.“)

Im Jahr 1985 wurde der Begriff „Will Rogers Phenomenon“ erstmals vorgeschlagen, um die „Stadienmigration“ zu beschreiben, die bei Patienten mit Krebserkrankungen beobachtet werden konnten. Änderungen der Kriterien für die Zuweisung von Patienten zu den verschiedenen Stadien einer Krebserkrankung können zu einer falschen Verbesserung der stadienspezifischen Prognose führen, auch wenn sich das Behandlungsergebnis für den einzelnen Patienten nicht verändert hat.

In der Onkologie haben neue bildgebende Verfahren den Nachweis von Krebsmetastasen ermöglicht, bevor sie klinisch sichtbar wurden. Folglich konnten durch die Anwendung der Bildgebung mehr Patienten dem schwereren metastatischen Krankheitsstadium zugeordnet werden, die vor Verfügbarkeit der Bildgebung dem weniger schweren isolierten Tumorstadium zugeordnet wurden. Eine solche „Migration“ der Patienten in ein anderes Stadium führt (bei der Mittelwertbildung der neu entstandenen Gruppen) zu einem verbesserten Überleben der Patienten – und zwar sowohl in den weniger schweren als auch in den schwereren Krankheitsstadien.

Auch die Multiple Sklerose unterliegt seit der Einführung der McDonald-Kriterien, die sich sehr stark auf die Bildgebung mit dem MRT stützen, ebenfalls dem Will Rogers-Phänomen. Angesichts der Sensitivität der Magnetresonanztomographie zur Erkennung von Krankheitsaktivität – man nimmt an, dass die Beurteilung mit der MRT ca. fünf- bis zehnmal sensitiver ist als die der klinischen Beurteilung – ermöglichen die McDonald-Kriterien eine frühere Diagnose. Somit kommt es demnach jedes Mal bei der Veränderung der McDonald Kriterien zu der oben beschriebenen „Stadienmigration“.

Dementsprechend schränkt das Will-Rogers-Phänomen die Verwendung von historischen Kontrollgruppen, vor allem in experimentellen Behandlungsstudien ein. Wenn Gruppen verglichen werden, bei denen unterschiedliche diagnostische Kriterien angewendet wurden (also z.B. historische Kontrollgruppen aus den 80iger Jahren im Vergleich mit heutigen Behandlungsgruppen), kann dies zu einer „falschen Verbesserung“ der mittelfristigen Prognose einer Multipler Sklerose führen, bzw. zur fälschlichen Interpretation von Behandlungseffekten führen.

Daher ist die Kritik an den Änderungen der Diagnosekriterien, die ja häufig in den Kommentaren zu meinen Beiträgen zu diesem Thema auftaucht, nicht ganz unberechtigt. Man muss aufpassen, dass man angesichts der Stadienmigration bestimmte Therapieeffekte im Langzeitverlauf der MS nicht überinterpretiert. Auf der anderen Seite halte ich es trotzdem für sinnvoll, die Diagnosekriterien der MS möglichst sensitiv zu gestalten, denn für den individuellen Patienten ist das durchaus ein wichtiger Fortschritt.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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