COVID 19 Impfung und Multiple Sklerose – Nachlese

Kürzlich habe im AMSEL Expertenchat zum Thema „COVID 19 Impfung und MS“ mitgemacht. Viele Antworten zu den häufigsten Fragen hatte ich bereits im MS-Docblog gegeben – kurz zusammengefasst: Die Impfung ist sinnvoll bei MS, sie ist nicht gefährlich und kann auch bei laufender Immuntherapie gegeben werden, allerdings mit der Möglichkeit eines nicht 100%igen Impferfolges.
Diese Einschränkung des Impferfolges, die v.a. bei Anwendung B-Zell depletierender Therapien (Rituximab, Ocrelizumab) vorkommen kann, hat viele Teilnehmer des Chats beschäftigt. Häufig wurde die Frage gestellt, ob man nicht nach der Impfung unter einer laufenden Immuntherapie Titerkontollen durchführen sollte, um den Impferfolg zu dokumentieren. Grundsätzlich ist dies eine sehr gute Anregung. Im Moment ist allerdings überhaupt nicht klar, wie die Titerhöhe mit der Wirksamkeit korreliert – zumal auch die Ausbildung einer T-Zell-Immunität einen wirksamen Schutz vermitteln kann. Darüber hinaus kann ich mir nicht vorstellen, wie man Titer-Kontrollen derzeit logistisch etablieren sollte. Vielleicht wird ein solches Vorgehen in der Zukunft eine Rolle spielen, aber sicher nicht jetzt, da das das gesamte System nur darauf ausgelegt ist, maximal viele Menschen zu impfen. Und weil man davon ausgehen kann, dass eine Impfung in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auch unter einer Immuntherapie funktioniert, sollte man sich erst einmal impfen lassen – die Frage nach dem Impferfolg kann man dann später klären und dann ggf. nachsteuern.

Eine weitere wichtige Frage war die nach dem optimalen Impfstoff für MS-Patienten. Letztlich ist diese Frage müßig, denn es gibt in dem Sinn keine Wahl, der Impfstoff wird einfach nach Verfügbarkeit verteilt. Derzeit sind ja in Deutschland drei Impfstoffe verschiedener Hersteller verfügbar, zwei mRNA Impfstoffe von Biontech und Moderna, die sehr gute Wirksamkeitsdaten in allen Altersgruppen hatten und ein Vektor-Impfstoff von AstraZeneca. Die Wirkung des Vektorimpfstoffes war in den Studien etwas geringer, außerdem wurde der Impfstoff von AstraZeneca nur an verhältnismäßig wenigen Patienten oberhalb des 65.  Lebensjahres getestet. Dies ist der Grund, warum die ständige Impfkommission (STIKO) die Anwendung des Impfstoffes in Deutschland nur bei Personen unter 65 Jahren empfiehlt, obwohl die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) den Impfstoff für alle Altersgruppen zugelassen hat. Diese Diskrepanz und die ganze Diskussion um die Wirksamkeitsdaten trägt sicherlich nicht zum Vertrauen der Bevölkerung in den Vektorimpfstoff bei. Das ist eigentlich ziemlich unsinnig, denn die Daten des AstraZeneca Impfstoffes sind objektiv betrachtet für einen Impfstoff sehr gut (wenn auch nicht so gut wie für die mRNA Impfstoffe).

Nun möchten sich viele MS-Patienten gerne impfen lassen – viele sind auch echt enttäuscht, dass sie trotz chronischer Erkrankung und Behandlung mit Immuntherapien nicht zur Gruppe mit der höchsten Priorität gehören, sondern erst in der 3. Prioritätsstufe gelistet sind, also hinter den hochbetagten > 80 Jahren (1. Priorität) und den älteren Mitbürgern > 70 Jahren (2. Priorität). Nun wird bald der AstraZeneca Impfstoff in größeren Mengen verfügbar sein, der aber (zumindest aktuell) nicht für > 65 Jahre empfohlen wird. Das könnte dazu führen, dass viele MS-Patienten, die ja insbesondere, wenn sie immunmodulatorisch behandelt werden, meist jünger sind, früher geimpft werden könnten als erwartet – allerdings in erster Linie mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca. Dazu meine Empfehlung: Vergessen Sie die ganzen negativen Schlagzeilen, auch dieser Impfstoff ist wirksam und ein Schritt zurück in die Normalität. Also, nutzen Sie das mögliche Angebot und spekulieren Sie nicht über die unterschiedlichen Impfstoffe.

Apropos, negative Schlagzeilen: häufig bleibt einem nur noch Kopfschütteln – die Zeitungen und Newsportale überbieten sich mit schlechten Nachrichten und problematisieren ohne Unterlass. Eigentlich ist die Zeit für uns alle schwer genug – keiner braucht schlecht recherchierte Meldungen über „Virusmutanten“ oder „Impfstoffdisaster“ mit dem immer gleichen Ziel, sich gegenseitig im Skandalisieren zu überbieten. Letztlich ist es doch erst einmal fantastisch, dass wir überhaupt über wirksame Impfstoffe verfügen und absehen können, dass – vielleicht mit ein wenig Verzögerung – große Teile der Bevölkerung im Sommer geimpft sind und die Pandemie zum Stoppen kommen wird.

Hier hat auch der wissenschaftliche Journalismus eine Verantwortung – eine wissenschaftliche Arbeit ist nicht mehr wert, wenn sie medial vermarktet wird – was derzeit ziemlich einfach ist, wenn COVID 19 in der Überschrift steht und sich potentiell etwas Bedrohliches konstruieren lässt. So geschehen in einer Pressemitteilung der Pressestelle der Universitätsklinik Mannheim (https://idw-online.de/de/news762033) zu einer wissenschaftlichen Arbeit, die im Fachblatt Neurology Neuroimmunology Neuroinflammation (Fuchs et al. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2021;8:e957) von Autoren aus Mannheim/Heidelberg und Basel publiziert wurde und die den histologischen Sektionsbefunde einer 67 jährigen Patientin mit langjähriger sekundär chronisch progredienter MS beschreibt, die an einer COVID 19 Infektion verstorben ist.

Die Pressemiteilung ist überschrieben mit „Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?“ und führt folgende Fragen aus: „Mit der Krankheit (Anm. des Autors: MS) verbunden ist auch eine Störung der Blut-Hirn-Schranke, die es fehlgeleiteten Immunzellen ermöglicht, die Barriere zwischen Blutbahn und Gehirn zu überwinden und das Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark zu schädigen. Macht sich das Coronavirus diese Schwachstelle ebenfalls zunutze, um in das Nervenzellgewebe des Wirtes einzudringen?“ – Man kann sich in etwa vorstellen, was bestimmte Medien aus dieser Mitteilung machen, und was ich wahrscheinlich in den nächsten Tagen von MS-Betroffenen gefragt werde.

Dabei belegt die Arbeit viel mehr die bereits kommunizierte Sichtweise, dass SARS-CoV in der Regel nicht neurotrop ist (also nicht in das Hirngewebe eindringt) und auch nicht zu einer Aktivitätszunahme der MS führt. Denn obwohl die Patientin schwer an COVID19 erkrankt war, finden sich histologisch keine Zeichen für eine Aktivierung der MS-Läsionen im Hirn der Patientin und Virus RNA wurde auch nicht im Hirngewebe der Patientin nachgewiesen, sondern nur an bestimmten Grenzflächen zum Gehirn. Die Autoren schlussfolgern daher: „Although this is a single case of a COVID-19-affected patient with a long-standing history of progressive MS, our findings provide no evidence for MS disease exacerbation or lesion (re)activation. These results are in line with recent clinical studies on stable disease in patients with COVID-19 with other autoimmune diseases.“ (Übersetzt: Obwohl es sich um einen Einzelfall einer COVID19 Infektion bei einer MS Patientin mit einer langjährigen progressiven MS handelt, zeigen unsere Ergebnisse keine Hinweise auf eine Exazerbation der MS oder (Re-) Aktivierung von MS Läsionen. Diese Ergebnisse stimmen mit den jüngsten klinischen Studienergebnissen überein, dass Autoimmunerkrankungen bei COVID19 Patienten stabil bleiben.)

Eigentlich ein recht ermutigender und interessanter Befund – man hätte also auch titeln können: „COVID 19 führt nicht zu einer Aktivitätszunahme der MS“ – aber das ist ja eine positive Nachricht und erregt wesentlich weniger Aufmerksamkeit.

 

3 Kommentare

  1. Aber ist der Vektorimpfstoff von AstraZeneca bei immunsuppressiver Therapie nicht kontraindiziert wegen der darin enthaltenen lebenden Viren?

  2. Hallo, ich bin 55 Jahre habe sekundär MS offiziell seit 2000 und 2016 einen Schlaganfall. Ich vertrage fast nichts mehr, auch kein Cortison. Hab jetzt das neue Medikament Mayzent. Bin in einer Studie als Probant. Hab zwar auch NW, aber nehme es trotzdem. Ich weiss nicht, ob ich mich Corona impfen lassen soll. Hab Angst auch da NW zu haben, da ich alle Medikamente von MS- Probiert habe. Können sie mir bitte einen Rat geben. MfG Sylvia Baumgärtel

  3. Hallo, ich bin 55 Jahre habe sekundär MS offiziell seit 2000 und 2016 einen Schlaganfall. Ich vertrage fast nichts mehr, auch kein Cortison. Hab jetzt das neue Medikament Mayzent. Bin in einer Studie als Probant. Hab zwar auch NW, aber nehme es trotzdem. Ich weiss nicht, ob ich mich Corona impfen lassen soll. Hab Angst auch da NW zu haben, da ich alle Medikamente von MS- Probiert habe. Können sie mir bitte einen Rat geben. MfG Sylvia Baumgärtel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.