Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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„Blutwäsche“ bei MS?!

Wenn über „Blutwäsche“ bei MS gesprochen wird, so sind damit bestimmte Plasmaaustauschverfahren gemeint, die bei schweren MS-Schüben zum Einsatz kommen können, wenn man mit Kortison keinen ausreichenden Effekt erzielt hat.Der Laienbegriff „Blutwäsche“ beschreibt eigentlich die sog. Dialyse, eine Nierenersatztherapie, die zum Einsatz kommt, wenn die Nieren aufgrund unterschiedlicher Krankheiten nicht mehr richtig arbeiten. Dann fällt die Entgiftungsfunktion der Nieren aus – die für den Körper schädlichen/tödlichen Giftstoffe werden dann durch die Dialyse (Blutwäsche) aus dem Blut gewaschen.

Bei der „Blutwäsche“, die bei MS zum Einsatz kommen kann, handelt es sich im eigentlichen Sinn um zwei unterschiedliche Plasmaaustauschverfahren, nämlich die Plasmapherese und die Immunabsorption. Technisch werden dafür zwar ähnliche Geräte wie bei der Dialyse verwendet, aber die Zielsetzung ist eine andere als bei der Dialyse.

Bei der Plasmapherese werden Blutplasma (der flüssige Anteil des Blutes) und Blutzellen (die Erythrozyten = rote Blutkörperchen) voneinander getrennt, das Plasma wird gesammelt und durch Humanalbumin (ein Hauptprotein des Blutplasmas)-Lösung ersetzt und dann zusammen mit den Blutzellen zurück in den Körper des Patienten gegeben.

Auch bei der Immunabsorption werden Blutzellen und Plasma getrennt, das Plasma läuft über eine „Säule“, die die sog. Immunglobuline (= Antikörper) aus dem Plasma bindet (absorbiert). Das so um die Immunglobulinfraktion bereinigte Plasma wird dann wieder zusammen mit den Blutzellen in den Körper des Patienten zurückgegeben.

Bei Methoden haben somit zum Ziel u.a. die Immunglobulinfraktion, also die immunologisch relevanten Antikörper, aus dem Blutplasma eines MS-Patienten zu entfernen. Bei der Plasmapherese auf eine etwas gröbere Art, denn man verliert außer den Immunglobulinen auch noch alle anderen Plasmaproteine, bei der Immunabsorption auf eine spezifischere Art, denn die Methode zielt ausschließlich darauf ab, die Antikörperfraktion aus dem Patientenblut zu entfernen.

Warum können diese Methoden bei MS sinnvoll sein? Im akuten MS-Schub wird die Myelinscheide durch verschiedene Immunzellen attackiert, aber auch Antiköper spielen bei der Attacke auf die Myelinscheide eine Rolle. Da die Antikörper gegen die eigene Myelinscheide gerichtet sind, sprechen wir auch von Autoantikörpern. Während Immunzellen durch Kortison in ihrer Aktivität „gebremst“ werden, hat Kortison keinen Effekt auf schon vorhandene Autoantikörper. Wenn ein Schub nicht gut auf Kortison anspricht, geht man also davon aus, dass möglicherweise Autoantikörper die entscheidende Rolle spielen – und die lassen sich eben durch die og. Plasmaaustauschverfahren entfernen.

Nun können sie sich wahrscheinlich vorstellen, dass diese Plasmaaustauschverfahren technisch relativ aufwendig sind. Dazu sind sie auch für den Patienten nicht so ganz angenehm, denn das gesamte Blut muss ja aus dem Körper raus und dann wieder rein. Dafür muss man einen großlumigen Katheter in die Halsvene legen, der dort auch für die Dauer der Prozedur (mehrere Tage) verbleibt – die Methode ist also ziemlich invasiv, und ein solcher Venenkatheter birgt auch das Risiko für Komplikationen.

Es versteht sich damit von selbst, dass die Plasmaaustauschverfahren nur als Reservetherapie bei schweren Schüben in Frage kommen, also wenn das Augenlicht oder die Gehfähigkeit akut bedroht ist. Bei milderen Schüben, vor allem bei den häufig vorkommenden sensiblen Reiz- oder Ausfallerscheinungen, würde man, auch wenn die Symptomatik für den betroffenen Patienten unangenehm ist, keine Plasmaaustauschbehandlung anbieten.

Und auch bei schweren Schüben fangen wir erst einmal mit einer Kortison Therapie an und warten für ca. 2 Wochen, ob sich ein Erfolg einstellt, bevor wir eine Plasmaaustauschbehandlung beginnen. Anders sieht es aus, wenn aus der Vergangenheit bekannt ist, dass eine Plasmaaustauschbehandlung gut gewirkt hat – dann kann man direkt wieder auf dieses Verfahren zurückgreifen – vorausgesetzt die Symptomatik rechtfertigt das Vorgehen. Aber noch besser ist es natürlich, wenn es gar nicht mehr zu weiteren Schüben kommt, weil die langfristige Immuntherapie entsprechend angepasst wurde.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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2 Kommentare zu “„Blutwäsche“ bei MS?!

  1. Also bis auf den unschönen Shaldon-Katheter und den möglichen Risiken ist es angenehmer als die übliche Behandlung mit Methylprednisolon und dazu auch noch um einiges wirksamer.

  2. Die Blutplasmawäsche ist bei mir sehr gut angeschlagen. Danach war ich ein neuer Mensch War sehr verwirrt gewesen mit ms und Epilepsie war es gar nicht so einfach mit Biopsie etc. Dank lemtrada bin ich jetzt gut eingestellt und super fit. Hoffe das bleibt für immer so

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