Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Berufswahl mit MS

Die MS wird durch die flächendeckende Verfügbarkeit des MRT, größere „Awareness“ bei Ärzten und Patienten und sensitiveren Diagnosekriterien immer früher diagnostiziert. Häufig wird die Diagnose in der Ausbildung oder im Studium, oder zu mindestens noch vor der endgültigen Festlegung auf einen Beruf gestellt. Und daher werde ich auch häufiger mit der Frage nach der Berufswahl mit MS konfrontiert.

Grundsätzlich stehe ich auf dem Standpunkt – das wissen diejenigen, die meinem Blog folgen, bzw. mich persönlich kennen – dass die MS keinen zu großen Einfluss auf das Privatleben und die persönlichen Ziele und Vorstellungen eines Betroffenen haben sollte.

Zudem bin ich auch der Meinung, dass mit den heute verfügbaren Medikamenten sehr oft eine so gute Krankheitskontrolle möglich ist, dass ein relativ normales Leben mit MS möglich ist.

Auf der anderen Seite kann man nicht jedem Erkrankten einen positiven Verlauf versprechen. Da man einen Beruf nicht beliebig wie ein Kleidungsstück wechseln kann und die Berufswahl eine langfristige Entscheidung ist, ist man vor diesem Hintergrund als MS Betroffener gut beraten, bei der Berufswahl bewusst vorzugehen.

Dementsprechend bergen Berufe, die eine sehr starke Abhängigkeit von körperlichen Fähigkeiten haben, ein gewisses Risiko. Es ist immer möglich, dass durch einen MS-Schub Veränderungen auftreten, die Auswirkungen auf den Beruf haben können. So würde ich, wenn ich z.B. bei einem Polizeianwärter eine MS diagnostiziere, daran erinnern, dass man für den Dienst an der Waffe uneingeschränkte körperliche Fähigkeiten benötigt. Wenn die Berufswahl aber insbesondere mit dem Blick auf den Außendienst als Polizist erfolgt, dann könnte hier das Risiko einer späteren Enttäuschung bestehen. In ähnlicher Weise würde ich einem Medizinstudenten empfehlen, bei seinen Karrierevorstellungen nicht nur die Chirurgie in Betracht zu ziehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man die oben genannten Berufe als MS-Betroffener nicht genauso gut ausüben kann wie ein Nicht-Betroffener, aber es ist in jedem Fall sinnvoll, bewusste Überlegungen anzustrengen. Es kann dabei auch sinnvoll sein, seinen Neurologen mit einzubeziehen – denn auch wenn man als Arzt keine exakten individuellen Vorhersagen machen kann, so sind doch Abschätzungen möglich, und das mag ja auch bei einer Entscheidung für oder gegen eine Beruf helfen.

Noch ein anderer Aspekt ist wichtig. MS-Patienten bekommen durch die Erkrankung in der Regel keine globalen intellektuellen Einschränkungen, was bedeutet, dass körperlich wenig belastende Berufe immer eine gute Wahl sind. Die MS führt aber nicht selten zu spezifischen Teilleistungsstörungen und dem Phänomen der vermehrten Erschöpfbarkeit (Fatigue). Diese Störungen interferieren aus meiner Erfahrung sehr häufig mit dem Berufsleben – in der Regel sind es gar nicht die körperlichen Einschränkungen, die Probleme machen, sondern die verminderte Fähigkeit zum Multitasking und die verminderte Leistungsfähigkeit im Vergleich zu nicht betroffenen Arbeitnehmern.

Daher ist es auch wichtig, dieses Spezifikum der Erkrankung in seine Überlegungen zur Berufswahl mit einzubeziehen: Bietet mein Beruf die Möglichkeit zu ausreichenden Pausen, zu einer flexiblen Gestaltung meines Arbeitstages und inwieweit kann ich individuelle Bedürfnisse einbringen. Und nicht zuletzt lohnt sich bei der Berufswahl auch der Blick auf die Fairness des Arbeitgebers gegenüber Menschen mit Einschränkungen.

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

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